Osnabrück
Hendrik Holts Corona-Deal beschäftigt auch Justiz in Niederlanden
Mit Desinfektionsmitteln wollte der geständige Windkraftbetrüger Hendrik Holt kurz vor seiner Festnahme noch Millionen verdienen. Die Nachwehen des Corona-Deals beschäftigen nicht nur die Justiz in Deutschland. Auch Gerichte in den Niederlanden sind eingeschaltet.
Als die Osnabrücker Ermittler am frühen Morgen des 17. April im Jahr 2020 die Luxussuite von Hendrik Holt im Berliner Hotel Adlon betraten, beendeten sie in diesem Moment nicht nur das Märchen des Emsländers vom erfolgreichen Windkraftwunderkind.
Sie ließen durch die Festnahme des Jungunternehmers auch einen Millionendeal mit Desinfektionsmitteln vorzeitig platzen. In die Geschäftsabwicklung wollte die Holt-Gruppe sogar den damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einbinden.
Daraus wurde nichts. Hendrik Holt zog von der Suite in Berlin um in eine Zelle in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Vor dem Landgericht in Osnabrück läuft seit Monaten ein Prozess wegen der mutmaßlichen Millionenbetrügereien im Windkraftsektor.
Doch die Geschichte des Corona-Deals ist damit noch nicht zu Ende. Holts vormalige Geschäftspartner - ein Importunternehmen und eine große Versandapotheke - kamen zusammen, um das Geschäft doch noch irgendwie abzuwickeln. Aber eben ohne Holt. Das zeigen Gerichtsunterlagen aus den Niederlanden. Beide Firmen wollen sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht äußern.
Sie streiten darum, ob es zwischen ihnen eine Vereinbarung zur Lieferung gab oder nicht. Der Importeur sagt ja, die Versandapotheke nein. Es geht um einen mutmaßlichen Millionenschaden. Deswegen befasst sich nun auch die Justiz im Nachbarland mit der Lieferung von Desinfektionsmitteln aus China, die Holt zumindest ursprünglich an die Bundesregierung verkaufen wollte.
Aus den Unterlagen geht hervor, dass der vermeintlich erfolgreiche Windkraftunternehmer kaum hinter Gittern saß, als sich Vertreter der Importfirma und der Versandapotheke in Herleen in den Niederlanden trafen, um möglicherweise doch noch ins Geschäft zu kommen. Dabei ging es um zigtausende Halbliterflaschen Hand-Desinfektionsmittel zum Stückpreis von 2,50 Euro. Zu Beginn der Corona-Pandemie war dies eine gleichsam begehrte wie seltene Ware. Entsprechend hohe Preise wurden gezahlt.
Den Preis von 2,50 Euro sollte nach Vorstellungen des Importeurs zumindest die Versandapotheke pro Flasche zahlen. Offenbar war man zunächst nicht abgeneigt, auch wenn ein möglicher Rabatt angesprochen wurde: Weil Holt nicht länger zwischengeschaltet worden wäre.
An wen die Ware dann wiederum zu welchem Preis weiterverkauft werden sollte, bleibt unklar. Auch dieses Geschäft scheiterte letztlich. Zuvor hatte schon die Bundesregierung gegenüber Holt dankend abgelehnt.
Bundesgesundheitsminister Spahn persönlich hatte dessen Cheflobbyisten mitgeteilt, dass der Bund Lieferungen mit entsprechender Vorkasse nicht mehr benötige. Wenige Tage später wurden Holt und andere wegen mutmaßlicher Millionenbetrügereien im Windkraftsektor festgenommen. Sie haben gestanden, großen Energiekonzernen ganz oder teilweise erfundene Windparks angedreht zu haben.
Das Geschäft mit dem Desinfektionsmittel soll zumindest im Ansatz solider gewesen sein, heißt es aus informierten Kreisen. Den Gerichtsunterlagen aus den Niederlanden ist zu entnehmen, dass es sogar schon einen Entwurf für ein Etikett gab, das auf die Flaschen geklebt werden sollte. Als Importeur genannt: ein Holt-Tochterunternehmen aus den Niederlanden.
Die große Internetapotheke glaubte allem Anschein nach an das mögliche Geschäft mit Holt und überwies zunächst rund zwei Millionen Euro auf ein Konto der Holt-Gruppe - offenbar eine Art Vorauskasse für erwartete Lieferungen. Nach der Festnahme der Emsländer gelang es so gerade eben noch, das Geld zurückzutransferieren.
Inwieweit dem Konzern finanzieller Schaden durch die Geschäftsbeziehung zu Holt entstanden ist, bleibt unklar. Auch dazu äußert sich die Versandapotheke nicht. Anzeige erstattet hat das Unternehmen jedenfalls nicht.
Vor Gericht streiten sich Importeur und Apotheke nun darum, ob zwischen ihnen eine Geschäftsvereinbarung bestand oder nicht, den Millionen-Auftrag auch ohne Holt abzuwickeln. Der Importeur ist dieser Auffassung und hatte deswegen offenbar schon in größeren Mengen Desinfektionsmittel in China geordert. Laut Gerichtsunterlagen lagert die Ware nun in einem Lagerhaus in Deutschland und wartet auf einen Abnehmer.
Die Apotheke indes bestreitet, dass ihre Vertreter zumindest mündlich bei dem Treffen in Herleen eingewilligt hätten, das Desinfektionsmittel abzunehmen. Man habe einen zweiten Fall Holt ausschließen wollen und deswegen den Geschäftspartner und das Angebot dieses Mal besonders gründlich überprüft. Offenbar kamen dem Konzern dabei Zweifel an der Seriosität des Importeurs. Zu keiner Zeit sei die Abnahme von Ware zugesagt worden, so die Versandapotheke vor Gericht.
Das Gericht in Maastricht teilte diese Auffassung in erster Instanz und wies die Klage des Importeurs ab. Der will das aber nicht hinnehmen und hat Rechtsmittel eingelegt. Eine Entscheidung der zweiten Instanz steht aus.
Auch in Deutschland ist die Justiz mit diesem ursprünglich von Hendrik Holt initiierten Deal weiter beschäftigt. Bei der Staatsanwaltschaft in Osnabrück läuft ein Ermittlungsverfahren gegen Holt wegen falscher Verdächtigung.
Im Prozess um den Windkraftbetrug hatte der Emsländer unter anderem angedeutet, Spahn hätte ihm bei einem persönlichen Treffen im Adlon gesagt, finanziell von dem Desinfektions-Deal profitieren zu wollen. Bislang gibt es weder für das Treffen noch die Aussage einen Beweis.
Mehr zum Fall Holt auch im Podcast „Windmacher“. In mittlerweile acht Teilen berichten unsere Reporter von dem Fall und ihren Recherchen. Den „Windmacher“ gibt es auf dieser Seite oder überall dort, wo es Podcasts gibt. Wenn Ihnen der „Windmacher“ gefallen hat, können Sie derzeit zudem beim „Deutschen Podcast Preis“ für ihn abstimmen.