Hamburg
Sternenkinder: Wie Fotos helfen können, über stille Geburten aufzuklären
Meike Nagorny hat als Fotografin die stille Geburt ihres Neffen begleitet. Damit hat sie ihrer Schwester und ihrem Schwager Erinnerungen an ihr verstorbenes Kind geschenkt. Mit der Veröffentlichung der Fotos möchte Sie helfen, das Tabu um Totgeburten zu brechen.
Fotografin Meike Nagorny hatte gemeinsam mit ihrer Schwester alles geplant: Die Hausgeburt ihres Neffen sollte die erste Geburt werden, die sie als professionelle Fotografin begleitet. Diesen glücklichen Moment im Leben ihrer Schwester – die Geburt des zweiten Kindes – fotografisch festzuhalten, sollte für Nagorny der Einstieg in die Geburtsfotografie werden. Bis dato hatte die Fotografin aus Großensee bei Hamburg hauptsächlich Babybäuche und Neugeborene vor der Linse.
Doch dann kam im September 2020 alles anders: Das Baby ihrer Schwester verstarb in der 38. Schwangerschaftswoche – ohne erkennbaren Grund. „Sein Herz hat einfach aufgehört zu schlagen“, sagt Nagorny. Ihr verstorbener Neffe, Mattis, sollte dennoch auf natürlichem Weg geboren werden. Die Eltern entschieden sich dafür, an den Plänen einer Hausgeburt festzuhalten. Und fragten Nagorny kurz vor der künstlichen Einleitung der Wehen, ob sie sich weiterhin vorstellen könnte, mit der Kamera dabei zu sein – trotz der veränderten Umstände. Nagorny stimmte zu. „Das stand für mich außer Frage“, sagt sie heute.
Nagorny erinnert sich genau an den Tag der Geburt: „Die Grundstimmung war erstmal schrecklich.“ Doch als es losging, habe sich die Atmosphäre gewandelt. „Für mich war es eine Mischung aus todtraurig und wunderschön“, sagt Nagorny. „Keine Geburt, die ich danach als Fotografin begleitet habe, war so friedvoll.“ Trotz des traurigen Anlasses habe es sich richtig angefühlt, die Geburt mit der Kamera zu begleiten.
Während Nagorny die ganze Zeit über still die Tränen hinunterliefen, sei ihre Schwester bei der Geburt ganz bei sich gewesen. Sie habe den Geburtsvorgang als vom Tod ihres Kindes getrenntes Ereignis wahrgenommen. Später berichtete sie, dass viele Eltern von Sternenkindern ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Nagornys Schwester sei nach der Entbindung stolz und glückselig gewesen – wie nach der Geburt ihres ersten Kindes. „Ich habe ihn hier bei mir, es ist alles gut“, habe sie beim Anblick ihres Babys gedacht. „Nur die Vorstellung, dass er nicht bleiben kann, dass er weg muss. Das ist das, was so unwirklich ist“, beschreibt Nagorny rückblickend die Momente nach der Geburt.
In eben diesen Momenten ist das Foto „As long as i am here with you my perfect little baby“ (deutsch: „So lange ich hier bei dir bin, mein perfektes, kleines Baby“) entstanden. Für das Foto, dass das Sternenkind Mattis kurz nach der Entbindung zeigt, hat Nagorny eine Auszeichnung der „International Association of Professional Birth Photographers“ (IAPBP), einem internationalen Zusammenschluss von Geburtsfotografen, erhalten. Die Vereinigung kürt jährlich die schönsten und bewegendsten Geburtsfotos. In diesem Jahr wurden erstmals auch Bilder in der Kategorie „Hardship and loss“ (deutsch: „Trauer und Verlust“) ausgezeichnet.
Mit Fotos wie dem von Meike Nagorny bildet der Wettbewerb die Realität zahlreicher werdender Eltern ab. „Mit der Kategorie „Hardship and loss“ wollen wir die Erfahrung von Gebärenden anerkennen, die eine Fehlgeburt oder einen ähnlichen Verlust erlebt haben“, so die IAPBP. Viele Eltern sind von so einem Verlust betroffen: Jede vierte bis sechste Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt, auch „kleine Geburt“ genannt. Davon spricht man, wenn das verstorbene Baby weniger als 500 Gramm wiegt. Von einer sogenannten Tot- oder stillen Geburt ist die Rede, wenn das Kind schwerer als 500 Gramm ist und tot zur Welt kommt. Durchschnittlich vier von 1000 Babys in Deutschland sind davon laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung betroffen – Meike Nagornys Neffe Mattis ist eines davon.
Mit der Veröffentlichung der Fotos von der stillen Geburt und der Teilnahme am Foto-Wettbewerb möchte Nagorny über das Thema aufklären. Denn der Verlust eines Kindes ist immer noch ein Tabuthema. Viele Menschen wissen nicht, wie sie nach einer stillen Geburt mit den Eltern umgehen sollen und haben Angst, das Falsche zu sagen. Betroffene können sich so schnell isoliert und einsam fühlen. „Auch deshalb war meine Schwester sofort damit einverstanden, dass ich das Foto von Mattis für den Wettbewerb einreiche“, erzählt Nagorny. „Sie ist eine große Verfechterin davon, das Thema aus der Tabuzone zu holen.“
Für die Sichtbarmachung des Themas setzen sich auch Vereine für Betroffene ein, wie der „Sterneneltern Achim e.V.“. Hier erhalten Eltern Unterstützung dabei, den Verlust ihres Kindes zu verarbeiten. Auch Nagornys Schwester hat von den „Sterneneltern Achim“ nach der stillen Geburt seelischen Beistand bekommen. Deshalb spendete Nagorny ihr Preisgeld des Foto-Wettbewerbs an den Verein. „Das war zwar nur eine kleine Summe, aber der Verein war total dankbar, dass das Thema mit der neuen Kategorie beim Foto-Wettbewerb so eine Anerkennung bekommt“, sagt Nagorny. „Ein Schritt in die richtige Richtung.“
Geburtsfotografie könne aber auch ganz generell über die Themen Geburt und Schwangerschaft aufklären. „Es ist enorm, was man von Fotos lernen kann“, sagt Nagorny. „So viele Frauen haben keine Ahnung, was ihre Rechte sind.“ Das träfe auch auf die stille Geburt zu. Viele wüssten etwa nicht, dass Familien das Recht haben, ihr totes Kind mit nach Hause zu nehmen – auch wenn das gar nicht jeder möchte.
Nach der Veröffentlichung der Siegerfotos sei die Anteilnahme groß gewesen. „Die Kommentare unter dem Foto waren voller Mitgefühl und Liebe“, sagt Nagorny. „Es wird als unglaublich bereichernd empfunden.“ Viele Menschen würden sich fragen, was die Geschichte hinter dem Bild ist. „Warum ist ein fertiges Baby leblos im Arm der Mutter? Wie kann sowas sein?“: Das seien Fragen, die sich die Menschen stellen.
Auf Unverständnis, darüber, die Fotos der Geburt zu veröffentlichen, sei Nagorny nicht gestoßen. „Das Internet hat natürlich zwei Seiten, aber ich habe darüber gar nicht nachgedacht“, erzählt sie. Sie selbst habe noch für keines ihrer Fotos Hasskommentare erhalten.
Mit der Fotografie von stillen Geburten und Sternenkindern wird aber nicht nur ein Bewusstsein für diese Themen geschaffen. In erster Linie geht es darum, den Eltern Erinnerungen an ihr Kind zu schenken. „Erst jetzt im Nachhinein, wo ich mich mit Sternenkindern auseinandersetze, weiß ich, wie wichtig es ist, diese Erinnerungen an das Kind zu haben“, erklärt Nagorny. Für ihre Schwester und ihre Familie hätten die Fotos von Mattis eine große Bedeutung. „Das kann ein wichtiger Teil des Trauerprozesses sein“, erklärt Nagorny.
Deshalb möchte sie zukünftig auch anderen Sterneneltern diese Erinnerung schenken und sich als ehrenamtliche Fotografin bei dem Verein „Dein Sternenkind“ anmelden. Mehr als 600 Fotografen sind bereits Mitglied des Vereins, der Eltern von Sternenkindern einen Fotografen in der Nähe vermittelt, der kostenlos Bilder ihres Kindes macht. „Das ist ein großartiger Verein“, sagt Nagorny über „Dein Sternenkind“. Auch hier sei Aufklärung wichtig. Nagorny sieht die Krankenhäuser in der Verantwortung, betroffene Eltern auf das Angebot des Vereins aufmerksam zu machen.
„Die Bilder müsst ihr euch nicht sofort ansehen, aber sie werden da sein, wenn ihr bereit seid, sie anzuschauen. Sie werden euch in eurem Trauerprozess eine wertvolle Stütze sein“, schreibt der Verein auf seiner Webseite. „Diese Portraits werden für immer eine greifbare Erinnerung an euer geliebtes Kind sein.“