Flensburg

Wie sich für zwölf Menschen das ganze Leben verändert hat

Kathrin Emse
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Von Kathrin Emse
| 13.04.2022 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Was hat das Leben einschneidend verändert: Wir haben bei ganz unterschiedlichen Menschen nachgefragt. Foto: Fotos: Tilman Wrede, Dania-Isabell Martin, Silke Roß
Was hat das Leben einschneidend verändert: Wir haben bei ganz unterschiedlichen Menschen nachgefragt. Foto: Fotos: Tilman Wrede, Dania-Isabell Martin, Silke Roß
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Es muss nicht der große Trip zur Selbstfindung oder eine schwere Krankheit sein, die das Leben grundlegend auf den Kopf stellen. Manchmal verändern Kleinigkeiten das Leben völlig. Unsere Leser erzählen von ihrer persönlichen Zeitenwende.

Das Wort „Zeitenwende“ ist in aller Munde, seit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Angesicht des Ukraine-Krieges von grundlegenden Veränderungen im Verhältnis Deutschlands zu Russland gesprochen hat. Doch für solche Wendepunkte braucht es nicht die große Politik. Menschen erleben auch für sie ganz persönlich solche Momente. Lesen Sie hier von den Zeitenwenden unserer Leserinnen und Leser:

Justine Pust: „Das war für mich die Entscheidung, für mein Studium in Rostock zu bleiben und nicht wegzuziehen. Einem wird ja immer gesagt, man könne hier nichts werden und ich wollte mir selbst und anderen beweisen, dass sie sich irren. Dass man hier genauso erfolgreich sein kann und dafür nicht in Berlin oder Hamburg sein muss. Und seit dem Entschluss läuft es und ich fühl mich angekommen.“

Peter Fleischer: „Meine persönliche Zeitenwende war, als ich mich aufgrund einer Erkrankung beruflich umorientieren musste und aus der Tiefbaubranche ausgestiegen bin, um Kraftfahrer zu werden."

Sie war Navigationsmeisterin bei der Bundeswehr. Aber beruflich wollte sie etwas Neues wagen. Etwas, das sie gerne „ihr ganzes Leben“ machen möchte, wie sie selbst sagt. Daher hat Sarah Strangmann aus Fockbek 2016 den Entschluss gefasst, das Militär zu verlassen. „Ich war oft auf der See unterwegs. Das lässt entweder kaum eine Familienplanung zu, oder ich könnte kaum bei der Familie sein“, sagte sie zu den Hintergründen.

Nach der Geburt ihrer Tochter Marie (4) wagte sie dann den beruflichen Neustart mit einer schulischen Ausbildung als Erzieherin. Derzeit befindet sich die Fockbekerin im ersten Lehrjahr. „Der Traum, eines Tages in diesem Bereich zu arbeiten, den hatte ich schon, als ich 18 Jahre alt war – und er war nie ausgeträumt.“

Damals, als Teenager, hatte Strangmann nicht das nötige Kleingeld, um sich das Leben abseits der schulischen Ausbildung zu finanzieren. Denn vergütet werden angehende Erzieher während ihrer Lehrzeit nur selten. In die Karten spielt ihr, dass jeder, der eine Bundeswehr-Vergangenheit in seinem Lebenslauf hat, vom Militär bei Ausbildungen bezuschusst wird. So kann sich die 35-Jährige jetzt ihren Traum verwirklichen. „Die strahlenden und lachenden Gesichter der Kinder zu sehen, wenn man mit ihnen spielt, ist toll“, erklärt sie die Faszination Erzieher. „Oder wenn sie etwas erlernen – coronabedingt sind viele Kinder zurückgeblieben. Als Erzieher fördern wir den Nachwuchs enorm.“

Stella Kinne: „Das war, als ich vor über zwei Jahren mit dem Laufen angefangen habe und mit dem Sport und dem ständigen Draußen-sein eine meiner neuen Leidenschaften entdeckt habe, die so viel Positives in meinem Leben bewirkt haben. Ohne das Laufen wäre ich wohl um einiges gestresster und nicht so verbunden mit der Natur, wie ich es jetzt bin. Die damit erlernte Disziplin und Fitness helfen mir in vielen Lebenslagen weiter, wodurch ich behaupten kann, dass das Laufen der Start in ein wesentlich glücklicheres Leben für mich war, - so klischeehaft das auch klingen mag.“

„In dem Moment hat es sich angefühlt wie ein Schock“, meint die 41-jährige Imke Frieß aus Twedt. Niemand wusste, wie es weitergeht, sie begann vieles zu überdenken und nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen. Doch schon vor dem Krieg in der Ukraine war ihr klar: „Wenn Corona das einzige ist, was in unserem Leben noch schlimmes passiert, dann haben wir eigentlich Glück gehabt.“ Die Familie hat kürzlich acht Flüchtlinge in ihrer Ferienwohnung aufgenommen.

Silke Roß: „Meine Zeitenwende war der Umzug aus Hamburgs Innenstadt aufs Mecklenburgische Dorf 2003. Drei Dinge erforderten die größte Umstellung: Auf dem Dorf ist es nachts echt richtig dunkel, der nächste Supermarkt ist zehn Kilometer entfernt, das heißt ich musste auf Vorrat einkaufen und konnte nicht jeden Abend nach der Arbeit schnell noch in der Laden springen und kaufen, was ich gerade Lust hatte. Und: es gibt keinen Lieferservice. Immerhin kann ich jetzt, fast 20 Jahre später, vernünftig kochen und habe eine Gefriertruhe und eine Speisekammer."

Lea Spohrer erinnert sich: „Ich hatte meinen Job gekündigt, wenig Geld und hatte keinen richtigen Plan, was ich da eigentlich mache.“ Kurzerhand besorgt sie sich ein Zug- und Flugticket. Jeden Tag läuft sie dann – meistens schon ab 5 Uhr morgens – zwischen 25 und 35 Kilometern. „Ich habe vieles verarbeitet und überlegt, wie es in meinem Leben weitergeht. Wenn du jeden Tag fünf bis sechs Stunden läufst, ist das intensiv, weil du teilweise nur mit dir bist.“ Während der Reise beschließt sie ihren Traum, nach Australien zu gehen, in die Tat umzusetzen. „Ich bin vier Monate später nach Australien los. Mein Jakobsweg war am Ende meine große lebensverändernde Story. Eine Reise, die ich jedem empfehlen würde. Ich war auf der Suche nach einem Abenteuer und habe am Ende mich gefunden. Das war mein Abenteuer“.

Kyra Wagner: „Ich bin mehrere Wochen durch Südamerika gereist. In Brasilien und Argentinien laufen die Uhren irgendwie anders, weniger schnell als hier in Deutschland. Die Menschen genießen ihr Leben mehr. Das habe ich auf jeden Fall mitgenommen. Besonders geprägt hat mich das Surfen am Strand von Florianópolis. Sich einfach den Wellen hingeben war das eine. Aber den Mut zu haben, sich aufs Brett zu stellen war das andere. Das hätte ich mir vorher nie zugetraut. Die Zeit in Südamerika war für mich ein Wendepunkt. Ich habe gelernt, mir mehr zu vertrauen und entspannter zu sein.“

Ulrike Mextorf: „Meine Zeitenwende war für mich der Beginn meiner Krankheit: Muskelschwund. Dadurch bin ich stark gehbehindert. Die Muskeln verliere ich, da kann man eigentlich nichts gegen tun, außer stur gegen an gehen. Ich mache viel Sport, fahre jeden Tag Fahrrad, bin einmal die Woche zum Schwimmen. Eine 50 Prozent Chance habe ich auf den Rollstuhl, aber ich nehme die anderen 50 Prozent!“

Janne Groß: „Eine grundlegende Veränderung war für mich, als ich im vergangenem Jahr mein Promotionsstipendium bekommen habe. Ich konnte mich von fünf Nebenjobs lösen um endlich das zu machen, worauf ich seit dem Bachelor hingearbeitet habe.“

Gerhard „Gerda“ Schröder: „Ich habe in meinem Leben schon viele Schattenseiten kennengelernt, die mir oftmals den Mut genommen haben. Aber seit 2017 habe ich durch den Dartsport einen tollen Ausgleich gefunden, der mir das Gefühl von Erfolg, Spaß und Anerkennung gibt. In einem Leben, bei der die Krankheit Depression oftmals alles auf den Kopf stellt, ist es so wichtig, einen Ausgleich und somit eine Freude am Leben zu schaffen. Ich bin dankbar, so viel Freude am Dartsport gefunden zu haben.“

Dietrich Mohr: „In meinem Leben gab es mehrere Zeitenwenden. Als ich vor vielen Jahren ein tolles Projekt auf die Beine gestellt habe und viele Helfer dabei waren, gab es nur geringe Resonanz auf die Aktion. Dort habe ich gelernt, keine unrealistischen Ansprüche an mich und meine Mitmenschen zu stellen.

Eine zweite Zeitenwende war die Geburt meines Sohnes 2001. Ich war damals Mitte dreißig und arbeitete schon als Pädagoge. Damals war es für mich normal, Eltern zu sagen, wie sie ihr Kind erziehen sollen und gab gute Ratschläge. Aber erst durch meinen Sohn habe ich gemerkt, dass man Menschen auch mal machen lassen muss. Seitdem kenne ich auch die Ängste und Sorgen von Eltern – etwas, was jetzt auch viele Menschen in der Ukraine verspüren.“

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