Husum
Nach Anne Spiegel: Klausur der Grünen läuft aus dem Ruder
Klausur in Husum: Eigentlich wollten die Grünen über Energiewende und Landtagswahl sprechen. Doch der der Rücktritt von Ministerin Anne Spiegel verändert alles.
Die Sonne scheint in diesen Tagen über Nordfriesland, ein mäßiger Wind weht – alles gut für die erneuerbaren Energien. Da hat sich der Bundesvorstand der Grünen ausgedacht, erstens im Husumer Hotel Altes Gymnasium eine Klausurtagung zu machen und zweitens einen Tag später in der Gemeinde Reußenköge die Firma GP Joule zu besichtigen – zusammen mit Monika Heinold und Aminata Touré, den Spitzenkandidatinnen zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Gewollt war, in Reußenköge - für Manche die Geburtsstätte der Energiewende- eben dieser angesichts eines drohenden Importstopps für Kohle, Öl und Gas politisch noch mehr Schwung zu verleihen. Doch es kommt anders.
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Doch bereits Montagmittag in Husum läuft manches aus dem Ruder. Der Rücktritt von Bundesfamilienministerin Anne Spiegel, die wegen ihres vierwöchigen Frankreich-Urlaubs während der Katastrophe im Ahrtal aufgegeben hat, lockt überregionale Medien an die Westküste. Vor dem Hotel gehen Kamerateams in Stellung, und in Serie werden Interviews mit den Bundesvorsitzenden Ricarda Lang und Omid Nouripour gemacht.
Nicht viel besser läuft es am Dienstag in Reußenköge. Mehr als 20 Medienvertreter drängeln sich im Foyer bei GP Joule. Bundesvorsitzende und Landtagskandidatinnen erleben eine Führung durch den Betrieb und Gespräche mit der Firmenleitung rund ums Thema erneuerbare Energien. Alles dauert länger als geplant. Doch nach ihren Statements, wie die Energiewende gelingen könnte, zielen alle Fragen der Journalisten darauf ab, wer Anne Spiegel denn ins Ministeramt folgt und wie die Grünen zur Lieferung von schweren Waffen in die Ukraine stehen.
Ausgerechnet hier in Reußenköge droht die Energiewende von Krieg und Rücktritt thematisch an den Rand gedrückt zu werden. Dabei liegen knallgelbe Leinentaschen für jeden Journalisten bereit, gefüllt mit „E-Facts“, einer Initiative des Unternehmens, die die Energiewende „sauber, smart und schnell“ verwirklicht sehen möchte.
Doch Ricarda Lang findet noch Raum für ihre energiepolitischen Positionen. Beeindruckt habe sie die hier verfolgte Sektorenkoppelung, also Energie für Strom, Wärme, Verkehr in einem Rutsch zu denken. Vor allem die Nutzung von Abwärme gewinne immer mehr Bedeutung. Zudem müssten Netzentgelte für Transport von Strom gerechter verteilt werden, wofür gemeinsam mit Schleswig-Holstein gearbeitet werden solle. Aminata Touré bekannte sich dazu, drei Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen bereitzustellen und nicht nur zwei Prozent, wie es die Jamaika-Regierung wolle.
Und schon wieder nimmt das Gespräch eine andere Richtung, weil Journalisten eine Antwort haben wollen, ob die Grünen nun für die Lieferung schwerer Waffen sind. Omid Nouripour erklärt, es sei „mehr als deutlich, dass die Ukraine auch schwere Waffen braucht." Zu seinem Schrecken werde von Russland sogar der Einsatz von Phosphor erwogen, was ihn an den Ersten Weltkrieg erinnere.
Er verknüpft am Ende sogar Krieg und Nachfolge für die Familienministerin gedanklich, denn für die Betreuung und Versorgung der geflohenen Frauen und Kinder brauche es ein funktionsfähiges Familienministerium. „Unser Vorschlag wird zeitnah gemacht“, eine Formel, die mehrmals auch von den drei Frauen wiederholt wurde. Nur dies noch: Aminata Touré dementierte kursierende Gerüchte, sie selbst sei als Nachfolgerin für das Regierungsamt in Berlin vorgeschlagen worden. Sie bekannte sich klar zu Schleswig-Holstein als ihrem Arbeitsfeld.