Hamburg
Unterricht mit Ukrainern: „Da sind alle zusammengezuckt“
Das Gymnasium Allee hat als eine der ersten Schulen in Hamburg eine Internationale Vorbereitungsklasse für ukrainische Flüchtlingskinder eingerichtet. Wie der Unterricht läuft.
Als Tatjana Hans den Lichtschalter betätigt, geht den Schülerinnen und Schülern wahrhaftig ein Licht auf. Jetzt ist klar, welches deutsche Wort ihre Lehrerin ihnen gerade beigebracht hat. „Lichtschalter“, wiederholt die Klasse noch zweimal lautstark.
Komposita, also zusammengesetzte Hauptwörter, gehören zu den schwierigeren Übungen für die 20 Mädchen und Jungen im Alter von zwölf bis 14 Jahren, für die bis zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine vor wenigen Wochen noch ganz andere Inhalte auf dem Lehrplan standen.
Nun sitzen sie fern der Heimat am vierten Tag in der neu eingerichteten Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) am Gymnasium Allee in Hamburg-Altona und versuchen, so schnell wie möglich der deutschen Sprache mächtig zu werden.
Die ist der Schlüssel für den Wechsel in eine Regelklasse. In Hamburg soll dieser Übergang spätestens nach einem Jahr erfolgen. Am Gymnasium Allee nahmen IVK-Schüler in der Vergangenheit mitunter schon nach einem Dreivierteljahr an Regelunterricht in Mathe, Physik oder Sport teil.
Die Schule war 2015 in Hamburg eine der ersten, die im Zuge der damaligen Flüchtlingswelle eine IVK eingerichtet hatte. „Wir sind im Thema“, sagt Schulleiter Ulf Nebe. Daher habe sich das Gymnasium auch sofort dazu entschieden, für die ukrainischen Flüchtlingskinder eine weitere IVK zu gründen.
In nur drei Tagen waren alle Anmeldetermine vergeben. Nun werden 22 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, vier mehr als vorgesehen. Weitere „herzzerreißende“ Anfragen von Eltern für bei sich aufgenommene Jugendliche musste Nebe aus Kapazitätsgründen dann aber doch absagen.
Derweil spielt die Schule nun auch den Vorteil aus, drei russischsprachige Lehrerinnen im Kollegium zu haben. „Das ist natürlich unser großes Glück“, sagt Nebe. 20 Lehrkräfte hätten sich spontan bereit erklärt, mehr zu arbeiten oder aufzustocken, sieben unterrichten nun in der neuen IVK.
Eine von ihnen ist Tatjana Hans, die bereits die erste Vorbereitungsklasse leitet und sich als gebürtige Belarussin nun auch für die Aufgabe mit den ukrainischen Schülern berufen fühlt. „Es ist für mich eine Herzensangelegenheit“, sagt sie. „Ich kann nicht anders, ich muss helfen.“
Hans spricht zwar kein Ukrainisch, profitiert aber von ihrer Herkunft nahe der polnischen Grenze: „Belarussisch und Polnisch ist schon nahe dran an der ukrainischen Sprache. Und Russisch verbindet uns sowieso alle.“
Und so wird im Unterricht munter gewechselt zwischen den Sprachen. Vladymir, der von allen nur Vova genannt wird, tut sich durch seine Englischkenntnisse bereits als Dolmetscher für manche Lehrer hervor. Der Zwölfjährige könnte schon bald in eine reguläre sechste Klasse übergehen.
Aber auch bei Vovas Mitschülern ist das Lerntempo erstaunlich hoch. „Es ist eine sehr homogene Gruppe“, sagt Tatjana Hans über ihre Klasse. „Sie können schon bestimmte Lautverbindungen lesen, das ist bewundernswert.“
Überhaupt ist die Motivation auffällig groß. Vova beschwert sich regelrecht, als er nicht drangenommen wird. Aber auch der Spaß kommt nicht zu kurz, immer wieder wird herzhaft gelacht. Eine ganz normale Klasse eben. Eigentlich.
Denn es gibt auch die Momente, die Hans die besondere Geschichte ihrer geflüchteten Schüler deutlich vor Augen führen. Wie jenes unvermittelte Geräusch während des Unterrichts, das sie selbst als gar nicht so laut empfunden habe. „Da sind alle zusammengezuckt“, erinnert sich die Lehrerin.
Den Krieg klammert Hans thematisch ansonsten aus, weil sie den Schülern nicht schaden möchte. „Dafür bin ich psychologisch einfach nicht ausgebildet. Da muss man sehr vorsichtig sein.“ Vovas Pausen-Telefonat mit seinem Vater in der Ukraine geht trotz Handyverbots aber klar.
Andere knüpfen in den Pausen erste Kontakte zu Schülern der anderen IVK – beim Fußball etwa. Die leidenschaftlichen Kicker Vladislav, Kyrylo, Denys und Arsani waren schon an ihrer Schule in Charkiw im gleichen Team, in Hamburg ist das Quartett beim SC Sternschanze untergekommen.
„Die Integration klappt unfassbar schnell“, sagt Hans. Und die Gemeinschaft der zusammengewürfelten Klasse werden auch die ersten Geburtstage stärken. Im April gibt es gleich vier Geburtstagskinder, für die „Happy Birthday“ auf Deutsch einstudiert werden soll.
Wie viele Jahrestage die ukrainischen Schüler in ihrer neuen Heimat wohl feiern werden? „Ich glaube schon, dass die meisten wieder nach Hause wollen“, sagt Hans. Es gebe aber auch schon welche, die wegen der Zerstörung in der Ukraine lieber in Deutschland bleiben würden.
Die „dramatisch wichtige Frage“, wie lange die neue IVK bestehen bleibt, treibt auch Ulf Nebe um. Für das kommende Schuljahr hat der Direktor bereits vorgesorgt und eine russischsprachige Lehrerin eingestellt. „Wenn die Kinder dann nicht mehr da sein sollten, muss ich sie eben anders einsetzen.“
Nach 45 Minuten geht es für die „IVK Ukraine“ in die kleine Pause. Zeit, um aufzuräumen und den Unterschied zwischen Mülleimer und Papierkorb zu lernen. Oder, um ein Butterbrot zu essen. Übrigens ein Lehnwort, das es als eines der wenigen Komposita in die ukrainische Sprache geschafft hat.