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„MrWissen2go“, warum brauchen wir Wissen, wenn man alles googeln kann?

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 09.04.2022 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Mirko Drotschmann hat als „MrWissen2go“ bereits mehr als 700 Videos veröffentlicht. Foto: dpa/Arne Immanuel Bänsch
Mirko Drotschmann hat als „MrWissen2go“ bereits mehr als 700 Videos veröffentlicht. Foto: dpa/Arne Immanuel Bänsch
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Journalist Mirko Drotschmann ist als „MrWissen2go“ der Nachhilfelehrer Deutschlands für Politik und Geschichte. Wie er das geschafft hat, warum er fast sitzen geblieben wäre und was an unserem Schulwesen problematisch ist, erklärt er im Interview.

In diesem Artikel erfährst Du:

Seit zehn Jahren ist Journalist Mirko Drotschmann als „MrWissen2go“ auf YouTube und erklärt den Nahostkonflikt, was ein Krieg der Nato gegen Russland bedeuten würde, wie Influencer ihre Kinder bloßstellen und wer hinter Wikipedia steckt. Mit seinen Videos zu politischen und gesellschaftlichen Themen auf „MrWissen2go“ und Geschichte auf „MrWissen2go Geschichte“ hat er schon so manchem Schüler die Versetzung gerettet. Wie er unser Bildungswesen neu denken würde, erzählt er im Interview.

Frage: Wie fühlt es sich an, der Nachhilfelehrer Deutschlands zu sein?

Antwort: Ich weiß nicht, ob ich das bin. Es gibt ja noch eine ganze Reihe weiterer toller Kolleginnen und Kollegen, die Nachhilfe auf verschiedenen Social-Media-Plattformen geben. Aber es freut mich auf jeden Fall, wenn ich mitbekomme, dass Schülerinnen und Schüler auf die Videos zugreifen und für den Unterricht verwenden. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass manche sich nur die Videos anschauen und hoffe, dass das nicht der Fall ist. Denn das reicht natürlich nicht; nur mit einem Video kommt man in einer Klausur nicht weit. Aber es ist trotzdem ein gutes Gefühl, für so vertrauenswürdig gehalten zu werden.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass Sie so erfolgreich auf YouTube geworden sind? 

Antwort: Zum einen bin ich schon seit gut zehn Jahren auf YouTube aktiv und konnte dadurch eine Community aufbauen. Zum anderen versuche ich Themen anzusprechen, die gerade sehr stark im öffentlichen Interesse stehen, wie der Krieg in der Ukraine. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass das, was ich mache, bei Youtube noch nicht so stark vertreten ist, nämlich ein erklärender Journalismus. Wenn man zu bestimmten Themen Informationen sucht, kommt man sehr schnell zu meinen Videos. 

In diesem Video erklärt Mirko Drotschmann, wie der Krieg in der Ukraine enden könnte:

Frage: Wie viel Arbeit steckt in einem Video?

Antwort: Das ist bei meinen beiden Kanälen unterschiedlich. MrWissen2go Geschichte hat ein Team, das sich um die Inhalte, das Skript und die Produktion kümmert. Ich bin bei der Themensuche und Besprechungen dabei und natürlich beim Dreh. Auch an den Skripten wirke ich mit, allerdings in einer anderen Intensität als bei MrWissen2go. Bei meinem Kanal MrWissen2go werden alle regulären Videos komplett von mir recherchiert, geschrieben und gedreht. Nur bei der Rubrik Exklusiv gibt es ein kleines Team, das wäre einfach zu aufwändig. Das aufgenommene Material wird dann in der Produktion geschnitten und animiert. Anschließend geht das Video in die Abnahme beim ZDF – wenn alles passt, wird es hochgeladen. Ich habe dann wieder die Arbeit mit den Kommentaren. Ich bin sehr froh, dass die Community sehr konstruktiv ist, sowohl in der Kritik, als auch in der Diskussion untereinander. Die Leute unterhalten sich auf einem für Youtube sehr hohen Niveau.

Frage: Was macht mehr Spaß: MrWissen2go oder MrWissen2go Geschichte?

Antwort: Das zu beantworten ist für mich so, als würden Sie fragen, welches meiner beiden Kinder ich lieber mag - da kann ich mich nicht entscheiden. Allerdings ist MrWissen2go ein Kanal, den ich selbst gestartet habe und schon seit zehn Jahren bespiele. MrWissen2go Geschichte gibt es zwar auch schon seit fünf Jahren, gehört aber dem Content-Netzwerk funk. Deswegen ist MrWissen2go vielleicht noch ein bisschen persönlicher. Aber hinsichtlich der Themen und der Community mag ich beide Kanäle gleich. Als Historiker bin ich ein Fan von Geschichte und als jemand, der sich für aktuelles Geschehen interessiert, finde ich es toll, über Politik zu sprechen.

Auf „MrWissen2go Geschichte“ geht es um viele Themen, die für das Abitur relevant sind:

Frage: Gibt es ein Thema, zu dem Sie kein Video machen würden?

Antwort: Ja, über naturwissenschaftliche oder mathematische Themen, von denen ich einfach keine Ahnung habe. Gleiches gilt für das Thema Krypto-Währung oder Bitcoin. 

Frage: Welches Video würden Sie Ihren Kindern in ein paar Jahren zeigen, damit sie verstehen, was für eine Art von Journalismus ihr Vater macht?

Antwort: Ich denke, sie werden es peinlich finden, was ihr Vater im Internet macht. Vermutlich werde ich ihnen ein Video zeigen, für das ich vor ein paar Jahren mal in Sachsen unterwegs war und recherchiert habe, warum es viele negative Meldungen über Sachsen gibt und viele Menschen schlecht über Sachsen denken. Dafür sind wir eine Woche durchs Land gefahren und haben die Stimmung eingefangen. So ein Video würde ich ihnen zeigen und erklären, warum es wichtig ist, selbst hinzufahren und mit den Menschen zu sprechen, nicht über sie.

Neugierig? Das ist das Video über Sachsen:

Frage: Welchen Stellenwert hat Wissen eigentlich in einer Zeit, in der man alles googeln kann?

Antwort: Wissen ist für mich etwas anderes als Information. Man kann heute alle Informationen in Sekundenbruchteilen bekommen, aber diese Informationen müssen zu Wissen transferiert werden, man muss sie einordnen können. Wissen kann man nicht finden, Wissen muss man sich aneignen. Und genau dieser Prozess muss in Gang gesetzt werden. Das ist das Neue im Bildungsbereich: Menschen müssen die Kompetenzen vermittelt werden, Informationen in Wissen zu transformieren und Dinge nicht nur auswendig zu lernen. 

Frage: Was ist Wissen dann?

Antwort: Wissen heißt zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Es bringt nichts zu wissen, wann Goethe geboren wurde, wenn man nicht weiß, wer Goethe war.

Frage: Gibt es Informationen, die man heute auswendig kennen muss?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff Allgemeinbildung und einen Kanon im Bildungsbereich vom Dreisatz bis zu den deutschen Dichterfürsten, der einfach zur Bildung dazugehört. Aber viele Dinge, die man heue in der Schule lernt, braucht man für seinen späteren Berufsweg nicht mehr. Ich wäre ein Fan davon, viel früher die Möglichkeit zu geben, seinen Begabungen zu folgen. Man weiß ja spätestens in der 8./9. Klasse, ob einem Mathe liegt oder ob man sprachlich begabt ist. Ich habe bis zum Abitur Mathe als Hauptfach belegen müssen und hatte Kurvendiskussionen bis zum Abwinken. Diese Zeit hätte ich viel lieber genutzt, um mich noch intensiver mit der Zeit der Weimarer Republik auseinander zu setzen. Ich wusste, dass ich mit Mathe - abgesehen von einfacher Prozentrechnung - nie wieder was zu tun haben werde; Geschichte habe ich dagegen studiert. 

Was Mirko Drotschmann an Schule ändern würde, erklärt er in diesem Video:

Frage: Sollte Mathe abwählbar sein ab der zehnten Klasse?

Antwort: Es geht nicht nur Mathe, sondern um alle Fächer. Ich würde es noch viel breiter aufstellen. Ab der 8./9. Klasse sollte man ausdifferenzieren in Zweige: Den musisch-künstlerischen Zweig, den naturwissenschaftlichen Zweig, den sprachlichen Zweig. Dazu bekommt man noch ein Grundwissen in den anderen Fächern vermittelt. Für mich war es ein Augenöffner, als ich nach der elften Klasse Chemie, Physik und Französisch abwählen konnte. Diese Fächer haben viel Energie gefressen und meinen Notendurchschnitt nach unten gezogen, bis ich fast sitzen geblieben wäre. Als ich sie abgewählt hatte und mehr meiner Begabung folgen konnte, hatte ich plötzlich eine 1 vor dem Komma. Das würde ich mir viel früher wünschen.

Frage: Widerspricht das der Entwicklung hin zu mehr Gemeinschaftsschulen, bei denen Kindern immer länger zusammen unterrichtet werden?

Antwort: Ganz im Gegenteil. Ich finde, dass das gut zusammenpasst. In einer Gemeinschaftsschule geht es ja um gemeinschaftliches Lernen mit individuellen Schwierigkeitsgraden. Es widerspricht eher unserem festen Curriculum und unseren sehr eingefahrenen Bildungsplänen, die aus dem vergangenen Jahrhundert stammen und dringend reformiert werden müssten. 

Frage: Würden Sie Fächer komplett streichen?

Antwort: Das ist ein schwieriger Punkt, zumal ich weder Bildungspolitiker, noch Pädagoge bin. Ich würde mir eher wünschen, dass Fächer sinnvoll zusammengeführt werden und mehr fächerübergreifend gearbeitet wird. Das entspricht auch einer guten Vorbereitung auf die Berufswelt. Ich kann mir super vorstellen, dass Schüler eines künstlerischen und eines naturwissenschaftlichen Zweigs zwei Woche lang bei einem fächerübergreifenden Projekt zusammen ein Computerspiel programmieren. Die einen kümmern sich um die Technik dahinter, die anderen um die Grafiken. Und zum Schluss hat man ein tolles Ergebnis und alle haben etwas dazugelernt, ohne es zu merken. Ich denke, das wäre eine zukunftsweisende Sache. Man kann natürlich darüber nachdenken, ob man einzelne Fächer etwas ausweitet oder zusammenfasst. Was ich mir aber wirklich wünsche, ist das Fach Medienpädagogik, in dem gelehrt wird, wie man Quellen überprüfen kann und wie man mit seinen Daten im Netz umgeht.

Frage: Bei Ihrem Standing als Nachhilfelehrer der Nation: Wären Sie lieber der Nachfolger von Günther Jauch bei „Wer wird Millionär?“ oder Moderator bei der „Sendung mit der Maus“?

Antwort: Erstmal bin ich total glücklich darüber, Moderator von TerraX zu sein. Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen und habe deswegen nicht den Wunsch, etwas anderes zu machen. Aber wenn Sie mich vor die Wahl stellen: „Die Sendung mit der Maus“ war mindestens 15 Jahre lang meine Lieblingssendung, von „Wer wird Millionär“ war ich nie ein regelmäßiger Zuschauer. Trotzdem ist es natürlich schon, Menschen mit Quizfragen bombardieren und Wissen vermitteln zu können. Aber wenn ich mich entscheiden muss, dann „Die Sendung mit der Maus“.

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