Hooksiel

Schwimmendes LNG-Terminal in Rekordzeit: Aufbruchstimmung in Wilhelmshaven

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 08.04.2022 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Stürmische Zeiten: Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (li.) und der Wilhelmshavener Oberbürgermeister Carsten Feist an Bord der „WEGA 2“ vor Hooksiel. Foto: Karolina Meyer-Schilf
Stürmische Zeiten: Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (li.) und der Wilhelmshavener Oberbürgermeister Carsten Feist an Bord der „WEGA 2“ vor Hooksiel. Foto: Karolina Meyer-Schilf
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Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies fordert eine neue „Deutschlandgeschwindigkeit“ beim LNG-Ausbau: Wie das mit dem deutschen Planungsrecht zusammengeht, wird sich in den nächsten Monaten in Wilhelmshaven zeigen.

30 Kilometer können lang werden, das weiß jeder, der in Deutschland schon einmal aufmerksam ein Infrastrukturprojekt begleitet hat. 30 Kilometer: So weit ist es vom künftigen schwimmenden LNG-Terminal am Voslapper Groden bei Wilhelhmshaven bis zur nächsten Erdgaspipeline nahe Etzel. Bereits im Winter 2022/23 soll hier das Gas fließen: Das haben sich das Land Niedersachsen, die Stadt Wilhelmshaven, die anliegenden Kreise und die Unternehmen Uniper und Open Grid Europe vorgenommen.

Sie präsentierten das Vorhaben am Freitag direkt am Ort des künftigen Geschehens: Bei Windstärke sechs und ordentlich Seegang auf der Jade luden sie auf die „WEGA 2“ in Hooksiel zum Pressetermin. Die vorbereiteten Tafeln mit Karten des Vorhabens drohten an Deck fast weggeweht zu werden, die Redner versuchten wiederum, den röhrenden Motor der „WEGA 2“ zu übertönen, die zur Veranschaulichung des Plans vor der Tankerbrücke kreuzte, an der künftig das schwimmende Terminal seinen Liegeplatz erhalten soll.

Drei ehemalige LNG-Tanker hat die Bundesregierung „optioniert“, wie es heißt, einer davon soll – umgebaut zu einer „Speicher- und Verdampfungseinheit“ (Floating Storage and Regasification Unit oder auch kurz: FSRU) hier vor Wilhelmshaven zum Einsatz kommen. An ihm können künftig Tanker anlegen, das umgeschlagene Flüssiggas wird in gasförmiges Erdgas umgewandelt und dann durch die noch zu bauende Pipeline ins vorhandene Netz eingespeist.

Rund 20 Prozent der derzeitigen russischen Importe sollen allein mit dem schwimmenden Terminal in Wilhelmshaven ersetzt werden. Die neue Leitung soll später auch zum Transport des als deutlich umweltfreundlicher geltenden Wasserstoffes dienen – denn LNG gilt allgemein lediglich als Brückentechnologie.

Dass dieses Vorhaben tatsächlich in wenigen Monaten Realität sein soll, erscheint vor dem Hintergrund des deutschen Planungsrechts mindestens ambitioniert. Normalerweise benötigen solche Projekte fünf bis sieben Jahre, bis sie realisiert werden. Hier soll nun alles in sieben Monaten geschehen. Die Stadt Wilhelmshaven allerdings ist bereit, und das eigentlich schon seit Jahrzehnten: Schon oft war davon die Rede, hier ein LNG-Terminal zu bauen, nie war etwas daraus geworden.

Doch nun, im Angesicht einer „Ausnahmesituation von historischer Dimension“, wie Oberbürgermeister Carsten Feist sagt, sei die möglichst schnelle Abkehr von russischem Gas eine „nationale Aufgabe“. Für Wilhelmshaven als Standort spricht dabei viel: Hier liegt Deutschlands einziger Tiefwasserhafen, die Revierfahrt für die Tanker ist verhältnismäßig kurz: Von der Nordsee ist man in etwa einer Stunde am künftigen Terminal am Voslapper Groden.

Die Stadt Wilhelmshaven hat vom reinen Gasumschlag und der Pipeline selbst zunächst einmal nicht viel; allerdings gibt es hier seit Jahrzehnten ausgewiesene Flächen zur Ansiedlung von Industrie, und auf die hofft der Oberbürgermeister im Zuge der Energiewende.

Und dennoch dürfte die Umsetzung nicht ganz so einfach gehen. Die Bauarbeiten für die rund einen Meter dicke Pipeline wären zwar in wenigen Monaten erledigt. Doch zuvor sind noch viele Fragen zu klären, Grundstückseigentümer, Anwohner und Umweltverbände haben ein gewichtiges Wort mitzureden. Bürgermeister Feist ist dennoch optimistisch: „Mein Appell an die Region lautet, die Skepsis und auch Widerstände der Vergangenheit angesichts der dramatischen Entwicklungen zu überdenken.“

Doch was, wenn Umweltverbände und Anwohner ihm und seinen Mitstreitern diesen Gefallen nicht tun? „Wir sind ein Rechtsstaat, und auch in der Krise bleiben wir ein Rechtsstaat“, sagt Feist, aber: Nun gehe es darum, konstruktiv zusammenzuarbeiten und das Vorhaben nicht zu bekämpfen, sondern vielmehr zu begleiten. „Es geht jetzt auch um Prioritäten.“

Umweltminister Olaf Lies ist ebenfalls optimistisch: „Wir werden hier gemeinsam zeigen, dass es in Deutschland sehr wohl möglich ist, in Rekordzeit zu planen und zu bauen. Denn wir brauchen jetzt eine neue Deutschlandgeschwindigkeit. Diese Region wird den Beweis dazu antreten.“ Mit Deutschlandgeschwindigkeit rauscht auch die „Wega 2“ zurück nach Hooksiel – und donnert beim Anlegen etwas unsanft gegen die Spundwand. Aber das muss ja kein Omen sein.

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