Paris
„Allez, les jeunes“: Ist die Jugend in Frankreich apolitisch geworden?
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte fünf Jahre Zeit, auch die Jugend in seinem Land mitzunehmen. Deren Vertrauen in die politische Elite der Republik ging aber immer weiter zurück. Weshalb wenden sich so viele Jugendliche in Frankreich von der Politik ab?
Am Sonntag wird in Frankreich an der Wahlurne entschieden, wer am 24. April in die Stichwahl um das Präsidentenamt geht. In Umfragen liegt Präsident Macron zwar vorn, aber seine schärfste Gegnerin Marine Le Pen vom nationalistischen Rassemblement Nationale holt immer weiter auf. Beobachter sind besorgt, dass eine niedrige Wahlbeteiligung der jungen Franzosen großen Einfluss auf den Ausgang der Stichwahl haben könnte. Warum schrumpft das Vertrauen in Politik bei den unter 25-Jährigen?
Auf einer großen Fridays For Future Demonstration in Paris äußerten mehrere junge Teilnehmer am 25. März ihre Frustration. Viele Plakate richteten sich gegen Amtsinhaber Emmanuel Macron. Einer der Demonstranten in der vordersten Reihe hielt die Botschaft: „Ich habe es satt! Mehr Molche, weniger Macron“ in die Höhe. Am Mikrofon des TV-Senders Euronews sagte eine Demonstrantin: „Wir sind heute hier, weil es schwer fällt, noch an die Politik zu glauben. Wir erwarten einfach mehr.“ Die junge Frau zeigte sich enttäuscht davon, dass der Kampf gegen den Klimawandel im französischen Wahlkampf so gut wie keine Rolle spiele.
Marc Lazar, Historiker und Soziologe am Pariser Sciences Po Institut, hat Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren zu ihrem Verhältnis zu politischen Institutionen und Wahlen befragt. In der Studie kommt der Forscher zu dem Ergebnis: Die französische Politik und ein Großteil der Jugend spreche nicht mehr dieselbe Sprache. Viele der Themen, die die Jugend umtreibe, fänden sich Lazar zufolge nicht in den Programmen der Parteien bei der Präsidentschaftswahl wieder. Neben dem Klimawandel gehören dazu auch Themen wie die Gleichstellung von Männern und Frauen, Rassismus und die hohe Jugendarbeitslosigkeit.
Noch gravierender ist aber möglicherweise der starke allgemeine Vertrauensverlust junger Franzosen in die politische Elite. 69 Prozent der Befragten der Studie von Marc Lazar glaubt, dass hohe französische Amtsträger korrupt seien. Schon im Juni 2021 sagte die Wahlforscherin Anne Muxel der Süddeutschen Zeitung: „Ein Großteil der jungen Erwachsenen wünscht sich einen Systemwechsel.“ Das sei anders als in Deutschland, wo dieselbe Generation mehr Vertrauen in die aktuelle Demokratieform habe.
Das bedeute aber nicht, dass junge Franzosen apolitisch geworden seien, bilanziert der Soziologe Marc Lazar in der Auswertung seiner Studie. „Wir sind weit davon entfernt, es mit einer desillusionierten oder plakativ utilitaristischen Generation zu tun zu haben“, so Lazar. Zudem stellte er klar: Junge Menschen seien keine homogene Gruppe. Allgemeine Aussagen über die Generation könnten demnach immer nur bedingt getroffen werden.
Eine hohe Enthaltungsquote der Jugend könnte vor allem in der Stichwahl Le Pen in die Karten spielen. Laut einer Studie der Jean-Jaurès Stiftung sei rund die Hälfte aller Wahlberechtigten unter 24 noch unschlüssig, ob sie überhaupt zur Wahl gehen sollen. In Frankreich kommt eine Besonderheit hinzu: Wer wählen will, muss sich immer wieder aufs Neue in die Wählerliste eintragen – und zwar am aktuellen Wohnsitz.
Weil insbesondere junge Menschen häufig umziehen, ist das ein Problem. Viele junge Franzosen sparen sich den Aufwand. Bei den Regionalwahlen 2021 lag die Wahlbeteiligung der 18 bis 34-Jährigen nur bei rund 20 Prozent. Das Start-Up „A voté“ startete in Kooperation mit der Dating-App Tinder deshalb eine Kampagne. Zwischen den Dating-Profilen tauchten seitdem immer wieder Hinweise wie „Wenn Du in der Nähe Deines Zuhause datest, dann gehe auch in der Nähe Deines Zuhauses wählen“, auf. Wer auf die Seite klickt, gelangt auf eine Seite mit Informationen darüber, wie man sich in die Wählerliste eintragen lassen kann.
Ob junge Franzosen dadurch tatsächlich wieder verstärkt an die Wahlurne gebracht werden können, wird sich am Sonntag zeigen. Bis dahin steht erst einmal fest, dass weite Teile der französischen Jugend ihr politisches Engagement längst nicht mehr nur in der institutionalisierten Demokratie sehen, sondern auch in anderen Ausdrucksformen.
Bewegungen wie Black Lives Matter und Fridays For Future, Online-Petitionen auf Portalen wie Change.org und Amnesty International, oder in der Hochschulpolitik an den Universitäten des Landes: Sie alle haben für die Jugend an Bedeutung gewonnen. Auch der Boykott gilt vielen nun mit offenbar steigender Tendenz als politisches Signal: Dem eines lauten Schweigens.