Aurich
Flucht aus der Ukraine: Zerrissene Familie
Als der russische Angriff auf die Ukraine begann, war Serhiy Velikyi gerade in Deutschland. Hunderte Kilometer entfernt fürchtete seine Frau in Charkiw um ihr Leben und das ihrer Kinder.
Aurich - Eigentlich war der 24. Februar für Serhiy Velikyi ein ganz normaler Arbeitstag. Am Morgen belud er seinen Lastwagen in Frankfurt am Main, er arbeitete für die Post in der Ukraine. Dann ein Anruf von seiner Frau aus Charkiw. „Sie schießen mit Raketen“, sagte sie zu ihm am Telefon. Explosionen seien zu hören. Für Serhiy Velikyi schien in diesem Moment die Zeit stillzustehen.
„Wir haben es nicht verstanden, niemand wusste, was los ist“, sagt der 33-jährige Familienvater. In den Nachrichten habe zu Beginn niemand von Krieg gesprochen, nur von einer sogenannten Spezialoperation Russlands. Seine Heimatstadt Charkiw liegt im Osten der Ukraine, in unmittelbarer Nähe der von Separatisten umkämpften Gebiete Donezk und Luhansk. Von den Kämpfen dort habe man in Charkiw aber kaum etwas mitbekommen. „Es war nicht normal“, sagt Serhiy Velikyi.
Kaum zu ertragende Angst
Die Familie wohnte in Charkiw gerade einmal vier Kilometer Luftlinie vom Flughafen entfernt. „Ich habe meiner Frau gesagt, sie muss sich in Sicherheit bringen“, sagt Serhiy Velikyi. Er fürchtete, dass ihre Wohnung von Bomben getroffen werden könnte, die eigentlich auf den Flughafen zielten. „Ich hatte solche Angst. Ich war in Deutschland und meine Frau und meine Kinder in der Ukraine“, sagt er.
Anna Velyka konnte jedoch nicht sofort mit dem dreijährigen Maxim und der achtjährigen Nastya fliehen. Immer wieder wurden Bomben auf die Stadt abgeworfen, der etwa sechs Kilometer lange Weg zum Bahnhof war gefährlich. „Sie haben nicht das Militär zerbombt. Sie griffen Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Wohnhäuser an. Das macht keinen Sinn“, sagt Serhiy Velikyi. Die ukrainische Regierung habe gesagt, man solle zu Hause bleiben und warten. „Auf was warten?“
Er konnte nicht helfen
Der Familienvater hätte seine Familie am liebsten selbst aus dem Kriegsgebiet rausgeholt. Das war jedoch nicht möglich. Hätte er die Ukraine betreten, hätte er sie nicht mehr verlassen dürfen. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen das Land verteidigen.
Am 28. Februar gelingt Anna Velyka mit ihren Kindern die Flucht. Ihr Schwager fuhr die Familie zum Hauptbahnhof. Die Züge waren voll, es gab kaum Platz zum Stehen. Sitzen konnten nur die Senioren und Kinder, wenn sie schliefen. Anna Velyka verbrachte die gesamte Fahrt stehend.
Ständig Schüsse und Explosionen
Der Zug fuhr durch mehrere große Städte, unter anderem Kiew. „Dort war es besonders gefährlich. Es gab Kämpfe in der Nähe der Station“, sagt Serhiy Velikyi. Das Licht im Zug musste gelöscht werden, um den russischen Truppen in der Nacht kein Angriffsziel zu bieten. Drei Stunden fuhren sie so durch die Finsternis, begleitet von Schüssen und Explosionen in der Ferne.
In Lwiw stieg die Familie aus. Die Stadt im Westen der Ukraine gilt als Umschlagsplatz für Geflüchtete. Anna Velyka wollte eigentlich mit dem Zug weiter über die polnische Grenze fahren. In den Waggons war allerdings kein Platz mehr. Blieben nur noch Busse. Mehrere Fahrer verlangten einen Preis, den die geflüchteten Menschen bezahlen sollten, damit sie über die Grenze in Sicherheit gebracht werden. Anna Velyka bezahlte, knapp 25 Euro pro Person. Etwas anderes sei ihr nicht übriggeblieben, sagt Serhiy Velikyi.
Endlich wieder vereint
Anna Velyka kam mit ihren Kindern nach Warschau, von dort ging es mit dem Zug weiter nach Berlin. Zeitgleich machte sich Serhiy Velikyi ebenfalls auf den Weg in die deutsche Bundeshauptstadt. Am Hauptbahnhof angekommen, zeigten ihm ukrainische Flaggen, auf die Pfeile gemalt wurden, wohin er sich wenden sollte. Freiwillige vor Ort halfen ihm, seine Familie zu finden.
Die Freiwilligen rieten der Familie, in eine andere deutsche Stadt zu reisen, da immer mehr ukrainische Geflüchtete in Berlin ankamen. Sie fuhren nach Düsseldorf. Aber auch dort gab es kaum noch Kapazitäten, sagt Serhiy Velikyi. Eine Helferin riet ihm, nach Norden zu fahren. „Die Luft ist sauber, das ist gut für die Kinder“, sagt Serhiy Velikyi. Er hielt sich an den Rat. In Norden wandte er sich an die Polizei, die die Familie nach Utlandshörn brachte. Sie wurden registriert und leben nun in einem Haus in Aurich. Inzwischen ist auch Nataliya Shukurova mit ihrer Tochter Sofiya in das Haus eingezogen. Die Familie kennt die beiden, Nataliya Shukurova ist die Patin von Serhiy Velikyis Tochter.
Während der Trennung von seiner Frau hat Serhiy Velikyi immer wieder mit ihr telefoniert. „Wenn sie angerufen hat, haben meine Hände gezittert, ich konnte nicht schlafen“, sagt er. Die Angst, dass seine Familie durch die Angriffe der russischen Truppen sterben könnte, war allgegenwärtig. „Ich verstehe nicht, warum sie uns das antun.“ In Charkiw habe man immer friedlich mit Russen zusammengelebt, es sei für beide Seiten kein Problem gewesen, die Grenze zu überqueren. Inzwischen wird auf einem russischen Nachrichtenportal davon gesprochen, die Ukraine zu „de-ukrainisieren“. „Wir hassten die Russen nicht und sie nicht uns“, sagt Serhiy Velikyi. Das habe sich nun anscheinend geändert.