Osnabrück

Über McDonald’s, Russland und einen Selbstbetrug des Westens 

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 07.04.2022 13:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die US-Fastfood-Kette McDonald’s entschloss wegen des Ukraine-Krieges seine Filialen in Russland vorerst zu schließen. Symbolfoto Foto: dpa/AP
Die US-Fastfood-Kette McDonald’s entschloss wegen des Ukraine-Krieges seine Filialen in Russland vorerst zu schließen. Symbolfoto Foto: dpa/AP
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Haben die USA ihren Ruf als „Weltpolizei“ verloren? Ist die Welt doch gar nicht so geeint gegen den Aggressor Russland? Mit dieser Frage beschäftigt sich in dieser Woche NOZ-Vize Burkhard Ewert.

Als im Januar 1990 das erste McDonald's-Restaurant in Moskau eröffnete, waren die Schlangen davor lang. Das bunte, geschwungene Logo stand für Freiheit und die Verheißung von Konsum.

Wie Coca Cola und Cornflakes symbolisiert der Markenname der Fastfood-Kette den amerikanischen Lifestyle und dessen Siegeszug rund um den Globus. Ebenso wie die Eröffnung der ersten Filiale hat es daher eine immense Symbolkraft, wenn McDonald’s in diesen Wochen Russland wieder verlässt. Der Schritt illustriert die westliche Verachtung der russischen Politik und ihres Angriffs auf die Ukraine deutlicher als manche markige Rede.

Zugleich sagt er allerdings noch etwas anderes aus – nicht über Russland, sondern über jenes bisher so anziehungsstarke Gesellschaftsmodell, für das McDonald's steht. Die Ukraine mag noch nach ihm streben. Aber sein weltweites Wachstum ist beendet. Ebenso wie sich McDonald’s zurückzieht, schwindet die politische Vorbildrolle der USA. Vielmehr entsteht eine Welt mit mehreren Machtzentren und sehr verschiedenen Wertesystemen, die nach Toleranz und Balance verlangen, nicht nach Dominanz.

Die Russen sehen und beschreiben dies sehr genau, auch wenn man in Washington und Brüssel den Anschein einer geeinten globalen Allianz zu erwecken versucht.

Die gibt es so nicht.

Da ist die Türkei. Obgleich Nato-Mitglied, zieht sie bei den Russland-Sanktionen nicht mit.

Da ist der arabische Raum von Marokko bis zu den Emiraten. Er will sich vom Westen nichts vorschreiben lassen. Wer den USA die Stirn bietet, erntet Anerkennung.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hatte schon vor dem Krieg wissen lassen, es sei ihm egal, was US-Präsident Joe Biden von ihm hält. Dem entsprechend verhält er sich.

In diesen Tagen macht das Video eines palästinensischen Hochzeitssängers die Runde, der den Saal mit Putin-Preisungen aufpeitscht. Die Gäste johlen.

Auch Israel unterstützt den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij kaum; einen Juden.

Nicht einmal der Vatikan will in die absolute Verdammung Russlands einstimmen. Er ruft konsequent zum schnellstmöglichen Ende des Krieges auf, nicht zum blutigen Kampf für die Freiheit.

Das militärisch starke Pakistan, das riesige und rohstoffreiche Kasachstan sowie andere zentralasiatische Staaten sind für Russland relevante Nachbarn, die mehr oder weniger zu ihm halten, ebenso wie die Gegnerschaft zu den USA für gemeinsame Interessen mit dem Iran sorgt.

Und vor allem ist da China.

Wirtschaftlich hilft die Regierung in Peking Russland bei der Stabilisierung massiv. Bei Rohstoffen und Finanzen wächst die Nähe rasant. Kritische Hinweise auf westliche Doppelmoral sind an der Tagesordnung; meistens treffen sie zu. An genau dem Tag, an dem Biden Ministerpräsident Xi Linping unlängst per Video ins Gewissen redete, ließen mehrere Spitzenvertreter der chinesischen Regierung ihre Millionen Follower in den sozialen Netzen wissen, dass Russland keinesfalls isoliert sei. Sie posteten eine Weltkarte, die jene Länder zeigte, die zur „Internationalen Gemeinschaft“ zählten, von der der Westen so gerne rede.

Die Karte war einigermaßen leer.

Nicht einmal funktioniert die Erzählung, dass sich in der Russland-Politik eine Art Systemringen autokratischer Regime mit aufgeklärten Staaten widerspiegele.

Mit Indien hält sich die größte Demokratie der Erde aus der Anti-Russland-Front raus. Europäische Demokratien wie Ungarn und Serbien scheren ebenfalls aus. Südafrika und Brasilien zeigen sich ebenso wenig gewillt, den USA und der EU in ihrer harten Haltung zu folgen wie das ebenfalls demokratische Indonesien. Es will seine wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland sogar ausbauen.

Konkret stehen damit sowohl die flächenmäßig größten, die einwohnerstärksten sowie die rohstoffreichsten Länder der Erde dezidiert nicht an der Seite des Westens, der zudem überschuldet ist und politisch nicht durchgängig stabil erscheint.

Aus dem Rest der Republik betrachtet wirkt es so, als sei diese globale Einsamkeit nicht jedem bewusst. Wenn etwa nach einem Gasboykott gerufen wird, verwundert das. Im europäischen Interesse kann er nicht liegen. Die Fähigkeit, seine Position in der Welt zu verteidigen würde fallen und nicht steigen, begäbe man sich willentlich in eine veritable wirtschaftliche Krise.

Aber wer weiß. Bei McDonald’s zu essen ist auch nicht gesund. Die Menschen tun es trotzdem – und das übrigens weiterhin auch in Russland. Die Restaurants sollen unter ihren neuen Eigentümern künftig „Onkel Wanja“ heißen. Das Logo wird mehr oder weniger nur auf die Seite gedreht, und Burger gibt es weiterhin.

Vielleicht sind sich die Menschen auch in einer multipolaren Welt ähnlicher, als man meinen könnte. Schön wäre es ja.

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