Flensburg
Wie 200.000 Legosteine Vater und Tochter zusammenschweißen
Als Kind war Lego Frank Durings Welt. Dann verschwanden die Steine auf dem Dachboden. Inzwischen baut er wieder – aber nicht allein. Er hat seine Familie mit seiner Leidenschaft angesteckt.
Der Zeitdruck steigt. Frank Durings Projekt ist noch nicht fertig. Es fehlen einige wenige Steine, die er beim Hersteller bestellt hat, die aber noch nicht angekommen sind. „Lego hat derzeit Lieferzeiten von sechs Wochen“, sagt During aus Schleswig-Holstein. Das hat er berücksichtigt, als er sich erstmals als Aussteller angemeldet hatte. Dass es eineinhalb Wochen vor der „Lego Hanse 2022“ in Kaltenkirchen trotzdem so knapp werden könnte, war nicht geplant. „Ich bin aber guter Dinge, dass es klappt.“
During baut an zwei Modulen für eine sogenannte GBC-Anlage, die fünf mal zehn Meter groß werden soll. In jedem Modul werden – wie bei einer Murmelbahn – kleine Bälle auf unterschiedliche Weise transportiert. Ziel ist es, „einen Kreislauf herzustellen“, erklärt During. Alle Module sollen zu einer Bahn verbunden werden. „Ob es funktioniert, sehen wir erst, wenn die Bahn fertig ist.“ Das sei spannend und etwas Neues für ihn.
Wenn During mit seinen beiden Modulen fertig ist, wird er knapp 5000 bunte Plastiksteine verbaut haben – nur ein Bruchteil der etwa 200.000 Steine im Haushalt. „Alle Steine sind in einer Datenbank eingetragen“, sagt During – und ergänzt: „Es klingt nach vielen“, doch für manche Modelle fehlten doch immer bis zu 200 Steine. „Man hat immer zu wenig Lego-Steine.“ Und im Verhältnis zu anderen sei seine Zahl noch „harmlos“. „Ein Vereinskollege hat bei einer Million Steine aufgehört, sie zu katalogisieren.“
Frank During und seine Tochter Svea sind im Verein Stein Hanse aktiv. Es war der nächste konsequente Schritt. Zuvor besuchten sie Ausstellungen, unterhielten sich dort mit denjenigen, deren Projekte sie spannend fanden, trafen die Enthusiasten der bunten Plastiksteine wieder und wieder – und irgendwann „sagten sie dann zu uns: Werdet doch Mitglied“, so During. Das war 2018. „Wir waren infiziert, aber jetzt ist es eine Lego-Leidenschaft auf einem anderen Niveau.“
Das war nicht immer so. Als Kind wünschte sich Frank During zu Weihnachten, zum Geburtstag oder zu Ostern Lego von seinen Eltern. Er hatte einen ersten Sammeltrieb, wollte Serien halbwegs komplett haben, hatte klassische Sachen, Modelle aus der Raumfahrt und später auch Lego-Technik. Doch in der Pubertät kam dann der Bruch: „Mit Beginn der Lehre verschoben sich meine Interessen radikal“, sagt er. Seine Steine, seine Sets landeten auf dem Dachboden – und blieben dort erst einmal Jahrzehnte.
Das änderte sich, als Frank During Vater wurde und die Frage im Raum stand: Playmobil oder Lego? „Die Antwort war einfach“, sagt During. „Playmobil ist super zum Spielen. Aber Ritterburg bleibt Ritterburg.“ Er begann, sich wieder mit den kleinen Bausteinen zu beschäftigen, schaute, was der Hersteller Neues zu bieten hat. Welche Sets gibt es? Wie sehen die aktuellen Welten aus?
During holte seine Steine aus Kindertagen vom Dachboden, entstaubte sie, wusch und sortierte sie. Im Internet suchte er nach Bauanleitungen, um die alten Sets wieder aufbauen zu können, blätterte alte Kataloge durch – und dann war alles wieder präsent: „Das Set hatte ich, jenes wollte ich haben, habe es aber nicht bekommen.“ Kisten voller Erinnerungen – und der Vorteil: Jetzt ist er erwachsen, kann sich die Bausätze und Steine per Mausklick selbst kaufen.
Die Kisten vom Dachboden führten zurück zu einer Leidenschaft, die erloschen schien. In der Vorweihnachtszeit wurde Lego gekauft, an den Festtagen die Kartons geöffnet, die Plastiktüten aufgerissen und die Steine ausgebreitet. „Dann ist alles andere gestorben“, sagt During. Seine Tochter und er bauen bis in die Abendstunden, blenden den Rest aus – sind für sich und beschäftigen sich mit ihren Projekten. Oft habe seine Frau den Satz hören müssen, den seine Eltern einst hörten: „Lass mich noch eine halbe Stunde.“
Manchmal ist das Ausreizen der Zeit nicht vorteilhaft. Wenn die Konzentration nachlasse, passieren Baufehler, die am nächsten Tag wieder behoben werden müssen, so During, der sich für Baumaschinen der Technik-Reihe begeistert – „ein klassisches Große-Jungs-Ding“. Die Serie sei komplex, vor allem, sobald Schaltungen oder Getriebe zusammengesetzt werden müssen, die Fahrzeuge ferngesteuert sind. „Wenn es nach Stunden funktioniert, freut man sich.“
Wer sie fragt, was ihnen das Bauen gibt, dem antworten beide, dass es beruhigend und entspannend sei, ein Ausgleich. „Es ist ein Kontrast zum lauten Schulalltag“, sagt Svea During. „Ich bekomme den Kopf dabei frei“, sagt Frank During – und am Ende sehe man erst, ob das Ergebnis, „wirklich so schick wie im Hochglanzprospekt aussieht“.
Inzwischen sind sie aber nicht mehr nur zu zweit. Auch Mutter Elona During baut mit den Plastiksteinen. „Wir haben sie infiziert“, sagt Frank During und ergänzt: „Es ist leichter, wenn alle im gleichen Hobby stecken.“ Anfangs habe er, um die Kosten für die Haushaltskasse gering zu halten, seine Welten aus der Kindheit aufgebaut und teilweise verkauft. „Ich trennte mich von Altem für neue Sets.“
Svea During hat ihre 70.000 Steine in Schubladen nach Farben sortiert. Frank During kommt auf 80.000 – geordnet in mehreren Kleinteilmagazinen, pro Fach eine Steinart und eine Farbe. „Diese nutzen sonst Handwerker für Schrauben und Dübel“, sagt er. Das Sortieren hat gedauert, „manch einer muss denken, du musst ja Zeit haben“, aber er wollte nicht mehr größere Haufen auf der Suche nach Steinen durchwühlen. Bei der Ordnung habe jeder, der viel Lego zu Hause hat, sein eigenes System. „Wenn man zehn Leute fragt, wie sie ihre Steine sortieren, erhält man elf Antworten.“
Wenn beide ein neues Projekt anfangen, suchen sie sich ihre Steine zusammen, packen sie in Kisten und breiten sich in der Küche aus. „Wenn ein Stein fehlt, flitze ich die Treppe zum Dachboden hoch“, sagt Frank During. Das sei noch kein „optimales System“, auch weil sie am Abend wieder alles zur Seite räumen müssten. Andere haben ein Bauzimmer, das wäre schon ein Traum – und ein Ziel, finden die beiden. „Dort könnten wir auch halbfertige Projekte stehenlassen.“
Doch erst einmal will During seine zwei Module beenden, hofft, dass sie eine gute Ergänzung zu den anderen sind, dass die kleinen Bälle rollen, sich ihren Weg über die Hürden suchen. Svea During stellt dieses Mal noch nicht aus, will aber mit ihrer Mutter Elona During im Hintergrund anpacken. „Ich bin gespannt, wie viele nach Kaltenkirchen kommen – entweder werden es viele sein, weil es zwei Jahre keine Ausstellung gab oder wegen der hohen Inzidenzen weniger Besucher als vor zwei Jahren. Ich habe kein Gefühl, was uns erwartet“, sagt Frank During.