Groothusen
Flucht aus der Ukraine: Raus aus der Dunkelheit
Oksana Chepelieva wohnte mit ihren drei Kindern in Lyssytschansk im Osten der Ukraine. Sie versteckten sich tagelang vor den russischen Angriffen im Keller. Nun lebt sie in Groothusen.
Groothusen - Auch wenn das Wetter derzeit schlecht ist: Oksana Chepelieva freut sich zusammen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn über die bunten Blumen und über die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Wolkendecke bahnen. Endlich Frühling, sagt sie. Ein Frühling, den sie mit ihren Kindern in Groothusen in der Krummhörn in Sicherheit verbringen kann. Viel zu lange musste die ukrainische Familie während des Krieges in ihrer Heimat im Dunkeln ausharren.
Oksana Chepelieva lebte gemeinsam mit ihren Töchtern Zlata und Alina sowie ihrem Sohn Vladislav in Lyssytschansk, eine Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern. Die Familie hatte ein gutes Leben, Oksana arbeitete bei einer Bank. Lyssytschansk ist gerade einmal 90 Kilometer von Luhansk und 140 Kilometer von Donezk entfernt. Die beiden Städte und die Region sind bereits seit 2014 vom Krieg gezeichnet.
Überall Bilder von fallenden Bomben
„Wir wussten, dass der Krieg kommt“, sagt Oksana Chepelieva. Als es dann aber so weit war, wollte sie es dennoch nicht wahrhaben. Freunde riefen sie am Morgen des 24. Februars an und berichteten vom Kriegsbeginn. Am Anfang habe sie noch gesagt, dass sie sich irrten, sagt Oksana Chepelieva. Jedoch nahm die Nachrichtenlage überhand, überall waren die Bilder der fallenden Bomben zu sehen.
Es dauerte nicht lange, bis Lyssytschansk ebenfalls von Russland angegriffen wurde. Sobald Oksana Chepelieva in der Nacht den Fliegeralarm hörte, weckte sie ihre Kinder und lief mit ihnen in den Keller. Dort verbrachten sie mit anderen Bewohnern des Mehrfamilienhauses die Zeit, teilweise Stunden, wenn nicht Tage.
Eine Woche lang im Keller
Die Menschen harrten im Keller aus. Die Angst war groß, dass in dem Moment, in dem die Familie in ihre Wohnung zurückkehrt, das Haus von einer Bombe getroffen werden könnte. Und so blieben sie eine ganze Woche lang im Keller.
Es war dunkel, kalt und roch muffig, sagt Oksana Chepelieva. Ihr Sohn Vladislav schlief auf Brettern, die auf einem Mauerstück lagen, nur durch ein paar Decken gepolstert. Am schlimmsten jedoch war die Situation für die siebenjährige Zlata. Sie musste in ihren Sachen schlafen, fror und musste alles in der Wohnung zurücklassen. „Sie hatte schreckliche Angst“, sagt Oksana Chepelieva. Die Zeit kroch dahin. Im Keller gab es kaum Beschäftigung, außer Nachrichten auf dem Smartphone zu lesen und den Explosionen der Bomben zuzuhören. „Ich hatte Angst um unser Leben.“
Die Hoffnung auf das Ende
Zwei Wochen lang hoffte Oksana Chepelieva, dass der Krieg schnell beendet ist. Während sie sich mit ihren Kindern im Keller versteckte und sie die Furcht ihrer Kinder sah, beschloss die Ukrainerin, dass sie fliehen muss. „Es geht um die Zukunft meiner Kinder“, sagt Oksana Chepelieva. Mit einem Bus fuhr die Familie zur nächsten Bahnstation, von da aus ging es mit dem Zug nach Lwiw, die Stadt gilt als Umschlagsplatz für Geflüchtete. Sie überquerten die polnische Grenze. Hier traf sie ihre Cousine, die bereits im Landkreis Aurich lebt. Zusammen fuhren sie nach Ostfriesland. Ihre Cousine stellte auch den Kontakt zu Johann Wienbeuker her, der in Groothusen lebt. Dort wohnt die Familie nun seit dem 15. März.
Zuallererst nahm Oksana Chepelieva eine ausgiebige Dusche, als sie im Kreis Aurich ankam. Tagelang war sie auf der Flucht, im Keller, in dem sie sich mit ihren Kindern versteckt gehalten hatte, gab es kein Bad. Die hygienischen Zustände waren katastrophal.
Der erste Geburtstag in Deutschland
Nun heißt es für die Familie erst einmal ankommen. Zlata feierte hier bereits ihren achten Geburtstag. Die Arche Visquard organisierte eine Party, es wurde gegrillt und deutsche Kinder feierten gemeinsam mit Zlata. Natürlich gab es auch Geschenke. „Es war ihr bisher schönster Geburtstag“, sagt Oksana Chepelieva.
Die Familie hat sich bereits eingewöhnt. Der 18-jährige Vladislav macht ein Praktikum bei einer Autowerkstatt, nach den Ferien soll Zlata die Loppersumer Grundschule besuchen und die 19-jährige Alina wird im Rahmen eines Praktikums ukrainische und russische Kinder an einer Schule trainieren.
Der Krieg hinterlässt Spuren
Auch wenn die Familie nun in Sicherheit ist – Oksana Chepelievas Gedanken sind noch in der Ukraine. Ihre Mutter wohnt in Sjewjerodonezk, nur ein paar Kilometer von Lyssytschansk entfernt. Täglich telefonieren sie miteinander, ihre Mutter schickt immer wieder Nachrichten, dass es ihr gut gehe. Und der Krieg hat Spuren hinterlassen. Wenn draußen ein Flugzeug oder ein Hubschrauber zu hören sei, duckten sie sich unwillkürlich, sagt Oksana Chepelieva. Die Erinnerung an die Flieger und die abgeworfenen Bomben sitzen noch tief.
Vor allem die Ruhe gefällt Oksana Chepelieva an Ostfriesland. Man hört die Vögel singen und die Luft sei viel sauberer als in Lyssytschansk, sagt sie. Trotzdem würde sie am liebsten, so bald es geht, in die Ukraine zurückfahren. Jedoch hat sie das Wohl ihrer Kinder im Blick. „Ich muss an ihre Zukunft denken“, sagt Oksana Chepelieva. Langsam geht es voran, die Familie geht einen Tag nach dem nächsten an. Sobald das Wetter schön ist, wollen sie zusammen mit dem Rad ans Meer fahren – Zlata habe sich das gewünscht, sagt Oksana Chepelieva.