Föhr
Verschickungskinder auf Föhr: Frühere Heimleiterin ist „fassungslos“
Gesa Hering (73) ist von den Berichten der Verschickungskinder schockiert. Als Leiterin des Kinderkurheims Marienhof auf Föhr von von 1967 bis 1970 habe sie so etwas nicht erlebt. Sie warnt vor pauschalen Urteilen gegenüber Erziehern.
Gesa Hering (73) verfolgt die Diskussionen über die Verschickungskinder sehr genau. Von 1967 bis 1970 leitete sie das Haupthaus des Kinderkurheims Marienhof in Wyk auf Föhr, das vom Evangelischen Hilfswerk Schleswig-Holstein unterhalten wurde. Hering absolvierte im Kinderkurheim Marienhof ihre Ausbildung, war von 1967 bis 1970 Leiterin des Haupthauses.
„117 Kinder standen unter meiner Verantwortung. 17 Erzieher haben sich um die Kinder gekümmert, mit ihnen in den Gruppen gelebt“, berichtet Hering im Gespräch mit unserer Redaktion.
Kinder, die ihr eigenes Erbrochenes essen müssen, weggesperrt wurden oder mit den Haaren an den Stuhl gebunden wurden – das sind Schilderungen, die es immer wieder gibt. „Was mich so fassungslos macht, ist die Darstellung“, sagt Hering. „Man kann den Eindruck gewinnen, dass Erzieher Monster sind und die Schädigung an den Kindern immens ist. Ich habe mich selbst gefragt: Was bist Du denn? Wie war es mit den Mitarbeitern und Kindern? Bin ich auch ein Monster?“
Hering hat mit ehemaligen Kolleginnen telefoniert. Sie wollte wissen, ob sich ihre Wahrnehmung mit denen der Kollegen deckt. Wie man mit Problemen umgegangen ist. „Keiner kann sich an solche Vorfälle erinnern“, sagt Hering.
Anja Röhl, Mitbegründerin der Initiative Verschickungskinder, hatte den Vorwurf geäußert: „Die ganzen Inseln bestehen aus Leuten, die in den Heimen tätig waren und ihren Nachkommen. Was dort passiert, wussten alle.“ Später entschuldigte sie sich für ihre aus der Emotion entstandene Äußerung: „Ich glaube keineswegs, dass sich alle Inselbewohner, schon gar nicht ihre Nachkommen, schuldig gemacht haben.“
„Der Vorwurf, alle Mitarbeiter von den Inseln seien beteiligt und würden heute gedeckt, läuft aus meiner Sicht völlig schief“, sagt Hering. Sie kennt keine Fälle. Dabei war der Austausch zwischen den rund 40 Kinderheimen auf Föhr intensiv. Man vertrat sich bei Krankheitsfällen, traf immer wieder andere Mitarbeiter.
„In meinem Anerkennungsjahr waren viele aus dem Klassenverband auf Föhr – in verschiedenen Einrichtungen. Wir haben uns über unterschiedliche Gehälter und die Ausrichtungen von Einrichtungen gesprochen. Gewalt an Kindern war nie ein Thema“, berichtet Hering.
Im Kinderkurheim Marienhof hätten die Erzieher in den Gruppen gelebt. „Unsere Arbeitswoche hatte 60 bis 72 Stunden. Wie hatten einen freien Tag in der Woche. Urlaub gab es 14 Tage um Weihnachten und Silvester, 14 Tage im Jahr. Wir hatten nicht von morgens bis abends Dienst, sondern auch nachts“, erinnert sich Hering. In einigen Schilderungen über andere Kinderheime sollen Kinder gezwungen worden sein, im Bett zu bleiben, wurden bestraft, wenn sie sich einnässten.
„Es war eher ein häuslicher Verbund.“ Schon bei der Überfahrt mit dem Schiff seien die Kinder abgeholt worden, um Kontakte aufzubauen, Struktur und Sicherheit zu geben. „Die Idee war, den Kindern zu helfen, nicht sie zu drangsalieren. Viele kamen aus problematischen Elternhäusern“, berichtet Hering. „Eine Entschuldigung für von einigen Verschickungskindern beschriebenes Verhalten der Erzieher gibt es nicht. Es gibt aber auch eine andere Seite,“, betont Hering.
„Sippenhaft gibt es in dem Beruf nicht. Jeder in dem Beruf trägt Verantwortung für Kinder oder Jugendliche“, betont Hering. Es sei wichtig, die Erziehungsmethoden der 1950er, 1960er und 1970er Jahre zu berücksichtigen. „Man muss es in das Jahrzehnt einordnen. Der Stellenwert eines Kindes in der Gesellschaft war nicht mit heute vergleichbar. Das Pauschale muss aus den Vorwürfen raus“, fordert Hering.
Sie erinnert an das elterliche Recht, Kinder zu schlagen. Dieses hatte der Vater. In den 1970er Jahren wurde die Rechtsprechung geändert. „Es wurde aber nicht verboten, sondern Mütter erhielten das gleiche Recht. Erst im Jahr 2000 wurde per Gesetz die gewaltfreie Erziehung festgelegt“, erinnert Hering an die Entwicklung.
Hering fühlt sich und viele Kolleginnen, die sogenannten Tanten, zu Unrecht in eine Ecke gedrängt. Sie wolle nichts relativieren oder unter den Teppich kehren. „Wenn ich die Schilderungen lese, wird mir schlecht. Wenn jemand so etwas mit einem Kind gemacht hat, kann er nur selbst in Not geraten sein. Es ist nicht haltbar, dass ein Verantwortlicher Hand anlegt an Kinder oder sie seelisch kaputt macht“, sagt die 73-Jährige. „Man wird dem Ganzen aber auch nicht gerecht, wenn man sieht, dass Millionen Kinder in Erziehungsheimen waren. Dann müssten Millionen Kinderseelen kaputt sein.“
„Man kann gewisse Dinge nie vorhersagen und für niemanden die Hand ins Feuer legen. Das ist wie mit einem Nachbarn, der immer nett war, und dann Hand an ein Kind anlegt“, sagt Hering. Dass es Fälle von Misshandlung gab, will und kann sie nicht ausschließen. Sie hält die Aufklärung für wichtig – aber ohne Pauschalisierung. „Ich bin ganz gespannt, wenn 2023 die Hamburger Studie fertig ist“, sagt sie. „Aufklärung ist wichtig. Man muss dafür sorgen, dass solche Dinge nicht wieder vorkommen oder aus dem Weg geräumt werden.“