Osnabrück
Gehen Industrie und Handel bald die Paletten aus?
Ob Joghurt, Babynahrung oder das derzeit heiß begehrte Sonnenblumenöl, viele Waren werden auf Paletten an Supermärkte, Großhandel oder Lager geschickt. Branchenvertreter warnen nun: Nicht nur die Waren, auch die Paletten könnten bald knapp werden. Der Grund dafür ist kurios.
Leere Holzpaletten zeugen in Supermärkten gerade davon, wie viele Waren im Standardsortiment fehlen. Bald könnten sogar die Paletten aus dem Blickfeld verschwinden. Denn auch sie könnten knapp werden.
Verantwortlich dafür ist ein kleines, aber wesentliches Teil der Fertigung: der Nagel. 78 Stück braucht es dem Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE) zufolge für die Produktion einer Europalette. Etwa 90 Prozent dieser losen Nägel werden laut europäischer Zulieferer der Branche aus russischen Stahl gefertigt. In Folge der Handelssanktionen aufgrund des Ukraine-Krieges kann dort bis auf Weiteres jedoch kein Nachschub bestellt werden. Schon in wenigen Wochen könnte die Produktion bei einigen deutschen Palettenherstellern stillstehen, warnt der HPE.
Ersatz beispielsweise aus Fernost sei kurzfristig nicht zu bekommen, da es an Lieferkapazitäten mangele, so der Branchenverband weiter. Da sich die deutschen Fertigungsmaschinen auch nicht auf andere Nägel umrüsten lassen, könnten dem Verband zufolge demnächst Millionen von Paletten fehlen. „Wenn Nägel fehlen, droht den betroffenen Unternehmen von heute auf morgen 100 Prozent Kurzarbeit“, so HPE-Geschäftsführer Marcus Kirschner.
Und: Je größer die Fehlmenge ausfalle, desto gravierender seien auch die Auswirkungen auf die Waren, die die Paletten tragen sollen. Denn ob Joghurt, Babynahrung, Mehl, Toilettenpapier oder Sonnenblumenöl, Medikamente, Impfstoffe, oder Getränke – all das wird vom Hersteller der Waren auf Paletten in die Hochregallager, Kühlhäuser, Verteilzentren, den Großhandel oder in den Supermarkt geliefert.
Dem Branchenverband HPE zufolge könnte jedoch nicht nur die Produktion deutscher Hersteller ausfallen. Bis auf Weiteres bleiben auch Palettenimporte aus Russland, Belarus und der Ukraine aus. 2021 wurden gut zehn Millionen Stück von dort importiert – 14,5 Prozent der Gesamtmenge deutscher Palettenimporte.
Hinzu kamen im Vorjahr rund 9,6 Millionen Paletten aus Polen und dem Baltikum, deren Hersteller in hohem Maße von russischen Holzimporten abhängig seien. „Hieraus allein lässt sich ein Importdefizit in Höhe von rund 20 Millionen Paletten ableiten. Tatsächlich dürfte die Fehlmenge jedoch noch deutlich höher ausfallen, da nach unseren Informationen alle europäischen Länder das gleiche Versorgungsproblem mit Nägeln haben wie Deutschland“, so Kirschner.