Osnabrück
Lesung zum Ukraine-Krieg in Osnabrück im Spannungsfeld zwischen Literatur und Politik
Wie wollen wir über den Krieg in der Ukraine sprechen? Bei einer Veranstaltung des Literaturbüros Westniedersachsen im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses wird deutlich, dass es darauf keine so klare Antwort gibt. Im Mittelpunkt steht der Roman „Eine Formalie in Kiew“ des ebendort geborenen Autors Dmitrij Kapitelman.
Mit drei kurzen, die Dinge lakonisch auf den Punkt bringenden ukrainischen Witzen entgegnet der Leipziger Journalist und Autor Dmitrij Kapitelman den weitschweifigen Ausführungen des Osnabrücker Friedens- und Konfliktforschers Ulrich Schneckener zu den möglichen Ursachen und der Entwicklung des Krieges.
Damit ist das Spannungsfeld markiert, in dem sich die Veranstaltung bewegt: Hier der Versuch einer nüchternen politischen Analyse dessen, was gerade geschieht, dort das Unterfangen, auf gewitzte Weise ein Lebensgefühl widerzuspiegeln von jenen Menschen, die sich vor Ort in der Ukraine genau dem ausgesetzt sehen.
Dabei spielt der zweite Roman des 36-jährigen Journalisten und Autors in einer Zeit, die noch vor der aktuellen Zuspitzung eines Kriegs angesiedelt ist, der bereits seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Halbinsel Krim durch das Putin-Regime vor acht Jahren das Dombass-Gebiet im östlichen Teil der Ukraine in Unruhe versetzt.
Die Hauptstadt Kiew war davon bis vor rund einem Monat gefühlt weit entfernt. Genauso wie für Kapitelman, der nach 25 Jahren in Deutschland in seine Geburtsstadt zurückkehrt und dort unter anderem seinen Sandkastenfreund wiedertrifft, der über sein Land spottet, aber auch an dessen Zukunft glaubt. Immer wieder ein Thema ist dabei der neue „Komiker-Präsident“, der für die Hoffnung steht, die allgegenwärtige Korruption im Land auszumerzen, aber auch von vielen kritisch beäugt wird.
Der ist mittlerweile ebenso omnipräsent wie die Angst, dass das nach Europa strebende Land in seinen Grundfesten zerstört wird. Für Kapitelman ordnet sich damit die Bedeutung seiner literarischen Erinnerungsarbeit neu ein. Es gehe darum, etwas festzuhalten, von dem man nicht wissen könne, ob und wann es irgendwann einmal verschwindet, bewertet er seinen Roman angesichts der ungewissen Zukunft seines Heimatlandes neu. Die Bilder eines vor noch nicht allzu langer Zeit freien, unbeschwerten Kiews, die der Autor mit drei ausgesuchten Kapiteln in die Köpfe der Zuhörer liest, wirken entsprechend umso intensiver.
Die Frage des neuen Literaturbüro-Leiters Jens Peters, welche Rolle in dieser Zeit Literatur spielen kann, wird auch in Form von drei Gedichten des bis heute im umkämpften Charkiv ausharrenden Autors Serhij Zhadan beantwortet, die von der Osnabrücker Schauspielerin Christina Dom rezitiert werden. „Über uns sprechen“ wird darin ausdrücklich angemahnt – und in einer anschließenden Podiumsdiskussion im Friedenssaal umzusetzen versucht.
Der Osnabrücker Journalist und Osteuropa-Experte Markus Pöhlking, der auch zahlreiche persönliche Kontakte in die Ukraine unterhält, erklärt dabei anschaulich die hohe Verteidigungs- und Opferbereitschaft einer Bevölkerung, die sich einen „sicheren Rechtsstaat“ wünsche und „in deren Gesellschaft andere Traditionen und Werte eine Rolle spielen, als in Russland“. Gerade die westlich orientierte junge Generation kenne die Sowjetunion „nur als Nacherzählung“, ergänzt Kapitelman.