Osnabrück

Krieg in der Ukraine macht Felix Nussbaums Bilder wieder bestürzend aktuell

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 01.04.2022 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kultur, Kunst, Das Leid der Menschen hört niemals auf: Was uns die Bilder Felix Nussbaums zu Krieg und Vertreibung in der Ukraine sagen. Ein Besuch im Museumsquartier, Nils-Arne Kässens Foto: Philipp Hülsmann
Kultur, Kunst, Das Leid der Menschen hört niemals auf: Was uns die Bilder Felix Nussbaums zu Krieg und Vertreibung in der Ukraine sagen. Ein Besuch im Museumsquartier, Nils-Arne Kässens Foto: Philipp Hülsmann
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Der Krieg in der Ukraine verleiht seinen Bilden traurige Aktualität: Felix Nussbaum malte das Leid von Krieg, Verfolgung und Exil. Die Nazis ermordeten den Künstler 1944 in Auschwitz. Ein Besuch im Osnabrücker Museumsquartier.

Zwei Menschen, vor Schrecken erstarrt. Das Auge des Mannes ist weit aufgerissen, ein Spiegel des Entsetzens. Seine Hand hält er schützend vor den Kopf der Frau, als würde er sie bewahren können vor dem nächsten Bombeneinschlag. Über dem schutzlosen Paar fliegen schemenhaft Kriegsflugzeuge unter dem Nachthimmel. Sie tragen ihre Bomben überall hin. Am Boden kauert das Menschenpaar, ausgeliefert und preisgegeben. „Angst“ nennt Felix Nussbaum sein Gemälde, auf dem er 1941 seine Nichte Marianne und sich selbst darstellt. Heute könnten sie in einem Luftschutzkeller in Kiew, Charkiw oder Mariupol kauern. Die Gesichter, die blanke Angst erstarren lässt, auf die Erschöpfung ihre Schatten wirft – sie sind die gleichen. Felix Nussbaums Gemälde erweisen sich heute wieder als bestürzend aktuell.

Dabei wird der Osnabrücker Künstler, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, vor allem als Maler des Holocaust angesehen. „Das ist auch richtig so“, sagt Nils-Arne Kässens und ergänzt: „Nussbaums Werk weist auch weit über den konkreten Zeitbezug hinaus“. Für den Direktor des Osnabrücker Museumsquartiers ist klar, dass Nussbaum nicht den Krieg selbst gezeigt hat, nicht die Gewalt und keine Soldaten, sondern das, was der Krieg mit seinen Opfern macht. Kässens und seine Kuratoren hüten in Osnabrück mit weit über 200 Bildern den umfangreichsten Werkkomplex des Malers, der einst vor den Nationalsozialisten floh und gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Felka Platek, 1944 mit dem letzten Transport aus Brüssel Richtung Auschwitz deportiert wurde.

„Die beiden Figuren sehen aus wie Menschen, die den nächsten Einschlag erwarten“, wendet sich der Museumsdirektor Nussbaums Bild „Angst“ wieder zu. Der Maler hole den Betrachter ganz nah an die Szene heran. Die beiden Figuren sind starr vor Angst, sie versuchen, sich aneinander festzuhalten und sich dadurch Schutz und Hilfe zu geben. Nussbaum reduziert die Szenerie, konzentriert seine Darstellung ganz auf das Leid der Opfer. Ihre Gesichter wirken wie eingefroren in einem Schrecken, der in und mit jedem neuen Krieg der gleiche bleibt. Nussbaums Bildfiguren fürchten nicht nur Verletzung und Tod, sie sind auch gezeichnet durch das, was ihnen der Krieg lange vorher angetan hat, indem er ihnen Heimat und Identität genommen hat. „Dieses Bild löst Mitgefühl aus. Es packt mich einfach immer noch“, sagt Kässens vor dem Gemälde.

Als Felix Nussbaum seine wichtigsten Bilder malt, ist er selbst auf der Flucht. Der Maler, der im Berlin der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu den Shootingstars der Kunstszene gehört und sogar als geförderter Künstler einen Aufenthalt in der römischen Villa Massimo absolviert, muss alles zurücklassen, als er vor den Nationalsozialisten und ihrem Judenhass fliehen muss. Nussbaum malt dennoch weiter. Nach den Worten von Nils-Arne Kässens ist auch heute noch nicht ganz klar, wie er sich im Exil organisiert, wie er Leinwand und Farben organisiert hat. Denn klar ist, dass Nussbaum gerade im Exil an seiner Kunst festhält. Er malt weiter, auch wenn ihm im Brüsseler Versteck bisweilen vor nackter Angst die Hände zittern. „Mit seinen Bildern formulierte er eine Anklage gegen jene Leute, die die Welt in Schutt und Asche legten“, sagt Kunstexperte Kässens heute und sagt weiter: „Nussbaum hat unter unvorstellbar beengten Bedingungen gemalt“. Allein deshalb beeindruckt ein Bild besonders: „Triumph des Todes“, das wohl letzte große Bild, das der Künstler im April 1944 vollendete.

Heute gehört das Werk neben Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“ von 1943 zu den kostbarsten Schätzen der Osnabrücker Sammlung. Nussbaum inszeniert auf seinem Bild einen bizarren Totentanz. Schauderhafte Gerippe spielen zum Tanz auf, mitten in einem Chaos der Zerstörung. Geborstene Säulen, verbeulte Schreibmaschinen und Telefone, zerrissene Filmbänder – der Krieg triumphiert über Kultur und Zivilisation. Scheinbar. „In Wirklichkeit triumphiert mit Nussbaums Bild die Kunst“, weist Nils-Arne Kässens darauf hin, dass mit Nussbaums Werk die Kunst eben doch das letzte Wort behält. Ist Kreativität zuletzt doch stärker als die Gewalt, die Kultur doch dem Hass überlegen? Felix Nussbaums Bilder leuchten als Hoffnungszeichen, gerade jetzt, im dem Augenblick, in dem der Krieg wieder zu triumphieren scheint.

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