Osnabrück

Dieser russische Geiger spielt in Osnabrück für die Ukraine und gegen Putin

Ralf Doering
|
Von Ralf Doering
| 01.04.2022 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Was für ein Musiker: Dmitry Smirnov, der diesjährige Preisträger des Osnabrücker Musikpreises. Foto: Andre Havergo
Was für ein Musiker: Dmitry Smirnov, der diesjährige Preisträger des Osnabrücker Musikpreises. Foto: Andre Havergo
Artikel teilen:

Der Geiger Dmitri Smirnov ist ein perfekter Musikpreisträger der Friedensstadt Osnabrück. Denn der russische Musiker ist nicht nur ein fantastischer Solist, sondern ein kluger und kritischer Mensch - und Putin-Kritiker.

Das Violinkonzert G-Dur von Joseph Haydn hätte Dmitri Smirnov sicher gern gespielt beim Preisträgerkonzert des Osnabrücker Musikpreises. Beim ARD Musikwettbewerb letzten Herbst hat er damit und mit dem Violinkonzert von Frank Martin einen zweiten Preis und den Osnabrücker Musikpreis geholt.

Doch seit der Osnabrücker Generalmusikdirektor Andreas Hotz das Programm für dieses sechste Sinfoniekonzert geplant hat, haben sich die Zeiten geändert. Deshalb ist fast nichts, wie es geplant war. Zwei Krisen haben die Kultur im Griff, wobei Corona mittlerweile fast zur lästigen Begleiterscheinung abgesunken ist. Kein Wunder, angesichts des Kriegs, den Russland in der Ukraine entfacht hat.

Deshalb hat Hotz das Konzertprogramm komplett neu geplant: Statt eines Musikpreisträgerkonzerts spielen das Osnabrücker Symphonieorchester und Smirnov nun im Gedenken ans Leid der Menschen in der Ukraine und an die Schrecken des Kriegs. Dabei stand die bange Frage im Raum: Wie steht der russische Geiger zur russischen Politik? Wie zur Ukraine?

Smirnovs Antwort: Er verabscheut den Krieg, er kritisiert offen Putins Lügen und Putins Politik. Und er findet es großartig, statt Haydn Musik eines ukrainischen Komponisten zu spielen: das Violinkonzert von Valentin Silvestrov. „Ich hätte es verstanden, wenn er keine ukrainische Musik hätte spielen wollen“, sagt Hotz. „Aber Dmitri Smirnov ist dankbar für jedes Zeichen, das er setzen kann.“

Deshalb hat der junge Geiger ein Konzert in Moskau abgesagt. „Die Organisatoren stehen der Regierung nah“, sagt er, zu nah aus seiner Sicht. Ein Konzert in seiner Heimatstadt St. Petersburg will er hingegen spielen. „Die Veranstalter hatten noch nie mit der Regierung zu tun“, sagt Smirnov.

Noch lieber als Silvestros Violinkonzert wäre ihm am Montag das von Vitaliy Hubarenko gewesen, einem Komponisten, der 1934 in der derzeit schwer umkämpften Stadt Kharkiv geboren wurde und 2000 in Kiew starb. Dort liegen auch die Noten – „und die Menschen dort haben derzeit anderes zu tun, als Noten zu suchen“, sagt Smirnov.

Deshalb steht Silvestro auf dem Programm, und zwar mit einer Hymne aus dem Jahr 2001 und dem Violinkonzert. „Das ist gut, so bekommt er wenigstens Geld für die Aufführung.“ Geld, das der 84-jährige Komponist sicher gut gebrauchen kann: Vor kurzem ist er aus Kiew nach Berlin geflohen; vor kurzem war er Gast beim Ukraine-Gedenkkonzert der Berliner Philharmoniker. Jenem Konzert, dem der ukrainische Botschafter Andrij Melnik ferngeblieben ist, weil, so berichtete der Deutschlandfunk, „Ukrainer keinen Bock auf große russische Kultur“ hätten, solange russische Bomben auf ukrainische Städte fielen.

Damit wäre klar: Melnyk hätte auch keinen Bock auf das Konzert in Osnabrück. Denn dort steht die achte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm, „eine seiner sogenannten Kriegssinfonien“, sagt Hotz. Entstanden während des Zweiten Weltkriegs erwarteten die sowjetischen Machthaber etwas Heroisches. Doch Schostakowitsch war ein Meister darin, Erwartungen zu unterlaufen. „Es gibt in der Musik alles, was Krieg symbolisiert“, sagt Hotz: „Märsche, Sirenen, Fanfaren.“ Aber statt im Triumph endet das Stück ruhig, introvertiert, „ersterbend“, sagt Hotz. „Die Sinfonie kam in der Sowjetunion auf den Index, Rundfunkaufnahmen wurden gelöscht, und Schostakowitsch wurde eine ,individualistische Weltsicht‘ vorgeworfen.“ Zensur ist nicht erst in der Ära Putin ein Problem in Russland.

Indem er ukrainische und russische Musik ausgewählt hat, will Hotz ein Zeichen der Verbundenheit setzen. Das wird ihm allerdings versagt: Hotz hat sich das Corona-Virus eingefangen. Deshalb wird sein Stellvertreter Daniel Inbal das Werk dirigieren – eine Herausforderung? Schon. „Aber Daniels Vater, der Dirigent Eliahu Inbal, ist ein großer Schostakowitsch-Interpret“, sagt Hotz. „Daniel ist mit dieser Musik und diesem Werk vertraut.“ Und Hotz vertraut seinem ersten Kapellmeister. Er gesteht allerdings auch, dass er das Konzert gern selbst dirigiert hätte. Ein Konzert, das die Tragik des Kriegs, die Tragik dieser Tage reflektiert. Immerhin erhält Dmitri Smirnov am Montag seinen Osnabrücker Musikpreis – ein kleines Stück Normalität.

Ähnliche Artikel