Hamburg/Erfurt
Warum viele Frauen ihren Nachnamen bei der Hochzeit abgeben
Warum nehmen Frauen nach wie vor häufiger den Nachnamen ihres Mannes an? Liegt es an zu wenig Feminismus, zu viel Tradition - oder Bequemlichkeit? Das hat Soziologe Michael Wutzler von der FH Erfurt untersucht.
„Ich frage Sie vor Gottes Angesicht: Nehmen Sie Ihren Bräutigam an als Ihren Mann und versprechen Sie, Ihm die Treue zu halten in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und ihn zu lieben, zu achten und zu ehren, bis der Tod Sie scheidet?“
Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort, die alle Anwesenden glücklich macht: „Ja!“ Ein kleines Wort, dass das Leben der Beteiligten für immer ändern wird. Wobei - tut es das? Die Steuerklasse ändert sich und die nervige Frage „Wann heiratet ihr?“ wird zu „Wann bekommt ihr Nachwuchs?“. Der Alltag ändert sich nach der Hochzeit aber kaum. Zumindest für den Mann: Denn nach wie vor sind es überwiegend die Bräute, die mit dem „Ja“ ihren Mädchennamen aufgeben (den Begriff „Jungennamen“ sucht man im Duden übrigens vergeblich).
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat bei deutschen Standesämtern nachgefragt und jeweils 20.000 Eheschließungen in den Jahren 1976, 1986, 1996, 2006 und 2016 ausgewertet. Mitte des vergangenen Jahrzehnts nahmen drei Viertel der Frauen bei der Hochzeit den Namen ihres Mannes an.
Wie sich die Daten verändert haben, zeigt Ihnen diese Grafik:
Warum Paare sich für einen gemeinsamen Ehenamen entscheiden - oder eben nicht - untersucht Michael Wutzler. Für seine 2021 veröffentlichte Studie „Doppelnamen find ich blöd. Das klingt so nach emanzipierter Frau: Wie heterosexuelle Paare die Wahl ihres Ehenamens begründen“ hat er 34 Paare befragt.
Für den Soziologen ist die Frage den Namenswahl unter anderem deswegen von Interesse, weil es sich dabei um eine „Schnittstelle individueller Intimität und staatlicher Ordnung“ handelt:
Staatliche Zuordnungsfunktion einerseits und Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft andererseits: Ist die Herkunftsfamilie oder der Partner der Fixpunkt, zu dem wir zugeordnet werden wollen? 24 der von Wutzler befragten 34 Paare entschieden sich für den Namen des Mannes als Ehenamen - und damit für die Tradition.
Das zeigen Zitate aus den Interviews, die in der Studie ausgewertet wurden: „Also ham wir nie richtig drüber diskutiert, das war einfach klar“. Das Paar erklärt, es sei eher traditionell geprägt, in ihrem Umfeld sei das selbstverständlich.
In den Interviews zeigt sich, dass bei der traditionellen Bestimmung des Ehenamens die Interessen der Männer dominieren und „patriarchale Strukturen reproduziert [werde], [...] auch mit Bezug auf eine als Normalität angesehene gesellschaftliche Lage“, wie Wutzler in seiner Untersuchung schreibt. Wie stark die Tradition die Namenswahl prägt, ist auch vom Wohnort abhängig: In ländlicheren Gebieten, in denen die Religion eine wichtigere Rolle spiele, sei der soziale Druck deutlich größer. „Es gibt es auch durchaus noch, dass Männer gehänselt, ihre Männlichkeit infrage gestellt oder kritisiert werden, wenn sie ihren Namen ablegen möchten oder einen Doppelnamen wählen“, erklärt der Soziologe.
Journalistinnen streiten sich in Texten darüber, ob es unfeministisch ist oder nicht, den Nachnamen des Mannes anzunehmen. Mareike Nieberding drückt auf „Zeit Online“ öffentlich ihren Hass gegenüber ihren Freundinnen aus, weil diese ihren Nachnamen bei der Hochzeit abgegeben haben.
Andere wie die taz-Redakteurin Sibel Schick begründen dagegen, warum sie sich aus emanzipatorischen Gründen entschieden haben, ihren Nachnamen zu wechseln.
Der Familienname des Mannes steht nicht nur für den einzelnen Mann, sondern für seine Familie, und damit deren „Familienvermächtnis“, dem zweitwichtigsten Grund für die in der Studie befragten Paare:
Männer sind seltener bereit aufzugeben; besonders, wenn es sich dabei um den Erstgeborenen handelt.
Die Paare sehen sich auch implizit oder explizit durch ihre Familien dazu aufgefordert, den Namen nicht aussterben zu lassen und fortzuführen - ein Anspruch, der nur gelingen kann, wenn sich das Paar gegen einen Ehenamen entscheidet. Doch selbst dann stellt sich spätestens bei der Geburt oder Adoption von Kindern die Frage, welchen Namen diese bekommen, wenn die Eltern keinen gemeinsamen Nachnamen tragen. Dabei kommen zwei weitere wichtige Gründe ins Spiel: die partnerschaftliche und familiäre Verbundenheit sowie die Verbundenheit zum Kind und Schutz der eigenen Kinder.
„Ich find, man muss schon zeigen, dass man verheiratet is, weil sons weiß, sach ich ma, das keiner“, zitiert Wutzler eine Studienteilnehmerin. Auch gehen die Paare davon aus, dass sie als erkennbar verheiratete und nicht nur liierte Paare respektvoller von Autoritäten behandelt werden, erläutert Wutzler. Außerdem fürchteten die angehenden Ehepaare, dass gemeinsame Kinder im Kindergarten gehänselt werden könnten, wenn ein Elternteil einen anderen Nachnamen hat als das Kind.
Auch die Ästhetik und Praktikabilität des Nachnamen war für die befragten Paare ein wichtiges Kriterium: Ist der Name wohlklingend, schön und praktisch oder zu kompliziert, unpraktisch oder gar stigamtisiert? Gerade bei internationalen Paaren stellt sich auch die Frage. Drei Paare, in denen jeweils ein Partner aus einem nicht-deutschchsprachigen Land stammt, hat Wutzler befragt. Ihre Beweggründe und Entscheidungen fallen unterschiedlich aus:
Die Aspekte der Emanzipation und Identität sind für viele wichtige Gründe. „Namen sind identitätsstiftend, Namenswechsel können aber auch identitätsverändernde Effekte oder einen (partiellen) Identitätsverlust zur Folge haben“, erklärt Wutzler in der Studie. Dabei kann es sowohl um kulturelle Zugehörigkeit gehen, der Name als Marke auf dem Arbeitsmarkt, weil es der Name des Familienunternehmens ist oder weil die Person unter diesem Namen in der (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit eindeutig identifiziert wird.
Der Druck der Familie zur traditionellen Namenswahl findet in Bezug auf die emanzipatorischen Gründe für die Namenswahl seinen Gegenpart:
Umgekehrt gebe es Paare, die sich dafür rechtfertigen müssen, wenn sie von traditionellen Vorstellungen der Ehe abweichen, führt der Soziologe weiter aus. Frauen können dadurch einem doppelten Rechtfertigungsdruck ausgesetzt werden: Einerseits durch die Familien, der Tradition zu folgen; andererseits durch das Milieu, den Namen zu behalten, um nicht als unfeministisch darzustehen. „Wenn es als selbstverständlich und traditionell angesehen wird, dass der Name des Mannes gewählt wird, dann brauchen die Männer sich nicht rechtfertigen, dass sie ihren Namen beibehalten wollen und Frauen müssen dagegen viel stärker begründen, warum sie gegen diese Tradition einen anderen Weg gehen wollen.“
Nicht selten kommt gleichzeitig Druck durch den Partner durch eine Scheinentscheidung hinzu, wenn dieser beispielsweise sagt, die Frau könne ihren Namen frei wählen, sie selbst aber nicht bereit sind, ihren Namen abzugeben, handelt es sich um eine Scheinwahl: Wenn sich die Frau einen gemeinsamen Ehenamen wünscht, „muss“ sie den Namen ihres Gatten annehmen.
Ein Doppelname könnte der Kompromiss sein - doch den wollen die wenigsten: Ob aus ästhetischen Gründen, der Länge oder weil ein negativer Stereotyp an Frauen, die sich in den 1980er- und 1990er-Jahren dafür entschieden haben, diese Variante unattraktiv macht.
Als weiteren Grund für oder gegen einen Ehenamen schilderten Paare bürokratische Gründe: Neuer Pass, neue Mailadresse auf der einen Seite können negativ sein, eine eindeutige Zuordnung zu gemeinsamen Kindern positiv.
Es gibt gute Gründe für und gegen einen gemeinsamen Nachnamen: Zwischen Tradition, familiärer Verbundenheit oder Ablehnung der Herkunftsfamilie, dem Wunsch nach einem gemeinsamen Nachnamen für die Kinder, aus ästhetischen oder integrativen Gründen, der Demonstration der Emanzipation und Eigenständigkeit - oder Faulheit, keinen neuen Pass beantragen zu wollen. Was bleibt, ist die Last auf den Schultern der Frauen, die ihre Entscheidung rechtfertigen müssen. Deswegen wäre es aus Sicht des Soziologen ein wichtiger Schritt, Doppelnamen für beide Ehepartner zuzulassen oder die Namenswahl noch weiter zu liberalisieren.
Einen anderen Rat gibt die Journalistin Mirel Zamann im Online-Magazin „Refinery29“, die an ihrer Entscheidung, den Namen ihres Manns anzunehmen, nach wie vor zweifelt: