Hamburg/Berlin

Queer und jüdisch - Das ist Keshet

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 31.03.2022 06:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Beim CSD feiern Mitglieder von Keshet ihre queer-jüdische Identität. Foto: Keshet
Beim CSD feiern Mitglieder von Keshet ihre queer-jüdische Identität. Foto: Keshet
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Bunt, offen und progressiv: Bei Keshet engagieren sich queere, jüdische Menschen für eine tolerantere Gesellschaft - unter anderem auf TikTok. Wie funktioniert das?

In diesem Artikel erfährst Du:

Religiös und queer: Dieser scheinbare Gegensatz ist die übersehene Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland. Der Verein Keshet e.V. schafft eine Community für queere-jüdische Menschen in Deutschland und leistet wichtige Aufklärungsarbeit. Was ein Pride Shabbat ist und warum sich der Verein sowohl in Teilen der jüdischen, wie auch der queeren Community erklären muss, erzählt Rosa Jellinek, Co-Vorsitzende des Vereins im Interview.

Frage: Rosa, lass uns ein kleines Gedankenexperiment wagen: Es ist das Jahr 2032. Welche Überschrift würdest Du Dir über einen Artikel über Keshet wünschen? 

Antwort: Eine Überschrift zu finden, fällt mir schwer. Auf jeden Fall wollen wir erreichen, dass queere und jüdische Menschen gleichberechtigt und sichtbar in Deutschland sind. Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren von der Mitgliederzahl und der Bekanntheit so gewachsen sind, dass in Deutschland alle wissen, dass es uns gibt. 

Frage: Dass man nicht schreiben muss: „Das ist Keshet und das macht der Verein“, sondern dass das offensichtlich ist?

Antwort: Genau. Die Leute sollen wissen, dass es queere, jüdische Menschen gibt und warum es wichtig ist, darüber zu sprechen.

Rosa (Mitte) ist zusammen mit Leo und Nicoleta im Vorstand von Keshet:

Frage: Was ist Keshet in drei Sätzen?

Antwort: Keshet ist ein Verein, der eine queere, jüdische Community schafft in Deutschland und „safer space“ für Austausch und Begegnungen ist. Wir machen das, indem wir innerhalb der jüdischen Community sensibilisieren und auf dieses Thema aufmerksam machen, aber auch außerhalb der jüdischen Community in der queeren Community über jüdische Themen aufklären. Aber natürlich auch gesamtgesellschaftlich außerhalb der queeren, jüdischen und queer-jüdischen Community wollen wir Sichtbarkeit schaffen und eine Stimme in der Öffentlichkeit sein.

Frage: Wie funktioniert das ganz konkret?

Antwort: Am wichtigsten sind für uns Veranstaltungen für queer-jüdische Menschen zu machen, wie zum Beispiel unsere „Pride Shabbat“. Mindestens einmal im Jahr organisieren wir dabei eine große Veranstaltung, wo wir Shabbat feiern mit einer queeren Note.

Woher der Namen Keshet kommt, erfährst Du in diesem TikTok:

Frage: Wie kann ich mir das vorstellen?

Antwort: Das zeigt sich zum Beispiel in den Gebeten, aber auch an der Deko, den Sachen, die dort erzählt werden, dem ganzen Programm. Die Veranstaltung richtet sich explizit an queere, jüdische Menschen, aber natürlich sind Allies und Interessierte willkommen. Auch zu anderen jüdischen Feiertagen organisieren wir Veranstaltungen oder besuchen mit unseren Mitgliedern den CSD. Wir leisten aber auch Aufklärungsarbeit, in den vergangen zwei Jahren pandemiebedingt verstärkt über Social Media. Ansonsten machen wir Bildungsarbeit, nehmen an Veranstaltungen teil, sprechen auf Konferenzen und halten Vorträge. Primär wollen wir für unsere Mitglieder eine Community schaffen und einen Raum, sich auszutauschen und sich zu begegnen. 

Frage: Diesen Raum beschreibt ihr in einem TikTok auf eurem Account nicht als „safe space“, sondern als „safer space“. Was genau ist ein „safer Space“?

Antwort: Ein „safer Space“ ist ein „safe Space plus Awareness“. Das Prinzip ist das gleiche: Man möchte einen Raum schaffen, in dem sich Leute sicherfühlen und sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Der Unterschied, dieses kleine „r“, meint, dass man sich bewusst ist, dass man einen „safe space“ nie ganz schaffen kann. Man kann nicht ausschließen, dass Diskriminierung oder andere negative Sachen darin passieren werden. Man kann nur versuchen, einen Raum zu schaffen, der so safe wie möglich ist. Um Menschen darauf aufmerksam zu machen, sagen wir, dass wir versuchen, einen „safe space“ zu schaffen, es aber wahrscheinlich nicht zu 100 Prozent klappt. Deswegen sagen wir safer space, damit sich alle dessen bewusst sind und man nicht noch stärker verletzt wird.

Warum ein „safer space“ niemanden ausschließt, erklärt Rosa in diesem TikTok:

Frage: Wie viele Mitglieder hat Keshet und wo leben sie? 

Antwort: Wir haben bereits mehr als 150 Mitglieder. Es gibt Ballungsgebiete in Berlin, aber auch in München und der Rhein-Main-Region, wo wir jeweils Regionalgruppen haben. Wir haben aber Mitglieder in ganz Deutschland verteilt und hoffe darauf, dass, wenn der Verein größer wird, wir mehr regionale Veranstaltungen organisieren können.

Frage: Dabei sagt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, dass man das gar nicht braucht: „Ich frage mich, welche besonderen Merkmale haben LGBTQ-Juden gegenüber anderen Juden?“ Was sagst Du dazu?

Antwort: Am Wachstum unserer Mitglieder und der Zahl der Menschen, die zu unseren Veranstaltungen kommen, sieht man, dass es anscheinend doch notwendig ist. Zum ersten Pride Shabat, zu dem wir vielleicht 20, 30 Personen erwartetet hatten, meldeten sich mehr als 100 Menschen an. Das zeigt, wie groß der Bedarf an einem „safer space“ für diese Community ist. Solche Aussagen manchen unsichtbar, dass es queere, jüdische Menschen gibt. Aber es gibt uns und zeigt, wie wichtig es ist, dass es eine Stimme gibt, das sichtbar zu machen. 

Wie sich Queerness und Religion auch im Islam und Christentum miteinander verbinden lassen, erfährst Du hier:

Frage: Wie bist Du zu Keshet gekommen?

Antwort: Ich war schon bei der Gründung von Keshet dabei. Vorher war ich schon bei der jüdischen Studierendenunion seit kurzem aktiv und habe mit einer Freundin das Referat für queere Themen gegründet. Der Verein wurde von Dalia Grinfeld gegründet, die auch die Studierendenunion gegründet hatte, die mich angesprochen hatte, ob ich dabei sein möchte. 

Frage: In einem TikTok sprichst Du offen darüber, dass Du Dich als bisexuell identifizierst. Hast Du Dich in Deiner Jugend gesehen gefühlt mit einer queer-jüdischen Identiät?

Antwort: Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das gar kein Problem war. Bevor ich bei Keshet angefangen habe, war ich noch nicht so vernetzt innerhalb der jüdischen Community in Deutschland. Meine Eltern waren immer super offen, deswegen hatte ich nie Probleme. Ich komme aus Berlin, einer Stadt, die dafür bekannt ist, dass sie sehr offen, bunt und tolerant ist. Ich habe meine Bat Mizwa in einer Synagoge mit einer sehr queer-friendly Rabbinerin gemacht, die heute mit Keshet zusammenarbeitet. 

Frage: Welche Probleme haben queere Menschen in der jüdischen Community?

Antwort: Es kommt darauf an, über welche Community innerhalb der jüdischen Community man spricht, weil das Judentum sehr divers und pluralistisch ist. Klar gibt es Communitys, in denen Queerness, Homosexualität und Transidentitäten nicht akzeptiert oder sogar abgelehnt werden, was zu Konflikten mit der eigenen Familie führen kann. Das ist sicherlich für viele ein großes Problem. Dann gibt es aber auch verschiedene interne Probleme, zum Beispiel was das Thema der Matlinearität angeht: Wenn zwei jüdische Männer ein Kind bekommen, ist das Kind dann jüdisch? Ein wichtiges Problem, bevor es Keshet gab, war es, Gleichgesinnte zu finden: Wie kommt man überhaupt dazu, sich mit anderen queeren, jüdischen Leute auszutauschen? 

Frage: Und wäre das Kind von zwei jüdischen Männern jüdisch?

Antwort: Es gibt auf jeden Fall Lösungen. Es hängt auch ab von der Community: Manche sind konservativer, orthodoxer und akzeptieren Queerness weniger, in anderen wird damit sehr offen umgegangen. Man kann es nicht pauschal beantworten.

Frage: Was genau sagt das Judentum als Religion und die Tora im speziellen zu queere Themen? Gibt es da Textstellen?

Antwort: Das Judentum ist eine Auslegungsreligion. Gefühlt ist das oberste Gebot im Judentum, dass alles doppelt und dreifach hinterfragt werden kann und wird. So ist es auch mit dem, was in der Tora steht und dem Rest der heiligen Schrift. Es gibt beispielsweise eine Textstelle, die lautet:

Antwort: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“

Antwort: Wenn man das bloß liest, könnte man darin ein Verbot der Homosexualität lesen. Wenn man sich aber damit genauer auseinandersetzt, gab es Rabbiner, die gesagt haben, dass das nur Inzest oder Analverkehr unter Männern verbietet – was ja nicht heißt, dass Homosexualität verboten ist. Worauf ich hinaus will: Im Endeffekt kommt es immer darauf an, wie man die Sachen interpretiert.

Frage: Doch nicht nur als queere Menschen in der jüdischen Community müsst ihr euch erklären, sondern auch als jüdische Menschen in der queeren. Wie weit ist Antisemitismus in der queeren Community verbreitet?

Antwort: Auch das lässt sich nur bedingt pauschalisieren. Ich habe schon erlebt, dass auf dem CSD Flyer verteilt wurden „Against Pinkwashing“, auf denen Israel vorgeworfen wird, es wäre nur so queerfreundlich, um andere Teile seiner Politik gegenüber PalästinenserInnen zu verschleiern. Der Antisemitismus in der queeren Community ist in der Regel israelbezogen. Das habe ich nicht nur auf dem CSD schon oft erlebt, sondern auch in anderen Teilen der linken Szene. 

Frage: Was würdest Du anderen queeren, jüdischen Menschen raten, wenn sie in so eine Situation geraten?

Antwort: Gerade wenn man sich in einer queeren Gruppen in einem „safer space“ glaubt, kann einen so etwas krass treffen. Einerseits finde ich es immer wichtig, dass man dagegensteht und mit den Menschen spricht und darüber aufklärt. Zum anderen kann man nicht immer von Betroffenen verlangen, dass sie sich dann hinsetzen, erklären und sich am Ende noch mehr diesem Hass und dieser Diskriminierung aussetzen. An dieser Stelle würde ich mir wünschen, dass stärker ein „allyship“ greift und andere für mich einstehen.

Auf Instagram klärt Keshet auch über jüdische Feiertage auf:

Frage: Wie kann ich ein guter Ally der queer-jüdischen Community sein?

Antwort: Zum einen ist es wichtig, sich zu informieren und zu wissen, was Antisemitismus und Queerfeindlichkeit sind und an welcher Stelle diese Sachen auch zusammengreifen können. Zum anderen ist es super wichtig, einzugreifen und Sachen nicht einfach stehenzulassen, sondern auf Basis seines Wissens in solchen Situationen für die Menschen einzustehen.

Frage: Über Themen wie safer spaces, Labels oder Intersektionalität klärt ihr auf TikTok auf. Wieso habt ihr euch zu diesem Schritt entschieden?

Antwort: Wir sind seit diesem Jahr auf TikTok und Teil des Programms „Lernen mit TikTok“. Dafür produzieren wir eine Mischung aus Bildungs- und Aufklärungsvideos und lustigeren Inhalten. Da findet man super viele Informationen, genau wie auf unserem Instagram-Account. 

Frage: Welches Feedback bekommt ihr?

Antwort: Bislang haben wir echt gute Erfahrungen gemacht. Wir erreichen noch mehr und andere Leute als auf Instagram, was total schön ist. Man kommt auf TikTok auch eher in Austausch mit den NutzerInnen, was mir gut gefällt. Negatives Feedback hält sich sehr in Grenzen.

Frage: Was sind eure Pläne für den Rest des Jahres? 

Antwort: Wir wollen auf jeden Fall wieder mehr Veranstaltungen live machen, damit sich unsere Mitglieder untereinander besser kennenlernen können. Gerade diejenigen, die während der Pandemie dazugekommen sind, kennen oft noch niemanden aus dem Verein. Das wird unsere Prio Nummer 1 sein. Wir wollen die Menschen wieder zusammenbringen, damit sie spüren: Wir sind eine Gemeinschaft. 

Frage: Ist euer langfristiges Ziel eigentlich, dass ihr euch selbst überflüssig macht? 

Antwort: Rein theoretisch gesehen, wäre das natürlich schön. Ich glaube am Ende, um große Veranstaltungen und Events zu organisieren, wird es immer eine Gruppe brauchen, die sowas in die Hand nimmt. Aber dass wir unser Ziel erreichen, queere, jüdische Menschen sichtbar und gleichberechtigt zu machen, hoffe ich sehr.

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