Osnabrück
„Fridays gegen Vielfalt“ - wie Greta Thunbergs Klima-Bewegung verfällt
Weil die Musikerin Ronja Maltzahn als Weiße Dreadlocks trägt, wurde die Musikerin von der „Fridays-for-Future-Bewegung“ ausgeladen. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Schießt die Klimabewegung aktuell mit ihrer Selbstgerechtigkeit über ihr Ziel hinaus? Mit dieser Frage beschäftigt sich NOZ-Vize Burkhard Ewert.
„Fridays for Future“, das sind doch diese netten jungen Leute mit der Greta, denen der Klimaschutz so wichtig ist?
Ein Teil dieser Beschreibung trifft zu. Um mitzumachen braucht es allerdings nicht nur die richtige Meinung. Man darf auch nicht falsch aussehen. Eine junge Musikerin wurde von einem Solidaritätskonzert am Wochenende jedenfalls kurzfristig ausgeladen. Grund: Sie trägt „Dreadlocks“. Bei diesen wulstigen Zöpfen handele es sich um eine „kulturelle Aneignung“, die latent rassistisch und mit den Zielen der Bewegung nicht vereinbar sei, befand die FFF-Gruppe aus Hannover.
Wie bitte? Ist es nicht merkwürdig, eine bestimmte Frisur nur Menschen mit bestimmter Hautfarbe zuzugestehen? Ist es legitim, in einem Land, zu dessen Grundrechten die Entfaltung der Persönlichkeit zählt, Auftritte von Äußerlichkeiten abhängig zu machen? Seine geschlechtliche und sexuelle Orientierung darf inzwischen jeder frei wählen – seine Frisur aber nicht?
Dreadlocks könnten anderer Leute Gefühle verletzten, heißt es. Ja, und? Wer etwas gegen kurze Röcke oder unbedeckte Haare hat, dem lässt man es ebenfalls nicht durchgehen, wenn er die Freiheit anderer aufgrund seiner Befindlichkeiten beschneiden will.
Es entspringt auch einer kulturhistorisch verengten Sicht, „Dreads“ auf unterdrückte Schwarze im postkolonialen Kontext zu reduzieren. Vergleichbare Zopf-Frisuren sind aus dem alten Ägypten bekannt. Sie wurden bei den Wikingern beschrieben, waren bei keltischen Stämmen weit verbreitet und werden selbst von den Rastafaris weniger auf eine schwarze Lebenswelt zurückgeführt als auf biblische Figuren, die in ihrem religiösen Weltbild eine besondere Rolle spielen. Jede Wette zudem: Der aktuelle „Dread“-Trend verweist kaum auf Reggae-Legenden von gestern. Vielmehr entsprechen stylishe Zottelfrisuren der Ästhetik aus angesagten Serien wie „Vikings“ und „Game of Thrones“. Wichtig ist das aber nicht. Wer "Dreads" möchte, soll sie tragen.
Ist die Episode ein Einzelfall? Leider nein. Eine andere Fridays-Ortsgruppe hatte sich in diesen Tagen Fitnessstudios zum Hassobjekt auserkoren – als „Brutstätte für neoliberale Chauvinisten“. Dort könnten sich Männer, die sich als Männer verstehen („Cis-Männer“), „unwidersprochen radikalisieren“. Die FFF-Jünger gaben sich noch gnädig. Sie seien „nicht gegen Fitnessstudios und Sport im Allgemeinen“. Wohl aber forderten sie, „Fitnessstudios sollten verpflichtet werden, Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen einzustellen, die mit den Männern reden“. Besser sei es, dort Meditation oder Theaterpädagogik zu vermitteln.
Kritik an diesen satirisch anmutenden, gruppenbezogenen Abwertungen war dann, na klar, „Hetze von rechts“ – wozu echte „Fridays“ übrigens inzwischen auch die Grünen zählen. „Wir protestieren nicht mit euch, sondern gegen euch“, schmetterten sie der Regierungspartei auf Twitter entgegen, als die Grünen zur Teilnahme an jüngsten Fridays-Aktionen aufriefen. Öko-Spießer, die die Bundeswehr aufrüsten, wollte man dort nicht haben.
Immerhin, dank solcher Einlassungen hat der Rest der Republik inzwischen verstanden, worum es sich bei „Fridays for Future“ handelt. Der romantische Blick auf die Bewegung ist passé. Man konnte sich schon zu Gretas Zeiten fragen, ob der Kult nicht überzogen war. Wieso sollte Jugendlichkeit ausgerechnet beim Klimaschutz eine besondere Berücksichtigung legitimieren, wie es damals landauf, landab kursierte? Müsste das Argument der länger währenden Lebensspanne dann nicht für jedes Thema gelten? Aufrüstung, Rente, Schulden, Sicherheitspolitik, Umwelt- und eben auch Klimaschutz, Bildung, Wirtschaftspolitik: Jedes dieser Felder betrifft die Jugend auf Lebensjahre bezogen stärker als ältere Menschen. Wer es ernst meint, müsste ihr grundsätzlich mehr Bedeutung beimessen als Senioren.
Dumm nur, dass demokratische und humanistische Grundregeln etwas anderes verlangen. Demnach ist jede Stimme und jeder Mensch gleich viel wert, egal wie lange er noch zu leben hat, egal auch, welche Zöpfe und wie viele Muskeln er hat. Das gilt immer, auch am Freitag.