Osnabrück
Verband: Deutlich mehr Erdgas aus Deutschland nur mit Fracking
Nicht nur im Mittleren Osten wird Erdöl und Erdgas gefördert, sondern auch in Deutschland – insbesondere in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Angesichts eines drohenden Lieferstopps aus Russland rückt die Bedeutung der heimischen Förderung in den Fokus. Geht da noch mehr?
Mit Opec-Staaten wie Irak, Libyen und Saudi-Arabien oder Ölfördernationen wie Russland und den USA kann Deutschland zwar nicht mithalten. Dennoch spielt die Förderung von Erdöl und Erdgas auch hierzulande eine wichtige Rolle – insbesondere in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Insgesamt 5,2 Milliarden Kubikmeter Erdgas haben Unternehmen im vergangenen Jahr in Deutschland gefördert. Das ist in etwa so viel wie im Jahr zuvor. Gut fünf Milliarden Kubikmeter und damit rund 97 Prozent davon stammen aus Lagerstätten in Niedersachsen. Mit dieser Menge ließen sich mehr als zwei Millionen Vier-Personen-Haushalte mit Heizung und Warmwasser versorgen.
Angesichts eines drohenden Lieferstopps von Gas aus Russland, das immerhin zuletzt rund 55 Prozent des deutschen Bedarfs deckte, rücken auch die heimischen Förderstätten wieder mehr in den Fokus. Zurecht, so die Auffassung von Ludwig Möhring. „Solange in Deutschland Erdgas und Erdöl genutzt werden, brauchen wir auch die heimische Förderung“, betonte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) am Mittwoch im Zuge des Jahresgesprächs noch einmal. Die Förderindustrie stehe zu ihrer Verantwortung, erwarte aber auch ein Bekenntnis der Politik zur Produktion im Land.
Gemessen am Erdgas-Bedarf in Deutschland sind die Mengen vor allem aus Niedersachsen nicht hoch. Dennoch sind sie Möhring zufolge wichtig für die Versorgungssicherheit. „Deutschland ist gut beraten, die Potenziale der heimischen Förderung zu nutzen und sämtliche Optionen für zusätzliche Kapazitäten ernst zu nehmen“, so der BVEG-Hauptgeschäftsführer.
Allerdings: Signifikate Mehrmengen aus Deutschland sind Möhring zufolge nicht möglich. „Ziel muss es sein, die Förderung auf dem aktuellen Niveau zu halten oder leicht auszubauen.“ Diese Strategie fährt auch das Unternehmen Neptune Energie, auf das rund zehn Prozent der deutschen Gasförderung zurückgeht. Das Erdgasfeld Adorf Karbon in der Grafschaft Bentheim ist ein Projekt-Beispiel, wo Mehrmengen generiert werden können. Zwei Bohrungen hat das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren abgeteuft. „Mit dieser neuen Produktion können jährlich mehr als 100.000 Haushalte mit Erdgas versorgt werden“, so Neptune-Sprecher Stefan Brieske. Eine weitere Bohrung in dem Feld ist im Juni dieses Jahres geplant.
Förderungen wie vor zehn Jahren, als in Deutschland mit gut zwölf Milliarden Kubikmetern Erdgas noch mehr als die doppelte Menge aus der Erde geholt wurde, sind BVEG-Geschäftsführer Möhring jedoch nur unter einer Bedingung möglich: mit Fracking. Das allerdings sei gesellschaftlich und politisch nicht akzeptiert. „Das haben Produzenten verstanden und respektieren es“, betont Möhring. Gespräche, auch in Niedersachsen Erdgas mit dieser Methode zu fördern, gebe es nicht.
Dass in Deutschland in den vergangenen Jahren die Fördermengen stetig zurückgegangen sind, ist dem BVEG zufolge zum einen das Ergebnis von sich langsam erschöpfenden Lagerstätten. Es hänge jedoch auch mit einer geringeren Explorationstätigkeit zusammen. Zehn Jahre, in denen die Aktivitäten der Erdgas- und Erdölproduzenten gesellschaftlich und politisch in Frage gestellt worden seien, hätten Spuren hinterlassen, so Möhring.
Das gilt auch für Erdöl. Insgesamt rund 1,8 Millionen Tonnen wurden im vergangenen Jahr gefördert. Gut 58 Prozent davon stammen aus Bohrungen in Schleswig-Holstein. Zusammen mit Niedersachsen stehen die Nordländer für knapp 90 Prozent der Erdölförderung in Deutschland.
Im Fokus der Öffentlichkeit steht derzeit jedoch die Erdgasversorgung in Deutschland. Dass die Bundesregierung die Frühwarnstufe im „Notfallplan Gas“ ausgerufen hat, ist Möhring zufolge ein richtiger Schritt. „Erdgas ist nun einmal ein Eckpfeiler unserer Energieversorgung.“ Die Diskussion darüber habe sich auch kurzfristig nicht erledigt. „Die Gasversorgung in Europa wird auf neue Füße gestellt werden“, sagte er.
Allerdings werde es weder kurz- noch langfristig die eine Lösung für eine Unabhängigkeit der Gasversorgung von Russland geben, ist der BVEG-Hauptgeschäftsführer überzeugt. Als einen wichtigen Faktor sieht Möhring den Einkauf von Flüssiggas, kurz LNG, und Investitionen in ein Terminal in Deutschland. Denn: Ein Zurück zu früher sieht er nicht. Möhring: „Der Angriff auf die Ukraine entzieht den bisherigen Lieferstrukturen mit Russland die politische und kommerzielle Basis.“