Europa
Experten: Was den beschlagnahmten Superjachten jetzt droht
Superjachten schlucken täglich tausende Euros, zusätzlich müssen sie in Stand gehalten werden. Was passiert jetzt mit den festgesetzten Luxusschiffen Putin-treuer Oligarchen?
Nachdem viele russische Oligarchen seit Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine auf Sanktionsliste gesetzt wurden, griffen die EU-Behörden durch. Besonders anschaulich wurden die Sanktionierungen dort, wo teure Luxusjachten Kreml-treuer Oligarchen beschlagnahmt wurden. Mehrere unter anderem in Norddeutschland gefertigte Luxusschiffe liegen seitdem in europäischen Häfen fest, ihre Zukunft ist ungewiss. Dass Superjachten über längere Zeit ohne Zutun vertäut am Kai liegen, ist ungewöhnlich. Denn Megajachten schlucken Unterhalt, sie müssen stets repariert und in Stand gehalten werden.
Ein britischer Anwalt für Vermögenrecht und Luxusgüter und der Chef einer amerikanischen Werft sagten dem „Business Insider“, die weitreichenden Sanktionen gegen russische Oligarchen könnten zu langjährigen Gerichtsprozessen und dem Verfall der Superjachten führen.
Dem britischen Anwalt Benjamin Maltby zufolge ist das unablässige Säubern und das Prüfen der Funktionstüchtigkeit der Schiffe äußerst wichtig. Sobald Superjachten nicht mehr regelmäßig gewartet werden, beginne der Verfall. Die Instandhaltung sei immer im Wert von Superjachten innenbegriffen: Wie Maltby dem „Business Insider“ sagte, machen die Wartungskosten einer Jacht meist 15 bis 20 Prozent des gesamten Wertes aus.
Als Beispiel nennt er die Jacht des russischen Oligarchen Andrei Melnichenko: Das in Norddeutschland gebaute Schiff ist die größte Segeljacht der Welt. Mit ihren 143 Metern Länge und ihrer 50-köpfigen Crew soll die „Sailing Yacht A“ demnach jedes Jahr mehr als 115 Millionen Euro schlucken.
Weitere Kostenfaktoren sind der Treibstoff der Schiffe, aber auch die Crew, die Versicherung und anstehende Reparaturen. Ebenso können sich Hafengebühren schnell zu mehreren zehntausenden Dollar monatlich summieren. Der Präsident der amerikanischen Schiffswerft „Marine Boat Works“, Todd Roberts, sagte dem „Business Insider“, ohne die benötigte Pflege der Schiffe könnten die Superjachten innerhalb kurzer Zeit beinahe ein Drittel ihres Wertes einbüßen.
Roberts gab zudem an, eine Jacht kann den Versicherungsschutz verlieren, sollte das Schiff bei einer Inspektion keine ausreichende Besatzung ausweisen.
Die derzeitige Situation sei für die Jacht-Branche alles andere als normal, so Roberts. Denn eigentlich würde man beschlagnahmte Jachten direkt verkaufen. Normalerweise habe der Besitzer daher ein gesteigertes Interesse an der Instandhaltung der Jacht, weil der Verkaufspreis so hoch wie möglich gehalten werden soll. Dem Experten zufolge gingen die jetzt beschlagnahmten Jachten aber nicht direkt in den Besitz von Italien, Spanien und Frankreich über. Stattdessen blieben die russischen Milliardäre bezugsberechtigt, obwohl der Vermögenswert an den Jachten eingefroren und die Nutzung der Luxusschiffe untersagt ist.
Demzufolge sind es die russischen Oligarchen, die nach wie vor für die Instandhaltung ihrer Schiffe verantwortlich seien. Dass sie für die Dauer der Sanktionen für die Wartung der Superjachten aufkommen, ist dem Bericht zufolge unwahrscheinlich. Denn wegen der Sanktionen im Zahlungsverkehr können sie weder die Wartungskosten noch etwaige Strafen von EU-Behörden begleichen.
Um dem Schicksal anderer Oligarchen zu entrinnen, deren Jachten die EU in den vergangenen Wochen festsetzte, kam der im Westen bekannte Roman Abramowitsch den Behörden zuvor. Dem Vertrauten Putins gehört unter anderem der englische Top-Fußballclub FC Chelsea.
Noch bevor er auf die Sanktionsliste der EU gesetzt wurde, ließ er sein 140 Meter langes Luxusschiff „Solaris“, das zu Reparaturen in Barcelona vertäut war, eilig in Richtung Türkei ablegen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll nun auch ein weiteres Schiff des Oligarchen, die in Hamburg vom Stapel gelaufene „Eclipse“, vor der Türkei kreuzen. Die Schiffe sind so dem Zugriff durch die EU-Behörden entzogen.