Aurich
Flucht aus der Ukraine: „Nur Bomben und Feuer“
Die Schwestern Olga und Marianna flohen mit ihrer Familie von Charkiw nach Aurich. Es ist für sie kaum zu ertragen zu sehen, wie ihr Zuhause zerbombt wird.
Aurich - Es ist genau 5.06 Uhr am Morgen, als Olga Kolchkova die erste Explosion hört. Der russische Angriff auf ihre Heimatstadt Charkiw, nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, hat begonnen. Zur selben Zeit läuft ihre Zwillingsschwester Marianna Bieliaieva zum Fenster. Ihr elfjähriger Sohn Egor ist bei ihr. Sie sieht, wie die Bomben einschlagen. „Ich lief zu einem anderen Fenster. Aber auch da, nur Bomben und Feuer“, sagt sie.
Für die Schwestern ist sofort klar: Sie müssen fliehen. Jedoch haben sie auch Angst, nach draußen zu gehen. „Wir wissen ja nicht, wohin die Bomben fallen“, sagt Olga. Ihnen bleibt jedoch keine andere Wahl. Wenn sie nicht sofort gehen, wird es vielleicht keine andere Möglichkeit mehr geben.
In der Dunkelheit ist es sicher
Gemeinsam mit ihren Eltern, ihren insgesamt drei Kindern und Mariannas Ehemann machen sie sich in zwei Autos auf den Weg zur slowakischen Grenze. Die Straßen sind verstopft, voller Menschen auf der Flucht. Für den Weg, den sie sonst in zehn Stunden zurückgelegt hätten, brauchen sie zwei Tage. Sie fahren ununterbrochen. Sie meiden größere Städte wie Kiew aus Angst, dass sie Ziel des russischen Angriffs werden könnten.
Vor der Grenze bleiben sie mit so vielen anderen hängen, nur noch langsam geht es voran. Wenige Straßen führen aus der Ukraine. Viele Menschen sind zu Fuß unterwegs. „Es waren so viele Kinder dort“, sagt Marianna. Zwei Tage und Nächte stecken sie im Stau. „Wir mussten abends die Lichter ausmachen“, sagt Olga. Die Scheinwerfer der Kolonne könnten sonst russischen Fliegern ein Angriffsziel bieten. Olgas größte Angst ist, ihre Schwester in der Dunkelheit zu verlieren. „Ich hätte sie doch unter all den Menschen nicht wiedergefunden“, sagt sie.
„Sie kämpfen für unser Land und für unsere Freiheit“
Endlich erreichen sie die Grenze. Die Kontrolle geht schnell. Mariannas Mann muss jedoch in der Ukraine bleiben. Alle Männer zwischen 18 und 60 dürfen das Land nicht verlassen. Er ist nun in Lwiw und hilft dort Menschen, die alles verloren haben, sagt Marianna. „Unsere Männer sind so mutig. Sie wollen nicht fliehen, sie kämpfen für unser Land und für unsere Freiheit“, sagt Olga.
Für die Familie geht es über die Slowakei nach Konstanz. Aber sie finden keine Unterkunft. Immerhin brauchen sie Platz für sieben Personen. Eine Trennung kommt nicht in Frage.
Jeden Tag fallen Bomben
Über einen Bekannten lernen sie den Auricher Kieferchirurg Dr. Jochen Wessels kennen. Er war selbst mit einem Notarztwagen in Lwiw, um den Menschen zu helfen. Er hat genug Platz. Nun leben sie alle zusammen in Aurich, in Sicherheit.
Täglich verfolgen Marianna und Olga die Nachrichten. Sie folgen dem Instagram-Profil „kharkivlife“. Dort werden unter anderem Fotos der Stadt Charkiw gepostet. Häuser, die in Flammen stehen, eine junge Frau, die einen Soldaten küsst, Menschen, die durch die Trümmer ihrer Stadt laufen, zwei Babies schlafen in einem Keller auf einer Decke, sie wurden dort geboren, sagt Marianna. Für die Schwestern ist das kaum zu ertragen. „Jeden Tag werfen sie Bomben auf unsere Städte“, sagt Marianna, die beim Anblick der Fotos ihre Tränen nicht zurückhalten kann.
„Wir hatten ein wirklich gutes Leben“
Die Familie führte in Charkiw ein glückliches Leben. Olga arbeitete bei einem Unternehmen im Verkaufsbereich, sehr erfolgreich, wie sie sagt. Mit ihrer 14-jährigen Tochter wohnte sie in einer kleinen Wohnung. „Wir hatten ein wirklich gutes Leben.“ Ihr Haus gibt es inzwischen nicht mehr, es wurde zerbombt.
Viele Bekannte der Familie sind immer noch in Charkiw. Sie harren dort teilweise wochenlang in Bunkern aus. „Sie sind dort ohne Wasser, Essen und Medizin“, sagt Marianna. Eine Familie plane nun, mit ihren zwei Töchtern die Stadt zu verlassen. „Der Vater, ein zwei Meter großer Mann, hat geweint, weil seine Familie so leben muss.“
Die Wut ist groß
In all das Leid und die Trauer mischt sich bei Olga auch Wut. „Dieser Grund für den Angriff ist völlig verrückt.“ Der russische Präsident, Wladimir Putin, hatte angegeben, mit dem Angriff auf die Ukraine die russische Bevölkerung dort zu schützen. „Sie haben so viele Leben und Familien zerstört“, sagt Marianna. Der Vater der Zwillingsschwestern ist gebürtiger Russe, ihre Mutter Ukrainerin. Sie lernten Russisch als Muttersprache, genauso wie ihre Kinder. Niemand habe jemals damit ein Problem gehabt, sagt Olga. Seit die Familie auf der Flucht ist, sprechen die Kinder immer weniger russisch und dafür mehr ukrainisch.
Sobald der Krieg vorbei ist, wollen die Schwestern zurück in ihre einst so wundervolle Stadt. „Wir wollen sie wieder aufbauen“, sagt Marianna. „Die Ukraine ist stark – wir sind stark. Wir werden es schaffen“, fügt Olga hinzu. „Wir haben alles verloren. Aber nicht unser Land. Und das werden wir der Welt zeigen.“