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Kulturelle Aneignung: Dürfen Weiße Dreadlocks tragen?

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 24.03.2022 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dürfen Weiße Dreadlocks tragen? Die Klimaorganisation hat die Debatte um kulturelle Aneignung neu angestoßen. Foto: Imago Images/Pathermedia
Dürfen Weiße Dreadlocks tragen? Die Klimaorganisation hat die Debatte um kulturelle Aneignung neu angestoßen. Foto: Imago Images/Pathermedia
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Fridays for Future lädt Musikerin Ronja Maltzahn aus, weil sie als Weiße Dreadlocks trägt. Ist der Vorwurf kultureller Aneignung berechtigt?

Worum geht es in der Debatte zwischen Fridays for Future und Ronja Maltzahn?

Die Münsteraner Künstlerin Ronja Maltzahn wollte am Freitag auf der Fridays for Future Demo in Hannover auftreten. Kurz zuvor wurde sie jedoch von der Klimaorganisation wieder ausgeladen und veröffentlichte die Absage auf Instagram. Die Begründung: Maltzahn trägt als weiße Person Dreadlocks. Diese seien in den USA ein Widerstandssymbol der der Bürgerrechtsbewegung schwarzer Menschen. „Wenn eine weiße Person also Dreadlocks trägt, dann handelt es sich um kulturelle Aneignung, da wir als weiße Menschen uns aufgrund unserer Privilegien nicht mit der Geschichte oder dem kollektiven Trauma der Unterdrückung auseinandersetzen müssen“, so die Klimaschützer.

Was ist kulturelle Aneignung?

Kulturelle Aneignung („Cultural Appropriation“) meint die Übernahme von Elementen einer Kultur durch Mitglieder einer anderen kulturellen Gruppe. Laut der US-Juraprofessorin Susan Scafidi ist kulturelle Aneignung demnach eine „unerlaubte Wegnahme geistigen Eigentums, traditionellen Wissens oder kultureller Artefakte“.

Von kultureller Aneignung wird zum Beispiel gesprochen, wenn weiße Menschen ihre Haut zum Karneval oder für Theaterstücke dunkler schminken (Blackfacing) oder Modeunternehmen, die keinen Bezug zur jeweiligen Kultur haben, trotzdem Elemente wie Federschmuck indigener Völker oder muslimische Kopfbedeckungen verwenden. So wurde der Designer Marc Jacobs kritisiert, weil er 2017 vorwiegend weiße Models mit bunten Dreadlocks auf den Laufsteg schickte.

Wann ist kulturelle Aneignung problematisch?

Problematisch wird es demnach, wenn Mitglieder einer privilegierten Gesellschaftsgruppe aus der Aneignung Profit schlagen, oder Sitten, Bräuche und Traditionen anderer Kulturen lächerlich machen.

Sehen dominante Gesellschaftsgruppen Make-Up, Kleidung, Kostüme und Schmuck oft als Statussymbol, das sie jederzeit wieder ablegen können, erleben marginalisierte Gruppen aufgrund ihres Aussehens und ihrer kulturellen Traditionen und Bräuche strukturellen Rassismus.

So sagt der Soziologe Jens Kastner vom Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften in Wien im Gespräch mit unserer Redaktion: „Es gibt bestimmte kulturelle Praktiken, Gewohnheiten und Zeichen, die in konkreten Kontexten entwickelt und praktiziert wurden. Diese werden dann von anderen aufgegriffen, die damit Profit machen ohne jenen, die diese Kultur entwickelt haben, etwas abzugeben.“ So könne man FFF zugute halten, diese Form von Ausbeutung nicht zu unterstützen. Jedoch sei fraglich, ob Ronja Maltzahn mit einer anderen Frisur nicht genauso erfolgreich wäre und der Vorwurf haltbar ist.

„Wer sagt, Weiße dürfen keine Dreadlocks tragen, tut so, als seien Dreadlocks originär mit dem schwarzen Wesen verbunden. Dreadlocks sind aber in verschiedenen Kontexten verortet. Außerdem haben Dreadlocks mittlerweile eine 40-jährige subkulturelle Konnotation“, so Kastner. Außerdem bestünde Kunst und Kultur immer aus Aneignung. „Zu sagen, es gebe so etwas wie kulturelle Reinheit, ist der Beginn von Faschismus.“

Würdigt man nicht andere Kulturen, indem man bestimmte Elemente übernimmt?

In der Forschung und Begriffserklärung wird wegen dieser Frage zwischen kultureller Aneignung und kultureller Anerkennung („Cultural Appreciation“) unterschieden. Jemand, der sich umfassend mit einer Kultur beschäftigt, begegnet dieser mit Respekt - es wird also von Anerkennung gesprochen.

Céleste Ugochukwu, Präsident des Afrikanischen Diasporarates der Schweiz, sagte der Schweizer Zeitung „20min“: „Ich bin dagegen, Weißen bestimmte Frisuren, Kleider, Accessoires oder Musikstile generell zu verbieten. Im Gegenteil: Es macht mich stolz, wenn so viele Menschen wie möglich afrikanische Kulturgüter benutzen. Was gibt es für bessere Marketinginstrumente, um Afrika im Westen zu promoten? So können wir der Welt zeigen, wie reich die afrikanische Kultur ist.“

Kastner sagt, es ist wichtig, bei den Formen der kulturellen Aneignung zu unterscheiden und sich bewusst zu machen: „Es gibt eine konsensuelle und wertschätzende Aneignung, aber auch eine Aneignung, die unterdrückend und ausbeuterisch ist.“

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