Hamburg

Die Ukraine zeigt uns, warum Patriotismus wichtig ist

Thomas Schmoll
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Von Thomas Schmoll
| 24.03.2022 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vereint unter der balu-gelben Fahne: DIe Ukrainer stehen zusammen. Symbolfoto Foto: imago image/ZUMA Wire
Vereint unter der balu-gelben Fahne: DIe Ukrainer stehen zusammen. Symbolfoto Foto: imago image/ZUMA Wire
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Nationalgefühl sind in Teilen der deutschen Gesellschaft regelrecht verpönt – erst recht, wenn es mit Heldentum und der Waffe in der Hand verkörpert wird. Unser Autor ist überzeugt: Das ukrainische Volk zeigt, wie wichtig Patriotismus ist.

In einem Beitrag zum Frauentag in ihrer Zeitschrift „Emma“ verortete sich Alice Schwarzer „in der stolzen Tradition von feministischen Pazifistinnen“ der Zeit vor den zwei Weltkriegen. Sie bezieht sich dabei auch auf Bertha von Suttner (1843–1914), die ihr Leben dem Kampf für den Weltfrieden widmete. In ihrem 1889 erschienenen und enorm erfolgreichen Antikriegsroman „Die Waffen nieder“ setzt sich die Schriftstellerin mit Kriegsgräueln auseinander, aber auch Eigenschaften, die damals – es gab noch kein Frauenwahlrecht in Europa – nur Männern zugeschrieben wurden: Mut, Tapferkeit, Kampfeswille und Bereitschaft, fürs Vaterland zu sterben.

Über ihre Großmutter berichtet Schwarzer, dass sie als junges Mädchen „ihren Schmuck für den Krieg gegen den Erzfeind Frankreich gab“, um Waffen zu finanzieren. „Gold für Eisen“, hieß das damals. Und ihr Großvater habe sich als 19-Jähriger „übereifrig freiwillig“ an die Front gemeldet, um „allen Franzosen in die roten Hosen zu schießen“. Über ihren Großvater schreibt die streitbare Feministin: „Er hat mir seine tiefe Verzweiflung vor dem Grauen des Krieges unausrottbar weitergegeben.“

Schwarzer kam im Dezember 1942 zur Welt, sie war zweieinhalb Jahre alt, als Nazi-Deutschland kapitulierte. Sie gehört zu der Generation, die sich „Die Waffen nieder“ auf die Fahnen geschrieben hatte und gegen den von den USA brutal geführten Vietnam-Krieg demonstrierte. Es wundert also nicht, wenn sie jetzt in Bezug auf den Angriff Russlands auf die Ukraine erklärt: „Bei den Worten ‚Helden‘ und ‚Krieg‘ zucke ich zusammen. Denn ich weiß: Jetzt wird wieder gestorben. Selten sind das dann die großen Helden, die sterben, es sind eher die kleinen Leute.“

Aus dieser pazifistischen Sichtweise heraus ist Schwarzers Haltung nachvollziehbar. Allein ihre Schlussfolgerung ist es nicht. Sie verharrt in der schön klingenden, aber unrealistischen Position, dass ein destruktiver Diktator wie Putin ohne Waffengewalt zur Räson gebracht werden könnte. Die „Emma“-Gründerin wägt ab, ob es nicht, „auch wenn es schwer fällt“, besser gewesen wäre, „sofort nach einem Kompromiss“ zu suchen, der für die Ukraine, Putin, den Westen und Amerika „erträglich“ gewesen wäre, „statt das Ganze mit dem vergifteten Lob für Heldentum auch noch anzuheizen“. Man fragt sich, was noch passieren muss, bis alle verstehen, dass Putin nicht mit Zugeständnissen zu stoppen ist.

Mit Verlaub, Schwarzers Friede-Freude-Eierkuchen-Idee ist an Bomben zerschellt. Es ist grotesk und ätzend, auch nur anzudeuten, das mit Bomben übersäte Land soll die Brutalität des Moskauer Kriegsherrn belohnen und ihm irgendetwas geben, damit er seine Armee stoppt. Nicht der Täter wird also bestraft, sondern das Opfer soll etwas abtreten: Land, Freiheit, was immer. Schwarzers Meinung steht für die westliche Arroganz, anderen Nationen zu sagen, wo es langgeht, und die im linken Lager verbreitete Hypermoral, eingehüllt in Pazifismus: Wir meinen es doch nur gut mit euch. Lasst das Heldentum schön sein, legt die Waffen nieder, gebt Putin, was er will – und uns Öl, Gas und wieder Ruhe in unserem friedlichen Auenland.

Nur die Ukrainer selbst können entscheiden, wann sie aufhören zu kämpfen und unter welchen Bedingungen. Ansonsten kann und muss man ihren Mut, ihren Willen, ihr Durchhaltevermögen, ihre Entschlossenheit bestaunen, ohne sie zu überhöhen. Man denke nur an die todesmutigen Einwohner in Melitopol, Cherson und anderen Städten, die – manchmal unter Schüssen – demonstrieren gehen und den Invasoren, die angeblich gekommen sind, das Land von „Neonazis“ und „Drogensüchtigen“ zu „befreien“, mitteilen, was sie von ihnen halten: nichts, absolut nichts. Statt zu jubeln, rufen die Menschen: „Haut ab!“

Präsident Wolodymyr Selenskyj ist so was wie der heldenhafte Anführer unter den Helden. Nur Vitali und Wladimir Klitschko haben einen ähnlichen Status. Die früheren Boxweltmeister im Schwergewicht hätten Vorbild gestanden haben können für eines der unzähligen Denkmäler für die Helden der sowjetischen Armee, die maßgeblich beteiligt waren, Hitlers Wahnsinnskrieg zu beenden.

Die Faszination für die Klitschkos und all die Menschen, die Panzer mit ihrem bloßen Leib stoppen und zur Umkehr bewegen, resultiert daraus, dass sie keine in Stein gehauenen Ideale oder Comic-Figuren sind, sondern lebendige Wesen. Der bis vor Kurzem verschmähte Patriot, der bereit ist, dem Tod in die Augen zu sehen, bereitet plötzlich – abgesehen von Leuten wie Schwarzer – kein Unbehagen mehr und wird nicht länger mit verheerendem Nationalismus gleichgesetzt, sondern mit Freiheitswillen und Liebe zur Heimat.

Ausgerechnet dieser Typus Mensch gibt in Zeiten des ersten Eroberungskrieges in Europa seit 1945 der Ukraine und dem Rest der Welt Hoffnung. Die Heldin und der Held mit und ohne Waffe in der Hand werden für ihre Standhaftigkeit und Erfolge bewundert, wie die Zustimmung unter den vielen Fotos und Videos in den sozialen Medien belegen, die militärische Volltreffer oder den Einsatz von Feuerwehrleuten, Ärzten, Krankenschwestern und Fluchthelfern zeigen. Der Zynismus der Zeit macht die Toten auf russischer Seite vergessen, unsichtbar – traurig, aber den Krieg hat nun mal unbestreitbar Putin begonnen.

Selbst das Pathos stört nicht. Was in Hollywood-Kriegsfilmen als Kitsch rüberkommt, hat in der wahren Welt etwas Beruhigendes, weil das Gute das Böse bezwingt, zumindest scheinbar. Es braucht nicht viel, den Stolz der Ukrainer auf jeden militärischen Erfolg nachzuvollziehen und nachzuempfinden. Das hat damit zu tun, dass Selenskyj, die Klitschkos und alle anderen Ukrainer glaubwürdig vermitteln, nicht nur für sich zu kämpfen und zu sterben, sondern für die ganze westliche Welt.

Zum Ende seines epischen Theaterstücks „Das Leben des Galilei“ lässt Bertold Brecht den wissbegierigen Studenten Andrea Sarti sagen: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“ Die Antwort seines Lehrers Galileo Galilei wurde zum geflügelten Wort: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Für die Ukraine gilt: Glücklich das Land, das solche Helden hat.

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