Hamburg
Exklusiver Blick in Hamburgs spektakulärste Baustelle
Als Flakturm IV schützte er die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg vor Luftangriffen. Nun ist der monumentale Bunker an der Feldstraße aufgestockt und wird begrünt. Wir haben uns auf der Baustelle umgesehen.
„Sind Sie schwindelfrei?“ Die Frage lässt erahnen, in welche Höhen uns der offene Bauaufzug entlang der Bunkerfassade heben wird. 90 Sekunden später folge ich Frank Schulze mit einigermaßen festen Knien auf den sogenannten Kragen. Dorthin, wo im Zweiten Weltkrieg die Flugabwehrkanonen in alle Himmelrichtungen ausgerichtet waren.
Die Fahrt im Baustellenaufzug auf den Bunker-Kragen:
Ich stelle mir vorbeiziehende Nebelschleier als Schmauchspuren vor. Ein erster geschichtlicher Schauer durchzuckt mich auf dem 30 Meter hohen Dach des Bestandsgebäudes des Flakturms IV, der nun also um fünf neue Geschosse auf 58 Meter aufgestockt ist.
„Man muss die Historie mit berücksichtigen“, sagt Schulze, der die Aufstockung des Bunkers am Heiligengeistfeld für den Hamburger Bauherrn Matzen Immobilien vermarktet.
Wohlwissend um den schmalen Grat zwischen mahnendem Andenken an NS-Unrecht und dem Vorwurf der Kommerzialisierung, der dem Erbpächter seit Jahren nicht nur von Stadtteil-Initiativen entgegenschlägt.
Hier die bis zu 2400 Zwangsarbeiter, von denen etliche für den zwischen April 1942 und Juni 1943 fertiggestellten Bunker ihr Leben ließen.
Dort die rund 180 Arbeiter, die 80 Jahre später an gleicher Stätte nun an einem Hotel, einem Restaurant und einer Veranstaltungshalle arbeiten.
„Aus der NS-Zwangsarbeit wird immer noch Profit geschlagen. Eine Aufarbeitung ist bislang versäumt worden“, sagt Sandra Uhlig.
Die Kulturwissenschaftlerin hat ihre Masterarbeit über den Feldstraßenbunker geschrieben und arbeitet mit dem Verein Hilldegarden an einem angemessenen Gedenken an die bislang wenig präsenten Opfer.
Zwölf über die neuen Etagen verteilte Infotafeln sollen auch Zufallsbesucher wie Hotelgäste für die Geschichte sensibilisieren. Im 5. Stock des alten Bunkers stellt der Bauherr zudem 130 Quadratmeter für eine Dauerausstellung zur Verfügung.
Eine Etage darüber befindet sich mit dem Leitstand ein zentraler Ort der Erinnerungsarbeit. Die dazugehörigen vier Kriechgänge sollen zwar einsehbar bleiben, aus Sicherheitsgründen aber nicht begehbar werden.
An diesem Tag schon. Mit eingezogenem Kopf folge ich Projektleiter Ronny Erfurt, der für die Aufstockung etwa 25 Gewerke koordiniert.
Mit seinem Ingenieur- und Architekturbüro Phase 10 aus dem sächsischen Freiberg hat er zuletzt das neue Stadion des Zweitligisten Erzgebirge Aue gebaut, und auch für die speziellen Herausforderungen des Bunkers wählt er eine Fußballmetapher. „Das ist wie ein Spiel nicht nur mit zwei Mannschaften, sondern mit sieben.“
Dazu die technologischen Randbedingungen: Die Kräfte der 33.500 Tonnen schweren Tragkonstruktion etwa – ein Gewicht von 60 vollbeladenen Airbus A380 – werden über 16 Stahlstützen in die Außenwände des Bestandsbunkers abgeleitet.
Bis zu 5000 Menschen sollen sich künftig gleichzeitig auf den fünf neuen Etagen aufhalten können. Eine Menge Zahlenspiele.
Von der Plaza, wie Erfurt die neue „Ebene 0“ nennt, eröffnet sich bereits ein faszinierender Rundumblick auf die Stadt. „Ich freue mich jedes Mal darüber“, sagt der Projektleiter. Wie bei der Elbphilharmonie werden auch hier die Seiten nach oben offen bleiben. In der südwestlichen Ausbuchtung des Flakturms entsteht ein Café.
Als wir eine Etage darüber ankommen, offenbart sich die nächste Herausforderung: Veranstaltungshalle trifft Hotel. Zum Teil ummanteln die künftigen 136 Zimmer die Halle auf zwei Etagen.
Damit die Gäste des Reverb by Hard Rock Hotels auch dann ihre Ruhe haben, wenn Kinder morgens beim Schulsport toben oder abends 2200 Zuschauende ein Konzert bejubeln, ist die Halle innerhalb der Aufstockung akustisch isoliert: Sie ist vom Rest des Gebäudes entkoppelt, zwischen inneren und äußeren Wänden liegt ein mit Luft und Dämmmaterial gefüllter Zwischenraum. „Der Boden schwebt quasi auch“, sagt Erfurt. Ein ähnliches „Box in Box“-System gibt es bereits in der Elbphilharmonie.
Überhaupt ist das Konzerthaus als Vergleichsgröße während unseres Rundgangs allgegenwärtig. Das wird auch bei der Ankunft auf dem neuen Bunker-Gipfel offenbar. „Auge in Auge mit der Elbphilharmonie“, schwärmt Erfurt über den Ausblick.
Zum Energietanken zieht es ihn immer mal wieder auf die Ebene 5, die das grüne Aushängeschild des „gigantischen Projekts“ werden soll. Im öffentlich zugänglichen Stadtgarten können sich Besucher Äpfel von Bäumen pflücken oder in einem Zen-Garten entspannen.
60 Millionen Euro statt der ursprünglich veranschlagten 25 Millionen Euro investiert Bauherr Matzen inzwischen in seine Vision eines grünen Bunkers: 4700 meist immergrüne Pflanzen sollen den terrassenartigen Aufbau und den Freiluft-Bergpfad säumen, der von ganz unten auf das neue Bunkerdach führen wird.
24 je 5,5 Tonnen schwere Stahlarme tragen den Weg entlang der Außenfassade. Ein nachhaltiges temperaturgesteuertes Be- und Entwässerungskonzept reduziert die Regenwassermengen, die normalerweise dem öffentlichen Siel zufließen würden, um gut 75 Prozent.
Die Corona-Krise, die weltweiten Lieferengpässe aber auch die Stürme haben den Baufortschritt zuletzt wiederholt abgebremst. Wann wird die Allgemeinheit den aufgestockten Bunker nun erklimmen können? Auf jeden Fall im Laufe des Jahres, versichert Ronny Erfurt.
Dann blickt er vor dem Abstieg ein letztes Mal in Richtung Elbphilharmonie und sagt: „Im Übrigen ist die entscheidende Frage doch nicht, wann ein Projekt fertig wird. Sondern, dass es perfekt wird.“