Osnabrück

„König der Löwen“ als Injektionsspritze für die Schauspielerei

Sven Stahmann
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Von Sven Stahmann
| 21.03.2022 11:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Szene aus dem neuen ZDF-Film „Trügerische Sicherheit“: Katharina Borba (Friederike Becht) freut sich über ihren neuen Job als Pressesprecherin des Ministers Mittendorf. Foto: ZDF/Christine Schroeder
Eine Szene aus dem neuen ZDF-Film „Trügerische Sicherheit“: Katharina Borba (Friederike Becht) freut sich über ihren neuen Job als Pressesprecherin des Ministers Mittendorf. Foto: ZDF/Christine Schroeder
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In dem neuen ZDF-Film „Trügerische Sicherheit“ wird Friederike Becht als Katharina Borba von ihrem Chef sexuell belästigt. Unserer Redaktion erzählt sie offen, dass auch sie selbst schon Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde. Wie sie damit umgegangen ist und warum ihre Familie sie trotz der schwierigen Zeit aktuell immer wieder zum lachen bringt.

Friederike Becht ist gefragt. Am 4. April erscheint der ZDF-Film „Trügerische Sicherheit“ (ab 26. März in der Mediathek). Und obwohl der Film noch gar nicht ausgestrahlt wurde, beschäftigt sich die 35-Jährige schon seit längerer Zeit mit einer neuen Rolle. Dabei war es lange gar nicht so klar, dass sie Schauspielerin wird. Nachdem Becht die mittlere Reife abschließt, entschließt sie sich dazu, 2004 an der Universität der Künste in Berlin vorzusprechen. „Meine Eltern waren schon skeptisch“, gibt die im rheinland-pfälzischen Winden aufgewachsene Becht zu. „Ich habe gemerkt, dass mich mein Vater nur genau einmal fahren lässt“, erzählt sie.

Doch das eine Mal genügt. Bereits zwei Jahre später steht sie für die Dokumentation „Sphinx - Geheimnisse der Geschichte“ (2006) das erste mal vor der Kamera. Mittlerweile ist sie regelmäßig im Fernsehen zu sehen. In Filmen wie „Plötzlich so still“ (2021), „Käthe Kruse“ (2015) oder „Ein verhängnisvoller Plan“ (2019) überzeugt Becht in den unterschiedlichsten Rollen. Irgendwann hatten ihre Eltern dann auch Vertrauen in ihren Weg. Schon bevor sie zum ersten mal im Fernsehen zu sehen ist, überzeugt Becht bereits auf der Bühne. „Für mich wäre es sehr traurig, wenn ich die Erfahrung, auf die Bühne zu gehen und vor Publikum zu spielen, nicht machen könnte“, sagt sie.

Daher spielt sie auch noch heute regelmäßig Theater. In diesem Jahr beispielsweise ist sie in dem Theaterstück Orlando von Virginia Woolf in Duisburg zu sehen. Wie es danach für sie auf der Bühne weitergeht, möchte sie dann zu gegebener Zeit schauen. Dass sie es kann, beweist nicht nur der Bochumer Theaterpreis, den sie 2014 gewinnt. Schon 2007 wird sie in „Theater heute“ in der Kategorie beste Nachwuchsschauspielerin nominiert. 2015 bekommt sie zudem den Ulrich-Wildgruber-Preis, ein Theaterpreis zur Förderung junger Schauspieler.

Die „Injektionsspritze“ zur Schauspielerei habe ihr allerdings ein Film und kein Theaterstück gegeben: Der König der Löwen. „Ich habe aber nie gedacht, dass ich Filmschauspielerin werde – so möchte ich mich nach wie vor auch nicht bezeichnen“, sagt Becht. Für sie gab es aber keinen Zweifel daran, auch auf die Bühne zu gehen. „Das gehört für mich zu dem Beruf dazu.“

Anfang April läuft nun aber erstmal der Film „Trügerische Sicherheit“ im ZDF an, in der Becht als Pressesprecherin Katharina Borba von ihrem Chef, dem Politiker Magnus Mittendorf (Christian Berkel) sexuell belästig wird. Obwohl ihr Freund Jonas Niemann (Max Simonischek) dies herausfindet und Katharina auffordert, zur Polizei zu gehen, möchte Katharina den Vorfall lieber verheimlichen. Zum einen könne sich Borba rechtlich nicht viel ausmalen, erklärt Becht. „Zum anderen ist es abschreckend, sowas zu beweisen. Es ist einfach eine Riesensache und es ist auch mit Scham erfüllt, dass man so etwas traumatisches immer wieder vor wildfremden Menschen wiederholen muss“, sagt Becht im Gespräch mit unserer Redaktion.

Das kann sie auch deshalb so genau sagen, weil sie schon persönliche Erfahrung mit sexueller Belästigung machen musste. „Es war schrecklich“, erinnert sie sich heute. „In so einer Situation, wo man ja eigentlich überfallen wird, ist es schwer, wach zu reagieren. Auch weil man dann schnell in einer Schockstarre gefangen ist.“ Man habe nicht immer die Kraft, direkt was zu sagen und brauche eine gewisse Zeit, das zu realisieren: „Sich selber vor Augen zu führen, dass man selbst in so einer Situation war, ist ein Prozess.“

Aber sie konnte auch aus dieser Situation lernen. „Ich habe von damals mitgenommen, dass ich schneller und lauter etwas sagen würde“, so Becht. „Ich hoffe einfach, dass in den neuen Generationen ein anderes Bewusstsein für die eigenen Grenzen heranwächst.“ Denn die betroffenen Personen müssten sich die Geschichten erzählen. „Wir dürfen auf jeden Fall lauter sein“, meint Becht - egal ob Frau oder Mann, denn sie ist sich sicher, dass es auch Männer gibt, die sowas schon erlebt haben.

Das Drehbuch zu „Trügerische Sicherheit“ hat Becht vor allem gefallen, weil nicht die sexuelle Belästigung im Vordergrund stehe, sondern vielmehr die Meinungen der anderen Personen. „Ich fand das interessant, was eigentlich die Außenwelt mit einer Beziehung zwischen zwei Leuten, sie sich ja eigentlich gut kennen, macht“, sagt sie. Es sei so interessant, was Außenstehende Personen andichten können.

Auch aus ihren Filmen nimmt Becht immer etwas mit. Das, was sie während der Dreharbeiten lernt, schreibt sie auf. „Ich nehme mir Zeit, um dem Projekt und den Leuten persönlich auf Wiedersehen zu sagen“, sagt die Schauspielerin. Der Inhalt dieser Briefe sei aber, wie bei „Trügerische Sicherheit“ auch, privat. Ihre Abschiedsbriefe sind wie kleine Tagebucheinträge, mit denen sie einen Haken hinter ein Projekt macht. „Letztendlich nimmt man ja immer was mit und macht Erfahrungen, die einem gutgetan haben.“

Wenn ihr ein Film mal nicht so gut tut, dann tut das ihre Familie. Seit 2011 ist Becht mit dem Comedian Sebastian Rabsahl verheiratet. Mit ihm und ihren beiden gemeinsamen Kindern kommt immer gute Stimmung auf. „Mit Sebastian und den Kindern wird viel Musik gemacht, es wird viel gelacht und viel Quatsch gemacht“, sagt sie. Dabei sei ihr Humor in einer Beziehung nicht das Wichtigste. „Kommunikation. Einfach miteinander reden können. Das ist das Wichtigste“, ist sich Becht sicher. Denn lachen muss nicht immer sein. „Es wäre nur schön, wenn man sich gegenseitig auch mal zum Lachen bringen kann.“

Neben ihrer Familie liegt ihr auch der Klimaschutz am Herzen - zum Teil auch wegen ihrer Kinder. Daher hat sie sich für den Amazonas und die Bewohner dort eingesetzt. Es sei an einer Hand abzuzählen, was passiert, „wenn wir nicht reagieren. Ich will einfach, dass meine Kinder eine Zukunft haben. Und die können nun mal nicht ohne Luft und Wasser leben.“ Auch in ihrem privaten Alltag versucht sie daher, nachhaltig zu leben. „Es gelingt mir aber nicht immer“, gibt sie zu. „Es bräuchte auch einfach größere Schritte, die gesetzt werden müssen.“

Die 35-Jährige muss sich nun aber erstmal wieder auf die Arbeit konzentrieren. Dabei beschäftigt sie sich für einen neuen Film mit einer Person, die eine dissoziative Identitätsstörung hat. „Dort habe ich gerade die Gelegenheit, höchst imponierende Menschen kennenzulernen. Das ist ein Riesenthema und wahnsinnig spannend“, sagt sie. Ganz bestimmt wird sich Becht nach dem letzten Drehtag dann auch wieder einen Abschiedsbrief schreiben. Mit vielen neuen Erfahrungen.

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