Osnabrück
Helge Schneider erklärt Osnabrück die Welt des Absurden
Nach zwei Jahren ist Helge Schneider wieder in die Osnabrückhalle gekommen. Darüber hat sich das Publikum im fast ausverkauften Saal gefreut - und der Künstler selbst auch.
Helge Schneider hat ein neues Instrument gelernt, den Taktstock. Ein stummes diesmal, umso größer ist die unsinnige Inbrunst, mit der er es bedient. Oder ist der Taktstock gar kein Instrument? Egal. Was Schneider zu Beginn seine Show in der Osnabrückhalle zelebriert, ist sinnlos, weil Gitarrist Sandro Giampetro die Eröffnungsnummer auch ohne Dirigat glänzend hingelegt hätte. Aber Nonsens ist ja schon immer die Basis von Schneiders Komik gewesen.
Gut zwei Jahre ist der letzte Auftritt von Helge Schneider in Osnabrück her; kurz vor dem ersten Lockdown war das. Eigentlich wollte er unter Corona-Bedingungen gar nicht mehr auftreten, und als er es getan hat, hat er einen Auftritt abgebrochen, weil ihn bei einem „Strandkorb-Konzert“ Servicekräfte nervten, die durch die Publikumsreihen wuselten. Kurzum: Der Mann hat gehadert mit den Folgen der Pandemie. Und jetzt?
Einen kleinen Gag hat er für Corona übrig, und einmal spricht er von „Arschlöchern“, und manche im nahezu ausverkauften Saal mögen das auf Krieg, Putin und die Ukraine münzen. Aber Helge Schneider ist nicht gekommen, uns die Welt zu erklären. Er fächert sie uns in ihren Absurditäten auf.
Dafür ist er diesmal mit kleiner Besetzung gekommen: Mit Gitarrist Sandro Giampetro, der dem Programm auch den Namen gibt: „Ein Mann und seine Gitarre“, und mit Bodo, seinem langjährigen Begleiter, der ihm Pfefferminztee anreicht. Macht also genau genommen drei Mann und Gitarre. Außerdem steht das Schneider-typische Sammelsurium auf der Bühne: Kontrabass, Schlagzeug, Stehleiter, jede Menge Perkussionsinstrumente und anderer Krimskrams, das Vibraphon und, natürlich, im Zentrum der Bühne, das Klavier.
Wenn Helge Schneider am Klavier sitzt, ist er schon immer, ganz unironisch, einfach nur ein feinsinniger Musiker gewesen. Ob er in den von der Pandemie verordneten Pausen viel am Klavier gesessen hat? Gut möglich, denn er spielt feiner und klangsinniger denn je. Und sicher ist es kein Zufall, dass sich der Song „Das alte Klavier“ durch den ganzen Abend zieht. Er spielt ihn als zweite Nummer, er läutet die Pause ein, er beendet das offizielle Programm. Immer gemeinsam mit Gitarrist Sandro übrigens.
Aber keine Sorge, Helge Schneider veranstaltet keinen Konzertabend. Ein enger blauer Anzug dient im als Clownsgewand für die Reise durch die Welt des Absurden. Er hat dafür ein ganzes Arsenal an Bühnenfiguren in petto und eine unerschöpfliche Fantasie, mit denen er seinen Geschichten in immer neue bizarre Höhen treibt.
Was Schneider dabei vorbereitet hat und wo er auf seine Inspiration und Improvisationskunst setzt, weiß vermutlich nur Helge Schneider selbst. Wie beim modernen Jazz Arrangement, Komposition und Improvisation ineinandergreifen, entsteht ein Helge-Schneider-Abend aus ähnlichen Elementen: Die Songs geben das Gerüst, und was sich dazwischen ereignet, ergibt sich spontan aus der Situation. Und für alle Fälle hat Bodo, der ihm ein Tässchen Pfefferminztee serviert. Der Mann in der roten Livree ist deshalb mehr als nur ein Sidekick: Bodo wird gewissermaßen zum Netz, in das Helge Schneider sich jederzeit fallen lassen kann. Im Gegenzug bekommt Bodo seinen großen Auftritt: Er singt Schneiders größten Hit „Katzenklo“. Wobei Schneider die Strophen übernimmt und damit die Pointen setzt. Klar.
Nun entspringt Schneiders Humor, wie jede große Kunst, einer großen Ernsthaftigkeit. Und so paradox es klingt: Dieser Ernst drückt sich gerade dann aus, wenn er sich so tief in eine Geschichte hineinbegibt, dass er über seine eigenen Gedankengänge in Lachen ausbricht, bis ihm die Brille von der Nase rutscht und auf den Bühnenboden fällt. Gleichzeitig zeigen diese kleinen Epen, dass er nicht nur auf den kurzen Gag abzielt, sondern seine Fabulierkunst den großen Bogen schlägt – sei es von der Ajurveda-Massage bis zur Papiertischdecke auf der Osterfest-Tafel, sei es, dass er vom Meisenring im Garten über die Autos auf der A1 zur Liebeserklärung an Osnabrück kommt und seine eigene Herkunft erklärt.
Bizarre Zaubergärten entstehen auf diese Weise, in denen Wort und Ton sich wunderbar, manchmal wundersam ergänzen. Helge Schneider ist ein Multikünstler, der mit der linken Hand eine Basslinie am Klavier spielt, während er gleichzeitig ein paar Töne auf der Trompete spielt, der den Kontrabass hervorholt oder sich ans Schlagzeug setzt. Genauso greift er zur Tröte oder zum Schellenkranz, zum Bakelit-Telefon oder zum Plastikspielzeug: Auf der Bühne herrscht geordnetes Chaos, ein Kaleidoskop der Möglichkeiten, Helge Schneiders Klaviatur des kunstvollen Unsinns. Dass es ihm eine Lust ist, sich für sein Publikum in diesem Garten zu tummeln, offenbart er am Schluss: Da sagt er ganz herzlich und ganz unironisch: „Danke, bis zum nächsten Mal!“ Wir freuen uns jetzt schon darauf.