Aurich
Flucht aus der Ukraine: Endlich in Sicherheit
Miroslava Kasianova ist gemeinsam mit ihrem Sohn Mykita aus der Ukraine geflohen. Sie lebt nun in Aurich – doch ihre Gedanken sind bei ihrer Familie in der Ukraine.
Aurich - Es duftet nach Kaffee, der Frühstückstisch ist reich gedeckt. Ein Junge tobt gemeinsam mit einem Welpen. Ein ganz normaler Tag in einer Auricher Familie – doch der Schein trügt. Erst vor wenigen Tagen ist Miroslava Kasianova gemeinsam mit ihrem Sohn Mykita bei Hilde Ubben und ihrem Partner Hinrikus Harms eingezogen. Die beiden sind vor dem Krieg in der Ukraine geflohen.
Die Verständigung mit den Aurichern ist nicht leicht. Miroslava spricht weder Englisch noch Deutsch. Mit einer Übersetzungs-App auf dem Smartphone kann sie sich trotzdem mit den Aurichern unterhalten. Ein paar Worte der jeweils anderen Sprache können sie bereits. Und dem vierjährigen Mykita ist das sowieso egal. Fürs Toben mit Hinrikus Harms und den Familienhunden muss der Junge nicht Deutsch oder Englisch sprechen.
Über die Grenze nach Deutschland
Es ist, als beobachte man Großvater und Enkelkind beim Spielen. Mykita hat keine Angst vor fremden Menschen, geht aufgeschlossen auf sie zu. Liebe und Freundlichkeit könne man schließlich auch ohne Worte rüberbringen, sagt Hilde Ubben.
Am Dienstag sind Miroslava und Mykita nach Aurich gekommen. Sie haben eine lange Reise hinter sich. Zunächst flohen sie über die Grenze nach Polen. Dort wurden sie in einem Flüchtlingslager in einer Turnhalle mit etwa 500 weiteren Menschen untergebracht. Von dort aus wurden sie von den Freiwilligen rund um den Südbrookmerlander Harald Harms, der mit einem Reisebus an die polnisch-ukrainische Grenze fuhr, in den Landkreis Aurich gebracht. Mit Hilfe von Marina Pawlowski wurde dann der Kontakt zu Hilde Ubben und Hinrikus Harms hergestellt. „Marina hat ein großes Herz, sie hat viel für mich getan“, sagt Miroslava. Marina Pawlowski spricht russisch und konnte für Miroslava übersetzen.
Familie konnte nicht fliehen
Miroslava und Mykita sind nun in Deutschland in Sicherheit. „Alle sind freundlich und wir werden gut behandelt“, sagt sie. Doch ihre Gedanken sind bei diesen Worten ganz woanders. Ihre Familie befindet sich in der Ukraine in Lugansk, das sich in der Kontrolle der Separatisten befindet. Ihre Familie konnte nicht fliehen, sagt Miroslava.
Vor dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine lebte die 31-Jährige mit ihrem Sohn und ihrem Mann in Kiew. Sie versteckte sich mit so vielen anderen tagelang in unterirdischen Parkhäusern und Kellern, um den Bomben zu entgehen. Die Folgen davon sind bei Mykita spürbar. Er weicht kaum von der Seite seiner Mutter und hat Angst vor der Dunkelheit. „Als er hier ankam, hat er alle Lichtschalter betätigt“, sagt Hilde Ubben.
„Mein Mann ist noch dort. Er verteidigt die Stadt“
Während des Gesprächs mit den ON piept Miroslavas Handy. Fliegeralarm in Kiew. In diesem Moment, 10.45 Uhr am Sonnabend, fallen Bomben auf die Stadt. „Mein Mann ist noch dort. Er verteidigt die Stadt“, sagt Miroslava. Sie weiß nicht, wie es ihm gerade geht. Seit vier Tagen hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm.
Es war nicht der erste Fliegeralarm an diesem Sonnabend. Hilde Ubben hat Tränen in den Augen, wenn Miroslava von ihrer Familie erzählt. Für die Auricherin ist es völlig selbstverständlich, den Menschen in Not zu helfen. Deswegen dachte sie nicht lange nach, als sie hörte, dass der Landkreis Unterkünfte für Geflüchtete aus der Ukraine sucht. „Wir haben ein großes Haus“, sagt sie. Ein Mitarbeiter der Kreisvolkshochschule besichtigte das Haus des Paares, ob es für Geflüchtete geeignet ist.
Nur das Wichtigste dabei
Miroslava und Mykita haben ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad. In einem schmalen Schrank ist die wenige Kleidung der beiden verstaut, in einer Schublade sammelt Mykita Spielzeugautos. Küche, Wohnzimmer und Garten benutzen sie gemeinsam mit dem Auricher Paar. „Es ist, als wäre eine Tochter eingezogen“, sagt Hilde Ubben.
In Aurich kamen Mutter und Sohn mit drei Taschen und einem Rucksack an. Mehr als das Nötigste hatten sie nicht dabei. Hygieneartikel und die wichtigste Kleidung wie eine warme Jacke und Stiefel für den Vierjährigen konnten sie mitnehmen.
Es soll ihnen an nichts fehlen
Hilde Ubben organisierte über Freunde und Familie Spielsachen und einen regelrechten Fuhrpark an Tretrollern für den Jungen. Gemeinsam mit Miroslava will sie in den nächsten Tagen einkaufen gehen. Den beiden soll es an nichts fehlen – das gilt auch für Mykitas Geburtstag Ende Mai. Immer wieder fragt Hilde Ubben Miroslava, ob sie etwas braucht. Sie will sich, so gut es geht, um die beiden kümmern.
So gut die Kommunikation auch klappt, ohne dieselbe Sprache zu sprechen: Hilde Ubben ist es wichtig, dass Miroslava sich mit anderen Geflüchteten austauschen kann. Sie will Kontakt zu anderen aufnehmen, die Ukrainer ein Heim gegeben haben. Miroslava soll sich über ihre Erfahrungen mit anderen in ihrer Muttersprache austauschen können, sagt Hilde Ubben.
Der Auricherin ist klar, dass Miroslava und Mykita nicht nur ein paar Tage bei ihr und ihrem Partner bleiben werden. Das macht ihr nichts aus, sie will den beiden so viel Liebe wie möglich schenken. „Mein Heim, ist dein Heim“, sagt Hilde Ubben.