Aurich
Methoden von Beerbaum: Entsetzen unter Pferdesportlern
Starreiter Ludger Beerbaum soll unerlaubte Methoden angewandt haben. Ostfriesen verurteilen das und sehen eine Gesetzeslücke.
Aurich - Er ist einer der erfolgreichsten Springreiter der Welt. Der Olympiasieger, Welt- und Europameister Ludger Beerbaum ist nun schwer in die Kritik geraten. Der Vorwurf: Er soll beim Trainieren eines seiner Pferde unerlaubte Trainingsmethoden angewandt haben. Das erzürnt auch die ostfriesische Reiterszene, wie eine Umfrage der Ostfriesischen Nachrichten zeigt.
Der angebliche Verstoß des Starreiters, auf einem heimlich gedrehten Video festgehalten, wurde vom Team RTL Extra und Investigativ-Journalisten Günter Wallraff vor einigen Wochen im Fernsehen der Öffentlichkeit präsentiert. Zu sehen ist auf dem Video unter anderem, wie ein Mitarbeiter mit einer hochgerissenen Stange die Vorderfüße eines Pferdes im Sprung über ein Hindernis anvisiert. Ob es sich tatsächlich in diesem Fall um das sogenannte Barren handelt, bei dem die Pferde lernen sollen, die Vorderbeine anzuziehen, um höher zu springen, werden jetzt die entsprechenden Gremien klären müssen.
Erschreckende Bilder
Erschrocken über die Bilder bei RTL war Cathrin Sanders, Pferdewirtschaftsmeisterin und Leiterin des Reitsport-Touristik-Centrums (RTC) in Timmel. „Aus ethischen Gründen ist das gegenüber den Pferden überhaupt nicht vertretbar, was dort praktiziert wird. Ihnen werden durch das Barren Schmerzen zugefügt, damit sie höher springen als sie es von Natur aus können. Das kann nicht im Sinne irgendeines Reiters sein. Das Pferd soll für uns Partner, Kamerad und Freund sein. Das in dem Film von RTL gezeigte ist erschreckend“, meint Sanders, die solche Methoden rigoros ablehnt.
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat das Barren verboten. Barren ist zudem ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Dagegen ist das Touchieren mit einer Gerte erlaubt. Ludger Beerbaum selbst bestreitet die Vorwürfe. In einer Stellungnahme wehrt er sich öffentlich gegen die Vorwürfe und sagt, dass der Beitrag von RTL extra in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend sei. Beerbaum soll juristische Schritte eingeleitet haben. Nicht nur in der Reiterszene, sondern auch in vielen Teilen der Bevölkerung sorgten die Bilder für Entsetzen. Die Tierschutzorganisation Peta-Deutschland hat, wie ihrer Homepage zu entnehmen ist, inzwischen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen Ludger Beerbaum und eine weitere unbekannte Person wegen quälerischer Tiermisshandlung in Mittäterschaft erstattet.
„Das ist verachtenswert“
Mit Geduld, Ruhe, Vertrauen, Timing und Fairness bildet Freya Rimkus, Pferdeverhaltenstherapeutin, Pferdefachwirtin und Trainerin, auf ihrem „Bietzhof“ in Fiebing Pferde aus. Ihrer Ansicht nach ist das Barren hochgradige Tierquälerei. Bei ihr koche es sofort wieder hoch, wenn sie darüber rede. Es sei furchtbar, letztlich gehe es aber wohl nur um den Profit. Nicht nachvollziehen könne sie die in dem Beitrag gezeigten Hindernisse mit Stacheln, die eine bei Ludger Beerbaum vom Team Wallraff eingeschleuste „Praktikantin“ in einem Schuppen fand und auf einem Video dokumentierte.
Nicht zum Springsport gehören das Barren und Touchieren, so die Pferdeheilpraktikerin Daja Wulf aus Ihlow. Durch das Barren, wo bewusst eine Stange gegen die Beine der Pferde geschlagen werde, damit die Pferde höher springen, würden diesen Schmerzen zugefügt. Das sei wie beim Menschen, wenn man sich am Schienbein stoße. „Für mich ist das völlig inakzeptabel und hat nichts mit Sport zu tun. Ein Springpferd bringt Mut, Vertrauen und Talent mit. Warum wird dadurch das Vertrauen nur zerstört?“, fragt sich Wulzen, die als Kind Ludger Beerbaum, der eigentlich ein Vorbild sein sollte, bewundert und gefeiert hat. Die Ihlowerin sieht allerdings auch einen Fehler bei der Reiterlichen Vereinigung, die das Touchieren erlaube. Dadurch entstehe eine Gesetzeslücke. Touchieren mache für sie keinen Unterschied und sei nur schöngeredet.
Sie habe sich schon immer gewundert, warum die Pferde so extrem hoch springen, sagt Marion-Huismann-Menken vom Reiterhof Huismann in Ihlowerfehn. Die Ihlowerin lehnt solche Methoden ab, sie würden auf ihrem Reiterhof niemals angewendet werden. „Barren ist Quälen der Pferde, wenn denen vor die Beine geschlagen werde, damit sie höher springen. Das ist verachtenswert“, sagt Dr. Hansjörg Heeren von der Tierarztpraxis im Friesenhof in Ihlow-Ochtelbur. In Ostfriesland sei das nicht unbedingt ein Problem, weil in dem Sinne hier kein Hochleistungssport betrieben werde, so der Veterinär aus Ihlow. Auf den Turnieren würden von den Tierärzten überall Dopingkontrollen genommen und nach unerlaubten Hilfsmitteln geschaut. Da wurde, soweit ihm bekannt sei, nie etwas gefunden. Und sie als Tierärzte seien schon sehr verantwortungsbewusst, erklärt Dr. Heeren. Einige schwarze Schafe gebe es eben überall.