Hamburg
Was Putin mit Hitler verbindet – und was nicht
Putins Überfall auf die Ukraine hat die Welt erschüttert. Erinnert sein Verhalten an Hitlers Politik 1938? Historiker ordnen ein und fragen: Darf Putin mit dem Unvergleichlichen überhaupt verglichen werden?
Im Internet kursiert ein verfälschtes Foto, das Adolf Hitler zeigt, wie er einem kleinen Mädchen hilft, Laufen zu lernen. In das Gesicht des Kindes ist das Konterfei von Wladimir Putin eingearbeitet. Will heißen: Der deutsche Diktator unterstützt seinen kleinen Zögling, auf eigenen Füßen zu stehen.
Putin als Mini-Hitler – so nehmen es derzeit viele Menschen wahr, vermutlich auf der ganzen Welt. Wer bei Google „Putin Hitler“ eingibt, bekommt mehr als 45 Millionen Treffer angezeigt. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte Menschen rund um den Erdball zum Kampf in seinem Land auf:
Der Vergleich liegt schon deshalb auf der Hand, weil beide für ihre Ziele über Leichen gehen – was für alle Diktatoren gilt. Die Tyrannei ist ihr Markenzeichen. Allerdings schrecken selbst entschiedene Putin-Gegner davor zurück, den Despoten im Kreml mit Hitler auf eine Stufe zu stellen.
Sie sehen darin eine Verharmlosung des Nazi-Terrors, des deutschen Eroberungskriegs mit allein mindestens 25 Millionen Toten in der einstigen Sowjetunion und der Ermordung von sechs Millionen Juden. Auch die Propaganda und die Repression gegen Oppositionelle im Inland sind in Russland nicht so brutal, wie es in Nazi-Deutschland der Fall war.
Der mehrfache russische Schachweltmeister Garri Kasparow, ein erklärter Putin-Gegner, der in New York lebt und Russland seit 2013 nicht mehr betreten hat, nennt den Kreml-Chef einen „verrückten Diktator“ und „die größte Bedrohung der Menschheit“. Kasparow macht einen Unterschied zur Zeit von Hitler und Stalin aus. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte er:
„Natürlich ist Putin kein neuer Hitler“, schrieb der Historiker Heinrich August Winkler in einem Beitrag für die „Zeit“. Zu bedenken gibt der ehemalige Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Uni Berlin: „Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.“ Nur wenn man diesen Unterschied beachte, sei die Suche nach Gemeinsamkeiten „sinnvoll und lehrreich“.
Sein auf Russland spezialisierter US-Kollege Timothy Snyder, Professor an der Universität Yale, erklärt im Gespräch mit der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“: „Es ist eher so, dass wir aus einem natürlichen Reflex heraus nach Präzedenzfällen suchen.“ Und:
Tatsächlich sind – jenseits der (Küchen-)Psychologie – Übereinstimmungen unterschiedlicher Grade erkennbar: in Wesen, Rhetorik, Handeln, Herrschaftsstreben und Brutalität. Hitler gab sich als volksnah, herzte Kinder und nahm sie auf den Schoß. Putin lässt sich mit nacktem Oberkörper als Sportskanone fotografieren. Ab und an lächelt er in der Öffentlichkeit, wie es der deutsche Diktator ebenfalls getan hat.
Aber ihren Feinden gegenüber sind sie ohne Empathie, ohne Selbstbeherrschung, ohne Moral, ohne Vernunft – zumindest in der Außenwahrnehmung. Das Eigenbild Putins dürfte sich – wie einst bei Hitler – stark von den dem (Un)Menschen unterscheiden, den weite Teile der Menschheit in ihm sehen. Das zeigen die weltweiten Demonstrationen, auf denen Plakate zu sehen sind, die Putin mit Hitler-Bart zeigen.
Übereinstimmungen existieren ebenso in den Rechtfertigungen für das Leid, das beide Despoten Millionen Menschen antun. Um den militärischen Angriff auf ein souveränes Land zu rechtfertigen, hat Putin wie einst Hitler absurde Lügen in die Welt gesetzt, die auf irrationaler Wahrnehmung der Wirklichkeit beruhen.
Die zwei Herrscher haben eine Welt erfunden, die mit der Realität wenig bis nichts zu tun hat. Anflüge von Allmachtsfantasien und imperialem Größenwahn treiben Putin offenbar an. Er betrachtet sich und sein Land wie dereinst Hitler als ewig Gemobbte einer Verschwörung staatlicher und dunkler Mächte und imaginiert eine Bedrohung seiner Heimat. Folge ist die Umkehr der Täter-Opfer-Rolle zur Rechtfertigung von Krieg und Unterdrückung jedweder Opposition.
Putins Behauptung, er „wolle nur Angehörigen seines eigenen Volkes helfen“, entspreche den Aussagen von Hitler und Stalin von 1938 und 1939 – „ein beispielloses Ausmaß an Lügen“, sagt Professor Snyder. Moskaus Propaganda habe zwar „nicht das gleiche große Ziel“ wie die Nazi-Deutschlands. Dennoch wirke sie „als zerstörerische Kraft, die Wahrheit und Rationalität vernichtet. Und sie spielt dabei eine sehr wichtige Rolle.“
Das könnte auch die Motivation für bestimmte Begriffe als Instrument der Propaganda erklären. Putin hat das Wort „Krieg“ auf den Index gesetzt und durch „Spezialoperation“ ersetzt – so wie im Sprachgebrauch der Nazis „Ermordung“ der Juden durch „Endlösung“ ausgetauscht wurde, um die Bevölkerung hinters Licht zu führen, weil es harmlos erscheint. Dass wir es heute anders wahrnehmen, liegt daran, dass wir den Zynismus hinter „der Endlösung“ kennen.
Auffällig ist, dass Putin wie Hitler kein Mitleid kennt und seine Eroberungen ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung und kulturelle Schätze durchzusetzen versucht. Je länger der russische Herrscher an der Macht ist, desto stärker hat sich sein System auf ihn allein konzentriert – auch das eine Parallele zu Hitler. Russland-Experten und Geheimdienste vermuten, der Kreml-Chef befinde sich in einer undurchlässigen Blase, in die nur das komme, was er hören wolle und ihn bestätige.
Die Beratungsresistenz Hitlers ist ebenso historisch belegt wie sein gereiztes Reagieren bei Widerspruch. In einer Diktatur kann das nur dazu führen, dass das Umfeld schweigt, nur um nicht im KZ zu verschwinden – oder im Gulag.
„Nach 22 Jahren mit einer solchen Machtfülle und niemandem, der einen kritisiert, ist es schwer, bei klarem Verstand zu bleiben“, beschreibt Kasparow die Einigelung Putins: „Wir wissen, dass er nur sehr wenigen vertraut und nicht ins Internet geht.“
Die Folge davon ist nach Auffassung Kasparows gigantischer Realitätsverlust. Wie der selbsternannte „Führer“ will auch der russische Despot sein Land zu neuer (alter) Größe führen – und ruiniert es dabei. Russland hat technologisch nie den Anschluss an die Weltspitze geschafft, die Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Ohne die Rohstoffe wäre Putins Reich ein eher armes Land, das kein Geld für Krieg hätte, der um die eine Milliarde Dollar am Tag kostet.
Hitler, der seine Diktatur absurderweise „demokratisch“ nannte, beklagte in seiner letzten Radioansprache Ende Januar 1945 die systematische ökonomische „Zerstörung und Vernichtung der demokratischen Republik“ samt drohender Staatspleite, Massenarbeitslosigkeit, kaum mehr existenter Landwirtschaft und Industrie sowie „einer dementsprechend zum Erliegen gekommenen Handelswirtschaft.“ Ähnlich tönt es gerade aus Moskau. Um diesen Widerspruch auszuhalten, wird die Lage einerseits beschönigt und andererseits das Wechselspiel aus Ursache und Wirkung ignoriert.
Putin gibt vor, in der Ukraine ein „faschistisches System“ beseitigen zu wollen, dessen Anführer einen angeblichen Genozid an Russen vollführe und sein Land mal mit Atombomben, dann wieder mit schmutzigen Waffen bedrohe – nichts spricht dafür, dass auch nur ein Kern Wahrheit darin steckt.
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Die Regierung in Kiew war dem Wunsch Moskaus gefolgt und trat sämtliche aus sowjetischer Zeit stammende Atomsprengköpfe an Russland ab, das der Ukraine im Gegenzug die Einhaltung seiner Grenzen garantierte. Putin brach das Abkommen wie einst Hitler den mit Stalin vereinbarten Nicht-Angriffspakt.
Besonders radikale Gegner Putins vergleichen sein im vergangenen Sommer veröffentlichtes Essay „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ mit „Mein Kampf“, weil der Moskauer Despot – ähnlich wie Hitler in seinem Machwerk – seine politischen Ziele mit einer aggressiv-nationalistischen Ideologie zu untermauern versucht. Es gebe kein eigenständiges ukrainisches Volk, auch keinen Staat, sondern ein künstliches Konstrukt, das vom Westen, vor allen den USA, gelenkt werde. Die absurde Schlussfolgerung daraus: Millionen Ukrainer strebten danach, Heim ins russische Reich geholt zu werden – in der Art hat Hitler ebenfalls Annexionen und seinen Krieg begründet.
Durch das Münchner Abkommen musste die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten, was zur Zerschlagung der Tschechoslowakei führte. Hitler tat alles, den Streit um die Autonomie der Sudetendeutschen international zu eskalieren. Frankreich und Großbritannien willigten ein, indem sie der Tschechoslowakei militärischen Beistand versagten, um einen militärischen Konflikt in Europa zu verhindern – was zunächst gelang. Hitler verleibte sich das Sudentenland ein und suchte sich dann einen anderen Grund, sein Kriegsinferno zu entfachen.
Putin annektierte die Krim im März 2014, der Westen setzte auf Zurückhaltung und Beschwichtigung gegenüber dem Aggressor. Es folgte eine Volksabstimmung über den Anschluss an Russland, die nur zu einem Ergebnis führen konnte, einem klaren Ja.
Im März 1938 überschritt die Wehrmacht die Grenze zu Österreich. Das „Gesetz über die Wiedervereinigung" des Landes mit dem Deutschen Reich wurde, wie es auf der Webseite der wissenschaftlichen Einrichtung „Demokratiezentrum Wien“ heißt, „im Nachhinein durch die von Propaganda und Einschüchterung gekennzeichnete Volksabstimmung“ für rechtens erklärt. Das Muster ist also identisch.
Dass sich der Vergleich zwischen den beiden Kriegstreibern aufdrängt, hat sicher auch damit zu tun, dass weltweit viel mehr über Hitler bekannt ist als über Stalin und den italienischen Faschisten Benito Mussolini.
Nach Einschätzung von Professor Münkler passt Putin „erschreckend gut“ in eine Reihe von Ultranationalisten wie Mussolini oder den Serbenführer Slobodan Milošević, der in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt war, aber vor dem Urteil 2006 starb. Mit Milošević teile der Russe „das Trauma des Untergangs eines multinationalen Staatsgebildes“.
„Putin ist kein Nazi. Dafür erfüllt er mustergültig den Katalog dessen, was Faschismus ausmacht“, schrieb der Soziologe Wladislaw Inosemzew in einem Gastbeitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“. Der Direktor des Zentrums für postindustrielle Studien in Moskau verwies auf die Definition des amerikanischen Historikers Robert Paxton, wonach Faschismus geprägt ist „durch eine obsessive Beschäftigung mit dem Niedergang der eigenen Gemeinschaft, ihrer Demütigung oder Opferrolle sowie durch kompensatorische Kulte von Einheit, Stärke und Reinheit“ und Akteure „mit messianischer Gewalt und ohne ethische oder rechtliche Beschränkungen Ziele der internen Säuberung und externen Expansion“ verfolgen.
Inosemzew kommt zu dem Schluss: „Was Putin in seiner Regentschaft reproduzierte, ist das prototypische faschistische Modell“ Mussolinis, lediglich „versetzt mit sozialdemokratischen Elementen, einem starken Gefühl der Größe des verlorenen Reiches, einer korporativen Organisation der nationalen Wirtschaft und einer eher maßvollen Unterdrückung des politischen Gegners“.
Hans-Jürgen Wirth, früher Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt am Main, bescheinigt Putin eine erhebliche – auch nach innen – gerichtete Destruktivität. „Er nimmt die Zerstörung der eigenen Nation in Kauf“, sagte der Psychoanalytiker dem Berliner „Tagesspiegel“ – und man muss automatisch an Hitlers Brutalität denken. Nach Einschätzung Wirths ist der Einsatz von Atomwaffen „für eine solche destruktiv narzisstische Persönlichkeit eine Option“. Man könne dies als erweiterten Selbstmord oder Amoklauf betrachten. Dahinter stecke der Gedanken:
Kasparow ist der Meinung, Putin bilde sich „wie jeder Diktator“ ein, eine historische Mission zu haben. „Aber im Unterschied zu Hitler und Diktatoren der Vergangenheit hat er den Finger auf dem roten Knopf“, sagt der frühere Schachweltmeister. „Es tut etwas mit Putin, dass er das Leben auf diesem Planeten beenden kann.“