Hatshausen/Ayenwolde

Theaterstück um Flüchtlingsleid und neue Hoffnung

Gerd-D. Gauger
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Von Gerd-D. Gauger
| 19.03.2022 12:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zu Fuß oder mit Pferdekarren flüchten Menschen aus den östlichen Gebieten des besiegten Dritten Reiches gegen Ende des 2. Weltkrieges 1945 und in den Folgemonaten in Richtung Westen. Foto: DPA
Zu Fuß oder mit Pferdekarren flüchten Menschen aus den östlichen Gebieten des besiegten Dritten Reiches gegen Ende des 2. Weltkrieges 1945 und in den Folgemonaten in Richtung Westen. Foto: DPA
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Fast zwei Jahre wegen Corona verschoben, soll das Freilichtspiel „Heimat“ in Hatshausen/Ayenwolde endlich aufgeführt werden. Inzwischen hat der historische Stoff eine ungewollte Aktualität bekommen.

Hatshausen/Ayenwolde - Zwei der drei Großen im ostfriesischen Freilichttheatergeschehen konnten ihre Gemeinschafts-Inszenierungen gerade noch ihrem Publikum präsentieren, ehe Coronas Klauen auch das kulturelle Leben Ostfrieslands packten: Timmels „Steerns över Timmel“ (2018) und Wiesmoors „Hexendrieven“ (2019) waren der erwartete Besuchermagnet. 2020 wollte der Bürgerverein Hatshausen/Ayenwolde mit dem Freilichtspiel „Heimat“ eigentlich nachziehen, denn der sensationelle Erfolg des sich mit der Moorkolonisation befassenden Historienstücks „Smacht“ war schließlich schon elf Jahre her. 2020 wollte der Bürgerverein Hatshausen/Ayenwolde eigentlich nachziehen, denn der sensationelle Erfolg des sich mit der Moorkolonisation befassenden Historienstücks „Smacht“ war schließlich schon elf Jahre her. Doch wegen Corona kommt das Stück „Heimat“ erst in diesem Sommer zur Aufführung.

Ein Thema, das war den Verantwortlichen 2020 klar, lag für das neue Projekt auf der Hand. Vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg zwar zu Ende gegangen, doch auch in Ostfriesland begannen Jahre des Darbens und der Perspektivlosigkeit, die heute verdrängt oder als Kraft des Willens verklärt werden. Der Bürgerverein heuerte Erhard Brüchert mit der Bitte an, ein Stück zu schreiben, das die Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen und Vertriebenen, die Nöte in allen Bereichen des täglichen Bedarfs, die Zeit des Hamsterns und des Kohlenklaus, des Hungerns und der Ungewissheit über das Schicksal der vermissten Väter und Brüder beschrieb. Brüchert war als pommersches Flüchtlingskind und drehbucherfahrener Autor die richtige Adresse. „Heimat“ betitelte er das Drama aus der britischen Besatzungszeit in Ostfriesland. Es handelt nicht nur von den Wunden des Krieges, sondern auch davon, wie diese Wunden in einem letztlich friedlichen Mit- und Nebeneinander geschlossen wurden.

Parallelen zur Ukraine

Als 2019/2020 die Vorbereitungen in Hatshausen/Ayenwolde auf Hochtouren liefen, konnte niemand ahnen, dass die Bitternis, die weite Partien des Brüchert-Skripts durchzieht, zwei Jahre später traurige Parallelität bekommen sollte. Nicht weit von Ostpreußen, Schlesien oder Pommern entfernt, aus den Regionen, aus denen 1945 und einige Jahre danach ein Flüchtlingsstrom des Elends auch gen Ostfriesland floss, fallen heute wieder Bomben, brennen Häuser, sterben Männer, Frauen und Kinder, fliehen Tausende in vermeintlich sichere EU-Länder. Brücherts „Heimat“ ist heute die Ukraine, mit all den schrecklichen Auswirkungen für eine Bevölkerung, die für das Geschehen nicht verantwortlich ist. Doch zurück nach 2020. Der Bürgerverein hatte, wie die Wiesmoorer und die Timmeler auch, Schauspieler etlicher heimischer Laienbühnen rekrutiert, sich der Arbeit der renommierten Regisseurin Elke Münch versichert, und hatte begonnen, bei der „Alten Küsterei“ nahe des aufwendig restaurierten historischen Gulfhofes der Familie Janssen in Ayenwolde das Bühnenareal herzurichten. Doch kaum gingen die ersten Karten in den Vorverkauf, kam auch Corona, und alle Ampeln standen auf Rot!

Ensemble zählt mehr als 100 Köpfe

Aber die Woldmer sind ein beharrliches Völkchen. Wenn nicht 2020, dann eben 2021. Doch wie bekannt ist, wurde es wieder nichts. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagt Marina Bohlen, die Vorsitzende des 1988 gegründeten, heute 300 Mitglieder umfassenden Bürgervereins. „Wir haben schon so viel Arbeit hineingesteckt, nicht aufzugeben, sind wir unserem Organisationsteam, den Schauspielern und unserem Publikum schuldig.“ Und so wird seit einigen Monaten wieder an den Kulissen gebastelt und die Logistik, die ein solches Großvorhaben erfordert, läuft reibungslos und mit unverminderter Kraft. Im „Armenhaus“ in Hatshausen wird seit Längerem geprobt. Elke Münch dirigiert ein mehr als hundertköpfiges Ensemble, 23 ostfriesische Laienbühnen haben ihre populärsten Schauspieler für „Heimat“ abgestellt. Fast 40 Sprechrollen, darunter auch etliche aus der großen mitspielenden Kinderschar, wurden besetzt. „Der Enthusiasmus ist groß“, bekräftigt Marina Bohlen, „alle brennen darauf, endlich wieder spielen zu können.“

Regisseurin Elke Münch (links) und die Vorsitzende des Bürgervereines Hatshausen/Ayenwolde, Marina Bohlen. Fotos: Gerd-D. Gauger
Regisseurin Elke Münch (links) und die Vorsitzende des Bürgervereines Hatshausen/Ayenwolde, Marina Bohlen. Fotos: Gerd-D. Gauger

Lieder eigens für Aufführung komponiert

Hochklassig auch die musikalischen Zutaten. Die Leeraner Solokünstlerin Silvia Sinning wird mit eigens für das Stück komponierten Liedern auftreten und sich dabei selbst mit Klavier und Saxofon begleiten, eine Musik- und eine Volkstanzgruppe sowie der örtliche Posaunenchor sind ebenfalls mit von der Partie. Und dann ist da noch der Sechs-Jahrzehnte-Markt mit seinen Erinnerungen und Angeboten von 1950 bis ins neue Jahrtausend: Speisen, Kostüme, Fahrzeuge und vieles mehr nehmen die Besucher mit auf eine Zeitreise in jedes einzelne dieser Jahrzehnte der Nöte und des Wiederauferstehens. So belastend das bisherige Hin und Her auch für die Veranstalter gewesen ist, so erfreut sind sie über die Reaktion des Publikums. Marina Bohlen: „Wir hatten schon 3000 Karten im Vorverkauf abgesetzt. Zweimal mussten die Käufer sie wegen neuer Termine schon umtauschen. Doch kaum jemand hat sie zurückgegeben, das macht uns Mut.“

Vierzehn Mal soll in Ayenwolde gespielt werden. Die Premiere ist am 22. Juli, die letzte Aufführung ist am 12. August. In der Regel wird ab 20 Uhr gespielt, nur am Sonntag, 7. August, gibt es außer der Abendvorstellung noch eine weitere ab 15 Uhr. Karten gibt’s beim Bürgerverein Hatshausen/Ayenwolde unter Tel. (0 49 45) 16 66 und Tel. (0 49 45) 99 01 08, online auf der Vereinshomepage und bei der Tourist-Info Moormerland unter Tel. (0 49 54) 801 25 00.

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