Südbrookmerland
Mit Geflüchteten auf dem Rückweg
Mit Spenden fuhr der Ortsvorsteher von Forlitz-Blaukirchen an die polnisch-ukrainische Grenze, zurück fährt er mit 49 Geflüchteten. Wohin ihre Reise geht, ist noch ungewiss.
Südbrookmerland - Nur kurz hat der Ortsvorsteher von Forlitz-Blaukirchen, Harald Harms, am Montag Zeit für ein Telefonat mit den ON. Er befindet sich währenddessen in Chełm, einer polnischen Stadt östlich von Lublin, nahe der ukrainischen Grenze. Er ist da, um zu helfen – und die schlimmste Not der Menschen zu lindern.
Harms ist nicht allein in der Ukraine. Zusammen mit einem weiteren Fahrer und einer Dolmetscherin hatte er sich am Sonntag mit einem Reisebus voller Spenden auf den Weg gemacht. Der Bus gehört einem Unternehmen seiner Familie. Bereits am Sonnabend hatten sich zahlreiche Helfer aus mehreren Einrichtungen und Vereinen in Südbrookmerland versammelt, um die Spenden in den Bus zu verladen.
Erst am Abend kamen die Südbrookmerlander in Polen an. Die Fahrt verlief weitestgehend ruhig, sagt Harms. Doch je näher sie der ukrainischen Grenze kamen, desto mulmiger wurde ihnen. Erst am Sonntag wurden laut Medienberichten Raketen auf einen Militärübungsplatz nahe Lwiw abgefeuert – nur knapp 200 Kilometer von Chełm entfernt. 35 Menschen kamen demnach ums Leben.
Nur wenige dürfen über die Grenze
In Chełm waren sie verabredet. Die Dolmetscherin hatte Kontakt zu Organisationen in der Ukraine hergestellt, die Spenden weiterverteilen. Allein wären sie nicht bis zur Grenze durchgedrungen, sagt Harms. Wer das Land betrete und verlasse, werde genau kontrolliert. Vor Ort ging dann alles ganz schnell. Die Spenden wurden von einem ukrainischen Lastwagenfahrer abgeholt. Ein Mann über 60, schätzt Harms. „Die Jungen müssen ja kämpfen, sie dürfen nicht mehr raus.“
Nachdem die Südbrookmerlander ihre Spenden verteilt hatten, war für sie die Arbeit aber noch nicht getan. Bis zu 50 Geflüchtete wollten sie mit nach Deutschland nehmen. Sie meldeten sich bei einer Art Aufnahmezentrum in Chełm, provisorisch in einer Sporthalle eingerichtet, sagt Harms. Zu Beginn hätten nicht viele Geflüchtete mit ihnen fahren wollen. Sie wollen lieber nach Berlin. Von dort aus seien sie näher an der Ukraine. „Sie glauben immer noch, sie könnten bald wieder zurückkehren.“
Schnell habe sich der Bus mit Geflüchteten gefüllt. 49 Menschen fahren mit den Südbrookmerlandern mit. 12 von ihnen sind Kinder, zwei Jugendliche, schätzt Harms. Auch zwei Männer sind unter den Geflüchteten, sie sind schon über 60, sagt Harms. Der Rest sind Frauen. Erschöpft sind die Geflüchteten, sagt Harms. Kinder trauen sich kaum einen Meter weg von ihren Müttern. „Sie wollen keinen eigenen Sitzplatz, lieber sitzen sie auf dem Schoß.“ Viele von ihnen sind schon seit Tagen auf der Flucht. Sie kommen aus allen möglichen Teilen der Ukraine. In Erinnerung geblieben ist Harms vor allem eine Szene. Eine ältere Frau will gerade in den Bus einsteigen, als Nachbarn sie anrufen. Ihr Haus wurde zerbombt, sie bricht in Tränen aus. „Sie wird nie wieder dorthin zurückkehren können“, sagt Harms.
Ob die Geflüchteten gemeinsam mit den Südbrookmerlandern nach Ostfriesland kommen, steht noch nicht fest. Zunächst macht der Reisebus in Hannover-Laatzen Station. Dort müssen die Geflüchteten registriert werden, damit sie auf die Kommunen verteilt werden können.
Erste Station in Hannover-Laatzen
Die Geflüchteten müssen sich nicht zwingend bei Behörden melden, wie die Sprecherin der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, Hannah Hintze, den ON mitteilte. Sie können sich auch auf dem direkten Weg in die Kommunen begeben und bei Verwandten oder Freunden unterkommen. Bis zu 90 Tage dürfen sie sich demnach visafrei in Deutschland frei bewegen, solange sie einen biometrischen Reisepass bei sich tragen. Eine Anmeldung ist jedoch nötig, wenn Geflüchtete Unterstützung vom Staat erhalten wollen.
Je nachdem, wie lange die Registrierung der Geflüchteten in Hannover dauert, wollen die Südbrookmerlander eventuell mit nach Ostfriesland nehmen. Zu einem sicheren Ort, an dem sie erst einmal zur Ruhe kommen können.
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