Hamburg

Nach Tönnies-Brandbrief: So viel teurer könnte Fleisch bald werden

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 14.03.2022 14:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Zeiten günstiger Fleischpreise scheinen vorerst vorbei. In der Folge des Ukraine-Krieges sind die Produktionskosten deutlich gestiegen. Das wird sich bald wohl auch im Supermarkt bemerkbar machen. Foto: dpa-Zentralbild
Die Zeiten günstiger Fleischpreise scheinen vorerst vorbei. In der Folge des Ukraine-Krieges sind die Produktionskosten deutlich gestiegen. Das wird sich bald wohl auch im Supermarkt bemerkbar machen. Foto: dpa-Zentralbild
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Ist die Versorgung mit Fleisch in Deutschland in Folge des Ukraine-Krieges gefährdet? Ein Brandbrief der Firma Tönnies erweckte zuletzt diesen Eindruck. Der Dachverband der Schlachtbranche versucht zu beruhigen: Die Kühltruhen bleiben gefüllt, nur deutlich teurer wird es wohl. Ein Überblick.

Worum ging es im Tönnies-Brandbrief? Mit einem sogenannten Not-Brief wandte sich Fleischproduzent Tönnies an seine Kunden: Bis Ostern würden die Rinder zum Schlachten ausgehen. Die Geschäftsgrundlange sei massiv gestört. Die Lage insgesamt dramatisch. Ursächlich: Der Angriff Russlands auf die Ukraine sowie die damit verbundenen Verwerfungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten. Alles wird teurer, nur die Fleischpreise im Supermarkt blieben bislang einigermaßen stabil.

Der Brandbrief aus dem Hause Tönnies beschönigte nichts. Unter Verweis auf „höhere Gewalt“ brachte der Branchenprimus der deutschen Schlachtindustrie die Kündigung laufender Lieferverträge ins Spiel und forderte von seinen Kunden, sprich Handelskonzernen und anderen Großabnehmern, mehr fürs Fleisch zu bezahlen. Ansonsten drohe der Kollaps des Systems.

Das Schreiben fand den Weg in die Öffentlichkeit und machte deutlich, wie angespannt die Situation in der Fleischwirtschaft ist. Die Konkurrenten Westfleisch und Vion verschickten vergleichbare, wenn auch weniger dramatisch formulierte, Schreiben. Darin kündigten sie Preisaufschläge für Abnehmer an, die ab dieser Woche greifen: einige Cent mehr pro Kilo Schwein- und Rinderfleisch. Grund sind die gestiegenen Energiepreise. 

Wie schlimm ist die Ausgangslage? Schon vor Kriegsausbruch in der Ukraine war mancher Rohstoff deutlich teurer. Seit dem russischen Angriff kennt die Preisrallye an den Märkten kein Halten mehr.  Die Schlachtkonzerne und Fleischverarbeiter sind derzeit der Flaschenhals bei den Preisentwicklungen im Lebensmittelsektor.

Alles, was in die Schlachthäuser hineingeht, ist binnen weniger Wochen und manchmal Tage nach Angaben des Verbandes der Fleischwirtschaft (VdF) deutlich teurer geworden: Verpackungen plus 70 Prozent, Gewürze plus 30 Prozent, Transport plus 25 Prozent und so weiter. Oben drauf kommen die eigenen Mehrkosten im Bereich Energie. Schlachthäuser sind energieintensive Betriebe mit hohen Kühlkosten. Auf den Mehrkosten bleiben die Schlachthäuser bislang sitzen.

Auch der eigentliche Rohstoff Fleisch verzeichnet ungeahnte Preissprünge. Während bis vor Kurzem noch vom Schweinestau die Rede war, also einem Überhang schlachtreifer Schweine in der Folge von Corona und Afrikanischer Schweinepest, werden die Tiere jetzt knapp.

Viele Bauern haben aufgegeben oder die Ställe in den Krisenmonaten leer stehen lassen. Die Situation im Rinderbereich ist vergleichbar. Die Milchpreise sind zuletzt deutlich gestiegen. Es lohnt sich für Landwirte also, Kühe länger zu melken bevor die Tiere zum Schlachter gehen.

Hubert Kelliger, Vorstandsmitglied im VdF und Manager bei Westfleisch, nennt einen Preisanstieg von 50 Prozent binnen drei Wochen im Einkauf bei Schweinen. Zuletzt lag der Kilopreis bei 1,75 Euro, Tendenz: weiter deutlich nach oben. Branchenkenner sprechen mittlerweile von weit über 2 Euro, die in Kürze erreicht werden könnten.

Was merken die Supermarkt-Kunden? Das Problem für die Schlachtkonzerne liegt darin, dass sie diese Preissteigerungen bislang nicht weitergeben konnten. Die Verwerfungen auf den Rohstoff-Märkten sind noch nicht in Kontrakten mit dem Einzelhandel eingepreist, Supermarktkunden merken wenig von der Krise – zumindest beim Fleisch. Geht es nach der Fleischwirtschaft kann das aber nicht so bleiben. Man befände sich in einer Notlage, so VdF-Vorstand und Tönnies-Manager Gereon Schulze Althoff. Es gehe derzeit darum, dass einzelne Bestandteile der Produktionskette beim Fleisch nicht reißen.

So lange das nicht der Fall ist, gelte: „Die Ware ist verfügbar und wird weiter verfügbar sein. Aber zu welchem Preis?“ Schlachtunternehmen und Handelskonzerne verhandeln derzeit die Lieferverträge nach. Man befände sich in guten Gesprächen, so Westfleisch-Vertreter Kelliger.

„In drei, vier, fünf Wochen“, so seine Schätzung, würden die Ergebnisse dieser Nachverhandlungen auch für die Kunden im Supermarkt „sehr schnell deutlich werden“. Wie hoch die Verkaufspreise steigen, blieb zunächst offen. Kelliger sprach von 1,50 bis 2 Euro das Kilo. „Wo da das Ende erreicht ist, kann man heute noch nicht sagen.“

Mit Export aus der Krise? Neben den höheren Preisen in deutschen Supermärkten macht sich die Fleischwirtschaft sich stark für Exporte. Verbandsvertreter Kelliger und Schulze Althoff forderten die Bundesregierung auf, sich für einen Schweinefleischexport nach China einzusetzen.

Das Land war bis zum Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland wichtiger Handelspartner. Mit den ersten ASP-Fällen in den ostdeutschen Bundesländern verhängten die Chinesen dann aber einen Bann über deutsches Schweinefleisch.

Nach VdF-Angaben bedeutete das einen Milliardenschaden für die deutsche Fleischwirtschaft. Besonders für solche Teile vom Schwein, die in Europa nicht gegessen werden, fiel der gewinnbringende Hauptabnehmer weg.

Die VdF-Vorstände riefen Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) auf, sich persönlich für eine Öffnung des Marktes in China einzusetzen. Es brauche Regionalisierungsabkommen, sodass aus ASP-freien Zonen innerhalb Deutschlands wieder exportiert werden kann. Die alte Bundesregierung war mit einem solchen Vorhaben in Peking gescheitert.

Teller oder Trog? Ob nun ausgerechnet ein grüner Agrarminister das unpopuläre Thema der Fleischexporte anpackt, bleibt abzuwarten. Zumal sich die Politik derzeit auch eher um die Versorgung mit Getreide sorgt. Die Ukraine war hier wichtiger Exporteur. Özdemir selbst war es, der angesichts zuletzt stark gestiegener Getreidepreise, auf die Konkurrenz von Teller und Trog hinwies.

Im Interview mit der Agrarfachzeitschrift „Top Agrar“ sagte der Grünen-Politiker kürzlich: Fast 60 Prozent des Getreides in Deutschland gingen nicht in die direkte Versorgung mit Lebensmitteln, sondern landeten in Futtertrögen. „Und diese Tiere sind häufig nicht einmal für den Verzehr bei uns im Land gedacht, sondern für den Export“, so Özdemir. Weniger Tiere, so seine Rechnung, würden mehr Getreide bedeuten, das beispielsweise zu Brot verarbeitet werden könnte.

Tönnies-Manager Schulze Althoff widersprach: „Tierhaltung und Pflanzenanbau gehören zusammen“, Tiere verwerteten auch solche Teile von Pflanzen, die Menschen nicht essen könnten. Gülle und Mist wiederum seien wichtiger Dünger.

Das gelte derzeit umso mehr, wo die Produktion von Kunstdünger angesichts der drastisch gestiegene Energiepreise einbricht. Einzelne Werke haben die Herstellung bereits ganz eingestellt. Gülle wurde zuletzt vom stinkenden Abfallprodukt der Tierhaltung zum begehrten Nährstofflieferanten. Und, ergänzte Schulze Althoff: „Auch der Hafer für die Hafermilch muss gedüngt werden.“

Und was ist mit veganen Alternativen? Vegane oder vegetarische Alternativen wie Hafermilch oder Veggie-Schnitzel gehören mittlerweile zur Produktpalette vieler Fleischkonzerne. Werden die bisweilen deutlich teureren Fleischimitate nun zu günstigen Alternative für das Original? Westfleisch-Vertreter Kelliger sagt dazu: „Es wird alle treffen“. Sprich: Die Preissteigerungen werden auch im Veggie-Segment durchschlagen, weil die Rohstoffe knapp und die Energiekosten hoch sind.

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