London

Wie London zur Hochburg russischer Oligarchen wurde - und was ihnen jetzt droht

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 13.03.2022 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die russische Botschaft in London liegt in der exklusiven Gegend am Kensington Palace Gardens. Foto: imago images/PA Images
Die russische Botschaft in London liegt in der exklusiven Gegend am Kensington Palace Gardens. Foto: imago images/PA Images
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Großbritannien hat angesichts der russischen Invasion weitere Sanktionen gegen Oligarchen verhängt - darunter mittlerweile auch einen der wohl Bekanntesten, Roman Abramowitsch. Reiche Russen besitzen mittlerweile so viele Anwesen auf der Insel, dass London „Moskau an der Themse” oder auch „Londongrad” genannt wird. Doch wie war das möglich?

Eine Frau mit einer imposanten braunen Pelzmütze und schwarzer Sonnenbrille wartet vor einer Privatschule auf ihr Kind und in den Auslagen der Läden liegen Uhren im Wert um 40.000 Euro. Ein Spaziergang durch das frühlingshaft anmutende Viertel Knightsbridge im Londoner Stadtbezirk Kensington und Chelsea, in dem sich auch das Nobelkaufhaus Harrods befindet, offenbart schnell: Wer hier wohnt, ist reich.

Neben wohlhabenden Briten besitzen hier Chinesen und Russen Häuser und Wohnungen, deren Wert nicht selten im zweistelligen Millionenbereich liegt. Tatsächlich sind russische Staatsbürger, die im Zuge des Kollapses der Sowjetunion reich wurden, in manchen Vierteln Londons so zahlreich vertreten, dass die britische Hauptstadt auch „Londongrad”, und einzelne Orte, wie im Falle des Eaton Square, „Roter Platz” genannt werden. 

Unter den solventen Käufern aus dem Osten befinden sich auch viele Putin-nahe Oligarchen. Laut Rachel Davies von „Transparency International”, einer Nichtregierungsorganisation zur Bekämpfung von Korruption, ist in den vergangenen Jahren britisches Eigentum im Wert von mindestens 1,5 Milliarden Pfund an Russen verkauft worden, denen schmutzige Finanzgeschäfte vorgeworfen werden und die dem Kreml nahestehen. ​Und: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte sie am vergangenen Freitag gegenüber unserer Redaktion. 

Beobachtern zufolge konnten die Oligarchen die Anwesen nur deshalb erwerben, weil Immobilienmakler und Banken angesichts krimineller Machenschaften wegschauen oder gar dabei halfen, Geldwäsche zu betreiben. Darüber hinaus habe der britische Staat bei der Vergabe der so genannten Tier-1-Investoren-Visa, auch „goldene Visa” genannt, jahrelang nicht genau hingeschaut. Sie ermöglichten es Geschäftsleuten, für die Zahlung von knapp 2,4 Millionen Euro einen beschleunigten Aufenthaltsstatus zu erlangen. Erst Mitte Februar wurde das „goldene Visum” abgeschafft, als Reaktion auf den drohenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine. 

Zu denjenigen, die so ihren Weg nach Großbritannien fanden, gehört auch der wohl bekannteste russische Oligarch in Großbritannien, der Eigentümer des britischen Fußballclubs Chelsea Roman Abramowitsch. Dieser besitzt darüber hinaus ein Anwesen in „Kensington Palace Gardens”, einer besonders exklusiven Straße im Zentrum Londons. Die Villa im klassizistischen Stil, die einen Wert von 125 Millionen Euro und eine Wohnfläche von 1900 Quadratmetern haben soll, wirkt schon von außen imposant und ist, im Unterschied zu vielen anderen Anwesen in Kensington, belebt. Ein Essenslieferant brachte dieser Tage Essen zu dem prunkvollen Bauwerk. 

Was wie eine harmlose Szene wirkt, hat durchaus Brisanz. Denn es könnte heißen, dass das Haus womöglich nicht nur bewohnt, sondern gar bewacht wird. Und dass obwohl die britische Regierung den 55-Jährigen wegen seiner Nähe zu Putin mittlerweile auf die Sanktionsliste gesetzt hat. Das bedeutet, dass sein Vermögen in Großbritannien zunächst eingefroren und dann konfisziert werden soll, er nicht mehr einreisen darf und überdies Individuen und Unternehmen auf der Insel keine Geschäfte mehr mit ihm machen dürfen. In anderen Worten: Niemand darf gegen Bezahlung bei ihm putzen oder auf das Anwesen aufpassen. Gleiches gilt seit letztem Donnerstag für sechs weitere Russen, darunter Igor Setschin, Konzernchef des russischen Energiekonzerns Rosneft. 

Diese Maßnahmen gehen Aktivisten aber noch nicht weit genug, wie die Mitglieder der „Kensington against dirty Money Campaign”, („Kampagne gegen schmutziges Geld in Kensington”) betonen. Sie fordern unter anderem, dass Abramowitschs Villa schneller der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, damit zumindest vorübergehend ukrainische Geflüchtete darin wohnen können.

Um darauf Aufmerksam zu machen, haben Sie sich vor einem Anwesen in „Thornwood Gardens” in Kensington vor Journalisten postiert; mit dabei eine alte Waschmaschine, in der symbolisches Geld gewaschen wird. Joe Powell, Mitbegründer der Kampagne deutet auf einen modernen Komplex: „Viele Häuser und Wohnungen darin stehen leer.” Dies hier, so führt er weiter aus, seien jedoch nur drei von geschätzt über 6000 Anwesen alleine in Kensington deren Besitzer man nicht kennt. Ein Zustand den die Aktivisten schon seit Jahren beklagen. 

Mit dem neuen Gesetz zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, das vergangene Woche im House of Lords, dem britischen Oberhaus, debattiert wurde, soll sich das nun ändern. Offshore-Unternehmen, die Immobilien im Vereinigten Königreich besitzen, soll Transparenz auferlegt werden. Es soll klar werden, wem genau die Anwesen gehören. Powell begrüßte den Entwurf, betonte jedoch, dass er „viele Schlupflöcher hat”. Die Regierung müsse sicherstellen, dass die Informationen tatsächlich korrekt sind, betonte Rachel Davies von „Transparency International”. Denn aktuell könne man ein Unternehmen unter einem falschen Namen gründen. „Niemand prüft, ob der tatsächlich stimmt.”

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