Osnabrück
Die Ukraine, ihre Weltliteratur in deutscher Sprache und die Vision Europas
Flucht ohne Ende: Krieg und Flucht in der Ukraine spiegeln sich in den Werken deutschsprachiger Autoren aus der Ukraine des 20. Jahrhunderts. Eine Erinnerung an Paul Celan, Rose Ausländer, Joseph Roth und an die Literatur des multikulturellen Czernowitz.
„Die Welt war alt geworden, Blut ein gewohnter Anblick, der Tod eine wertlose Sache. Alle starben umsonst und waren nach einem Jahr vergessen“: Was Joseph Roth einst notierte, liest sich heute wie ein bitterer Kommentar auf den Krieg in der Ukraine. Der Autor, der in Romanen wie „Radetzkymarsch“ oder „Kapuzinergruft“ den Untergang der alten Monarchie Österreichs melancholisch besang, stammte aus Brody, heute im Westen der Ukraine, unweit der Stadt Lwiw, zu Deutsch Lemberg. Der Weg des 1894 geborenen Romanciers Joseph Roth führt aus dem Vielvölkerstaat der österreichischen Doppelmonarchie über den Ersten Weltkrieg bis in den Vorabend von Zweitem Weltkrieg und Holocaust. Roth stirbt 1939 in Paris. Sein Schicksal von Flucht und Vertreibung ist ebenso repräsentativ für eine ganze Epoche wie sein Schreiben für eine Vision Europas – die einer friedlichen Koexistenz der Kulturen.
Nach dem russischen Überfall weitet sich der Krieg in der Ukraine gerade Richtung Westen aus. Joseph Roths Heimat wird wieder zu einem Planquadrat in den Planungen der Militärs. Kriegsreporter melden sich aus Czernowitz, einem Ort mit legendärem Klang in der Geschichte einer Literatur, die auch in deutscher Sprache zu Weltruhm gelangte. Aus Czernowitz stammten so unterschiedliche Autoren wie die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer oder der Erzähler Gregor von Rezzori. Celans 1947 zuerst publiziertes Gedicht „Todesfuge“ steht gleichberechtigt neben Picassos „Guernica“ als Anklage gegen das Grauen des Völkermords. Rose Ausländer selbst überlebte den Holocaust in Kellerverstecken in ihrer Heimatstadt. Gregor von Rezzori avancierte mit seinen „Maghrebinischen Geschichten“ in der Bundesrepublik zu einem Literaturstar, dessen Beliebtheit derjenigen des israelischen Satirikers Ephraim Kishon gleichkam.
Vier Namen, vier Autoren, aber noch viel mehr kulturelle und sprachliche Einflüsse. Der Klang dieser und weiterer Namen steht für eine zutiefst europäische Dimension der Ukraine, an die heute wieder erinnert werden sollte: die ihrer Literatur in deutscher Sprache. Eine nationale Kategorie ist damit nicht gemeint, ganz im Gegenteil. Der Gedanke von Nationen und ihren Abgrenzungen stand immer in klarem Gegensatz zu der Wirklichkeit multikultureller Räume. Die heute zwischen der Ukraine und Rumänien geteilte Bukowina mit ihrer Hauptstadt Czernowitz erscheint im Rückblick wie der auch bisweilen verklärte Idealfall einer Region, in der sich die Frage nach Minderheiten nicht stellte, weil alle Minderheiten waren, Rumänen wie Deutsche, Ruthenen wie Ukrainer und viele andere mehr. Gregor von Rezzori erinnerte sich an Czernowitz als eine Stadt von vielen Nationen, Religionen und noch mehr Sprachen, als eine Stadt von „hochgezüchtetem ironischen Geist“. Kein Wunder. Ironie ist auch das Medium eines ständigen kulturellen Vergleichs, der Dominanz nicht kennt.
Was rückblickend als eine in der heutigen Ukraine gelegene Literaturlandschaft bezeichnet wird, war in Wirklichkeit ein Vernetzungspunkt der Stimmen und Sprachen. Im Gegensatz zu einer Landschaft mit ihrer Begrenzung ist ein solches Kulturgeflecht nach allen Seiten hin potenziell unendlich. Das literarische Soziotop, als das Czernowitz bis zum Zweiten Weltkrieg bestand, verkörperte en miniature den Idealfall Europas als eines beständigen kulturellen Gesprächs, das jede Vorstellung von Leitkultur lächerlich erscheinen lässt. Auf diese Stadt und ihre Gegend traf kulturell zu, was Joseph Roth über das im Ersten Weltkrieg untergegangene Habsburgerreich schrieb: „Meine alte Heimat, die Monarchie, allein war ein großes Haus mit vielen Türen und vielen Zimmern, für viele Arten von Menschen“.
Die Katastrophe des Krieges zerstört nicht nur jedes kulturelle und damit fragile Gewebe, sie wendet auch den einst daseinsfrohen Verweis auf Sprache und Literatur in die melancholische Rückschau. „Vier Sprachen / verständigen sich / verwöhnen die Luft / Bis Bomben fielen / atmete glücklich / die Stadt“, dichtete Rose Ausländer in „Czernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“. Pluralität und Verständigung sind eins mit einem Glück, das Vorherrschaft nicht braucht. Dichter gaben diesem Glück nicht nur Sprachgestalt, sie artikulierten auch dessen Verlust in Verse, die an den Rand des Verstummens führten. Der Drang nach imperialer Macht und nationalistischer Abgrenzung, wie er jetzt russische Expansion antreibt, zerstört wieder kulturellen Dialog. Die in deutscher Sprache schreibenden Autoren aus Czernowitz, der Bukowina, der Ukraine, fassten zu ihrer Zeit noch diese deprimierende Erfahrung in zarte Worte: „Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer / Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort“, lauten die berühmten Verse von Rose Ausländers Gedicht „Mutterland“.
Dass dieses Wort weithin tragen, bewahren und auch schützen kann, zeigt Paul Celans „Todesfuge“. Die Verse um die „Schwarze Milch der Frühe“ geben dem Völkermord an den Juden Europas eine bis auf den heutigen Tag beklemmend intensive Gestalt. Dieses Gedicht markiert den äußersten Grenzpunkt einer Literatur als Leiderfahrung. Auch wenn viele Zeitumstände jetzt ganz anders sind, so wiederholt sich intensive Leiderfahrung gerade wieder. Sie verweist darauf, Literatur neu wahrzunehmen, als einer Artikulation menschlicher Erfahrung jenseits von politischem Interesse und medialem Rauschen. Die Erinnerung an die deutschsprachigen Autoren aus der Ukraine ist jetzt hilfreich. Ob Joseph Roth, Rose Ausländer oder Paul Celan – sie nahmen jene Position ein, die Albert Camus in seiner Nobelpreisrede am 10. Dezember 1957 dem Schriftsteller zuwies: „Seiner Bestimmung gemäß kann er sich heute nicht in den Dienst derer stellen, die Geschichte machen: er steht im Dienste jener, die sie erleiden“.