Norden

Emotionale Gesten, klare Worte: Norder demonstrieren gegen Ukraine-Krieg

| | 12.03.2022 07:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mit einem Lichtermeer zu den Klängen von „We shall overcome“ endete am Freitagabend die Demonstration auf dem Norder Marktplatz gegen den Ukraine-Krieg. Foto: Rebecca Kresse
Mit einem Lichtermeer zu den Klängen von „We shall overcome“ endete am Freitagabend die Demonstration auf dem Norder Marktplatz gegen den Ukraine-Krieg. Foto: Rebecca Kresse
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Mehr als 500 Norder haben am Freitagabend gegen den Krieg in der Ukraine demonstriert. Dabei gab es neben emotionalen Momenten sehr überraschende Forderungen von Superintendent Kirschstein.

Norden - Mehr als 500 Menschen haben am Freitagabend auf dem Norder Marktplatz gegen den Krieg in der Ukraine demonstriert. Aufgerufen zu der Veranstaltung hatte ein breites Bündnis aus Politik, Kirche und Gesellschaft in Norden. Zu den Rednern gehörten Landrat Olaf Meinen, der Norder Bürgermeister Florian Eiben und Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Norden, Dr. Helmut Kirschstein. Vor allem Kirschstein überraschte in seinem Redebeitrag mit ungewohnt deutlichen Forderungen für einen Mann der Kirche.

Mehr als 500 Teilnehmer waren nach offiziellen Angaben auf den Norder Marktplatz gekommen. Foto: Rebecca Kresse
Mehr als 500 Teilnehmer waren nach offiziellen Angaben auf den Norder Marktplatz gekommen. Foto: Rebecca Kresse

Am Anfang standen aber zunächst die emotionalen Redebeiträge von zwei Schülerinnen des Ulrichsgymnasiums Clara Bomhardt und Emilia Rudzik. Der Schulchor begleitete die Veranstaltung mit den Liedern „Imagine“, „Blowing in the Wind“ und „We shall overcome“.

Emotionale Berichte von Schülern

Die 18-jährige Schülerin Emilia Rudzik musste ihren Redebeitrag immer wieder unterbrechen, weil sie mit den Tränen kämpfte. Der Ukraine-Krieg ist für sie nicht weit weg, für sie ist er mitten in ihrer Familie. Sie weiß nicht, wo Irina, die ukrainische Cousine ihrer Mutter ist. Als Krankenschwester darf sie das Land nicht verlassen. Sie weiß nicht, wie es Irinas acht und dreizehn Jahre alten Kindern geht. Sie bangt um Nachrichten. Und all das nimmt sie jeden Tag mit in den Unterricht, in den Alltag. Emilia Rudzik ließ die Norder an ihrer Geschichte teilhaben und machte so aus dem nicht Fassbaren etwas Greifbares, etwas Persönliches.

Clara Bomhardt und Emilia Rudzik berichteten von Freunden und Familie in der Ukraine. Foto: Rebecca Kresse
Clara Bomhardt und Emilia Rudzik berichteten von Freunden und Familie in der Ukraine. Foto: Rebecca Kresse

Clara Bomhardt berichtete von Anastasia, ihrer Austauschfreudin aus Kiew. Sie konnte nach dem Angriff durch die Russen zwar zu ihrem Bruder nach Tschechien fliehen, ihre Eltern musste sie aber zurücklassen. Viele Freunde müssen jetzt kämpfen. In einer Nachricht an Bomhardt schrieb Anastasia: „Die Welt machts nichts. So viele russische Soldaten sind hier und die Welt sagt nur, dass es schlecht ist“, berichtet Bomhardt. Und die Schülerin fragt sich und alle: Was sage ich Anastasia, die sich von allen verlassen fühlt?“

Immer mehr russische Schüler werden diskriminiert

Ein weiteres Problem, von dem Emilia Ruzdik erzählte: Viele russischstämmige Schüler werden zunehmend diskriminiert. Ruzdik berichtet von der Familie einer Freundin, die in einem Brief aufgefordert wurde, doch wieder nach Russland zu gehen. „Das macht mich traurig“, sagte Emilia Ruzdik und zitierte den Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko: „Nein, wir hassen niemals Russen, wir hassen diese Politik, die die russische Föderation macht. Wie kann ich Russen hassen, meine Mutter ist Russin.“ Es sei nicht eine Frage der Nationalität, sondern eine Frage der Werte. „Meine russischstämmige Freundin hat nichts Schlimmes gemacht, es ist Putins Krieg“, rief die 18-Jährige den Demonstranten entgegen.

Der Schulchor des Ulrichsgymnasiums begleitete die Veranstaltung. Foto: Rebecca Kresse
Der Schulchor des Ulrichsgymnasiums begleitete die Veranstaltung. Foto: Rebecca Kresse

Überraschend deutliche Worte fand Superintendent Dr. Helmut Kirschstein. Er sprach sich für das Recht der Menschen in der Ukraine aus, sich gegen die Unterdrückung zu wehren, und auch für das Recht, den Menschen der Ukraine dabei zur Seite zu stehen. „Es wird noch Schlimmeres passieren, wenn dem Unrecht und der Menschenverachtung und der Großmannssucht dieses Tyrannen nicht Einhalt geboten wird“, sagte Kirschstein.

Superintendent fordert Waffenlieferungen

Er halte es zwar für richtig, sich mit dem Diktator immer wieder an einen Tisch zu setzen. Im selben Atemzug müsse ihm aber klar gemacht werden, dass er mit seinem Krieg nicht durchkomme. Dann sprach sich Kirschstein zur Verwunderung vieler für Waffenlieferungen in die Ukraine aus. Nicht aus Freude am Krieg, wie er betonte. Nicht aus irgendeinem Hass heraus und nicht aus nationalistischen Gründen. „Allein, um der Freiheit und der Unversehrtheit dieses Landes und seiner Menschen Willen. Und dann auch um der Freiheit und Unversehrtheit all der anderen Länder Willen, die sich von Putins Russland bedroht wissen“, sagte Dr. Helmut Kirschstein – wohl wissend, dass er dafür „Prügel bekommen“ werde, wie er es nannte.

Landrat Olaf Meinen appellierte an Putin, den Krieg zu stoppen. Foto: Rebecca Kresse
Landrat Olaf Meinen appellierte an Putin, den Krieg zu stoppen. Foto: Rebecca Kresse

Der Norder Bürgermeister Florian Eiben (SPD) machte klar: „Der Rat der Stadt Norden verurteilt auf das Schärfste den Einmarsch Russlands in die Ukraine und seine dortigen Raketenangriffe. Wir alle stehen an der Seite der ukrainischen Bevölkerung. Unsere Solidarität gehört den Menschen in der Ukraine. Durch den brutalen Völkerrechtsbruchs des russischen Staatspräsidenten stehen Freiheit und Frieden in Europa auf dem Spiel.“

Bürgermeister lobte Engagement der Norder

Alle seien sich zu sicher gewesen, dass es nie wieder Krieg in Europa geben würde. „Wir sind auf dem Boden der Tatsachen angekommen“, so Eiben. Es bedürfe nur eines Menschen, der Frieden und Freiheit für alle in Gefahr bringen kann. Auch Eiben machte deutlich, dass es sich nicht um den Krieg der russischen Bevölkerung handelt, sondern um den Krieg eines Einzelnen. Es ist der Krieg von Wladimir Putin und nicht der Krieg der Menschen in oder aus Russland.

Eiben lobte ausdrücklich die Hilfe und das Engagement der Norder in den vergangenen Wochen. „Die Hilfe der Norder Bevölkerung ist nicht selbstverständlich und deshalb möchte ich mich als Bürgermeister noch einmal ausdrücklich dafür bedanken. Ich bin stolz darauf, dass unsere Stadt so solidarisch ist und Menschen in Not hilft“, sagte Eiben.

Der Norder Bürgermeister Florian Eiben dankte vor allem den Bürgern für ihr großes Engagement. Foto: Rebecca Kresse
Der Norder Bürgermeister Florian Eiben dankte vor allem den Bürgern für ihr großes Engagement. Foto: Rebecca Kresse

Bereits mehr als 830 Hilfsangebote

Landrat Olaf Meinen (parteilos) zeigte sich „überwältigt“ von der großen Teilnehmerzahl in Norden. „Wir setzen damit ein starkes Zeichen, ein Zeichen gegen den Krieg in der Ukraine, ein Zeichen für Frieden, Freiheit und Demokratie“, so Meinen.

Mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine seien bereits auf der Flucht. „Wir haben die moralische Verpflichtung, als Akt der Humanität, diese Menschen aufzunehmen und ihnen Schutz zu bieten. Das ist für uns alle, die hier auf dem Marktplatz stehen eine Selbstverständlichkeit“, sagte Meinen. 833 Hilfsangebote seien beim Kreis bis zum Donnerstagmittag bereits eingegangen und jeden Tag würden es mehr.

Superintendent Dr. Helmut Kirschstein forderte Waffenlieferungen in die Ukraine. Foto: Rebecca Kresse
Superintendent Dr. Helmut Kirschstein forderte Waffenlieferungen in die Ukraine. Foto: Rebecca Kresse

Landrat: Putin fürchtet sich vor Kraft der Demokratie

Meinen gab sich keinen Illusionen hin: „Dass sich Putin und seine Knechte davon beeindrucken lassen, dass wir heute hier auf dem Marktplatz stehen, darf bezweifelt werden“, sagte er. Aber dieser breite gesellschaftliche Zusammenhalt, diese Einigkeit in weiten Teilen der Welt habe Putin in seiner „Großmannssucht“ sicher nicht gewollt, so Meinen, und legte nach: „Wovor sich Putin am meisten fürchtet, das ist die Kraft von Demokratie, Freiheit, von Menschenrechten und Solidarität.“ Darum müssten alle diese Werte angesichts des Krieges umso lauter vertreten. Laut und deutlich sagte Meinen: „Unser Appell für heute: Herr Putin, stoppen Sie diesen unsinnigen Krieg.“

Mit einem Lichtermeer zu den Klängen von „We shall overcome“ endete die Veranstaltung.

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