San Francisco
„Kindern mehr zutrauen“: Autorin verrät Erziehungsgeheimnisse von Naturvölkern
Indigene Völker erziehen ihre Kinder anders, als westlich geprägte Familien. Während Naturvölker auf Zusammenarbeit und Gelassenheit setzen, geht es bei uns um Konflikt und Kontrolle. Wir können viel von Naturvölkern über Erziehung lernen, sagt die Autorin Michaeleen Doucleff.
Die Journalistin und Autorin Michaeleen Doucleff (44) lebt in San Francisco. Im Sommer 2019 verbrachte sie mit ihrer damals knapp dreijährigen Tochter Rosy sieben Wochen bei Familien indigener Völker, um zu sehen, wie sie ihre Kinder erziehen.
Frage: Frau Doucleff, Sie haben die Kindererziehung bei Maya-Familien im mexikanischen Yucatan, bei Inuit-Familien in der Arktis und bei Hadzabe-Familien in Tansania untersucht. Was haben Sie dort beobachtet?
Antwort: Diese Familien haben mir eine ganz andere Art der Erziehung gezeigt als die, die wir in der westlichen Kultur praktizieren. Während der westliche Ansatz auf Konflikt und Kontrolle ausgerichtet ist, maximieren sie Zusammenarbeit und Gelassenheit.
Frage: Wie zum Beispiel?
Antwort: Die Maya-Eltern sind Meister darin, hilfsbereite Kinder zu erziehen. Wir sprechen hier von Kindern, die freiwillig Hausarbeiten erledigen – die von ihrem Fahrrad absteigen, um ihrem Vater im Garten zu helfen oder morgens sofort mit dem Abwasch beginnen, ohne dass jemand darum bittet oder ihnen etwas dafür verspricht.
Frage: Wie machen ihre Eltern das?
Antwort: Sie bereiten keine speziellen „kinderzentrierten“ Aktivitäten für die Kinder vor, sondern beziehen sie in die Welt der Erwachsenen ein, einschließlich Hausarbeiten, Hobbys, soziale Ereignisse und Arbeit. Sie zwingen ihre Kinder nicht mit Schreien, Bestechungsgeldern und Bestrafungen zu etwas, sondern ermutigen sie zu gutem Verhalten. Sobald das Kind zu laufen beginnt, bitten die Eltern es bei winzig kleinen Aufgaben um Hilfe. So lernt es im Laufe der Zeit, was im Haushalt getan werden muss.
Frage: Indigene Kulturen sind aber auch völlig anders – können westliche Eltern diese Erziehung überhaupt übernehmen?
Antwort: Ich hatte die gleiche Frage und war skeptisch. Aber jedes Mal, wenn ich eine der Techniken ausprobierte, funktionierte sie in unserem geschäftigen, städtischen Zuhause viel besser, als ich erwartet hatte. Lassen Sie Ihr Kind bei der Hausarbeit zusehen, statt es mit Spielzeug zu unterhalten! Ermutigen Sie es und laden Sie es zum Mitmachen ein: eine kleine Einkaufstüte tragen; das Essen auf dem Herd umrühren; den Gartenschlauch aufdrehen; etwas holen, das Sie gerade brauchen; Staub auf dem Regal wischen. Lassen Sie es machen, auch wenn es noch ungeschickt ist! Wenn eine Aufgabe zu schwierig ist, bitten sie das Kind, Ihnen dabei zuzusehen oder gliedern Sie die Arbeit in Untereinheiten auf, die es bewältigen kann. Und: Zwingen Sie es nicht! Wir wollen das Kind zur Kooperation und nicht zum blinden Gehorsam erziehen.
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kinder im Grunde gern helfen. Aber was ist, wenn man es ihnen nie beigebracht hat – kann man das später nachholen?
Antwort: Auf jeden Fall. Man muss etwas geduldiger sein und noch weniger Zwang ausüben, als man es bei kleinen Kindern tut. Statt sie anzuweisen, ihren Teller nach dem Essen wegzuräumen, formulieren Sie die Aufgabe als gemeinsame Aktivität: „Lasst uns alle zusammen die Küche aufräumen!“ Oder Sie machen eine Putzparty mit Musik.
Frage: Ihre Tochter war drei Jahre alt, als Sie die indigenen Völker besuchten. Welche Auswirkungen hatte die Zeit auf Ihre Familie?
Antwort: Wir haben fast alles geändert! In unserer Familie gibt es kaum noch Konflikte, und Rosy hat sich zu einer unglaublich hilfsbereiten und großzügigen Sechsjährigen entwickelt. Heute Morgen wachte sie auf und sagte: „Mama, ich mache Frühstück.“ Und ging voraus, um Speck zu kochen und Kaffee zu machen.
Kindern mehr zutrauen: Erziehungsgeheimnisse indigener Kulturen. Stressfrei – gelassen – liebevoll. Kösel-Verlag 2021, ISBN 978-3466311521