Aurich/Hannover

Mangelverwaltung bei der Inklusion

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 06.03.2022 16:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Inklusion soll von jeder Schule betrieben werden. Dafür fehlen aber Lehrer. Foto: DPA
Inklusion soll von jeder Schule betrieben werden. Dafür fehlen aber Lehrer. Foto: DPA
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Inklusion wird sowohl an Förderschulen als auch in Regelschulen betrieben. In beiden Fällen fehlt aber das Wichtigste.

Aurich/Hannover - Im Landkreis Aurich gibt es einen großen Mangel an Förderschullehrern. Jens Kleen, Leiter des Schulamtes des Kreises Aurich, geht davon aus, dass nur 30 Prozent der Stellen besetzt sind. Eine Zahl, die er kürzlich im Kreisschulausschuss nannte. Ein Wert, der vom Regionalen Landesamt für Bildung und Schule (RLSB) auf ON-Anfrage nur indirekt bestätigt wird. Laut Sprecherin Mareike Wellmeier fehlen im Landkreis Aurich derzeit 60 Förderschullehrkräfte, verteilt über alle Fachrichtungen. Das Problem bei der Berechnung der Lehrerstunden ist, dass die Förderschullehrer in Niedersachsen nicht nur an Förderschulen eingesetzt werden.

Da die inklusive Schule seit einigen Jahren umgesetzt werden soll, sind Förderschullehrer auch an Grundschulen, Gesamtschulen, Realschulen oder Gymnasien tätig, um dort die förderbedürftigen Schüler zu unterstützen. Beim Förderschwerpunkt Lernen gibt es spätestens ab dem Schuljahr 2027/28 gar keine eigenen Förderschulen mehr in Niedersachsen. Weitere Fachrichtungen sind zum Beispiel Förderschulen für körperliche und motorische oder für geistige Entwicklung. Die Förderschulen sind laut Wellmeier in der Unterrichtsversorgung so ausgestattet, dass der Pflichtunterricht gewährleistet sei. Längerfristigen Ausfällen werde grundsätzlich mit Vertretungslösungen begegnet.

Fast kein Mangel an Grundschulen

So gut wie keinen Mangel gebe es an den Grundschulen. Dort sei für die Abdeckung der sonderpädagogischen Grundversorgung nahezu vollumfänglich mit Förderschullehrerstunden gesorgt. Auch dort würden für längerfristige Ausfälle Vertretungslösungen gefunden. Die weiterführenden Schulen weisen den Angaben zufolge zur Abdeckung der Zusatzbedarfe für Schüler mit einem festgestellten Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung eine Versorgung mit Förderschullehrkräften von 33 Prozent auf. „Da dieser Wert in die Gesamtversorgung der Schulen eingerechnet wird, entsteht hier insofern eine Berücksichtigung, dass die Schulen angemessen mit Lehrkräften zur Unterstützung aller Schülerinnen und Schüler ausgestattet werden“, so Wellmeier. Das heißt übersetzt, dass es genug Lehrer gibt, um alle Schüler in den Schulen zu betreuen.

Um allerdings auf die Förderbedürfnisse der Kinder eingehen zu können, fehlen Lehrkräfte. „Für eine vollumfängliche Abdeckung sämtlicher sonderpädagogischer Bedarfe im Landkreis Aurich fehlen dennoch rund 60 Förderschullehrkräfte“, so Wellmeier. Es besteht dabei Bedarf für jede sonderpädagogische Fachrichtung. Im Landkreis Aurich gibt es laut Wellmeier in besonderer Weise einen erhöhten Bedarf für den Förderschwerpunkt Sehen. Das betreffe die Beschulung blinder und sehbehinderter Schüler.

Weite Schulwege sind generell nicht nötig

Weitere Wege, zum Beispiel zu Förderschulen nach Oldenburg, müssten Kinder dennoch in der Regel nicht auf sich nehmen. Denn gemäß niedersächsischen Schulgesetzes sei jede Schule eine inklusive Schule. Das bedeute, dass eine wohnortnahe Beschulung möglich sei und fachlich unterstützt werde, zum Beispiel durch mobile Dienste der einzelnen Förderschwerpunkte. „In Einzelfällen mag es Entscheidungen Erziehungsberechtigter gegen eine inklusive Beschulung geben“, sagt Wellmeier. Die Entscheidung darüber liege nach gründlicher Beratung und in Kenntnis sämtlicher Folgewirkungen bei den Erziehungsberechtigten.

Zwei Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren vom Land ergriffen, um etwas gegen den Mangel an Förderschullehrern insbesondere in Ostfriesland zu unternehmen. So sei es in der Auricher Außenstelle des Studienseminars für Sonderpädagogik seit einigen Jahren möglich, Lehramtsanwärter für das Lehramt Sonderpädagogik auszubilden.

„Dies führt häufig zu einer Bindung an die Region, ein Effekt, den wir sehr begrüßen und unterstützen“, meint Wellmeier. Außerdem seien die Studienkapazitäten für das Lehramt der Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg in den letzten Jahren deutlich erweitert worden. Ein Erfolg der beiden Maßnahmen scheint angesichts der fehlenden Förderschullehrkräfte aber noch auszustehen.

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