Tourismus
Rollstuhl soll den Urlaub in Bensersiel nicht behindern
In Bensersiel soll ab Frühjahr 2023 wirklich jeder Gast komfortabel Urlaub machen können. Ein neues Hotel entsteht. Aber ist der Ort auf Gäste mit Rollstuhl oder Sehbehinderung schon vorbereitet?
Bensersiel - Ab Ostern 2023 sollen in Bensersiel ausnahmslos alle in den Genuss eines Vier-Sterne-Hotels kommen können, die dies wünschen. Geplant ist, in 13 bis 14 Monaten Bauzeit in Toplage unweit des Strandes mit dem Hotel „Meerzeiten“ ein inklusives und damit außergewöhnliches Urlaubsrefugium entstehen zu lassen. Auch und gerade für die, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, die aufgrund einer Sehbehinderung besondere Leitsysteme benötigen oder eine gewisse Infrastruktur in ihrem Zimmer vorfinden müssen, um den Alltag zu meistern. Menschen mit und ohne Behinderungen sollen hier „von A bis Z barrierefrei“ Erholung finden.
Was und warum
Darum geht es: In Bensersiel wird ein barrierefreies Hotel gebaut.
Vor allem interessant für: Berufsgruppen, die vom Tourismus direkt oder indirekt profitieren, sowie Menschen mit Einschränkungen und ihr Umfeld
Deshalb berichten wir: Der Bau beginnt. Die Investoren haben erstmals über ihre Pläne informiert. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Solch ein Haus fehle an der Küste bislang, meinte Otto Klüver, Geschäftsführer der Watt`n Hotel Bensersiel Besitz GmbH, bei der Bekanntgabe ihrer Pläne Anfang der Woche. In der Gesellschaft haben sich sieben regionale Geldgeber, sogenannte Kommanditisten, zusammengeschlossen. „Diese Lücke wollen wir hier in Bensersiel schließen.“ Was das genau kosten soll, wollte der Borkumer nicht sagen. Nur so viel verriet er: Es werden mehr als zehn Millionen Euro sein. Ein Teil des Geldes steuert das Land Niedersachsen bei. Die N-Bank habe „eine erhebliche Förderung“ aus dem Regionalprogramm für strukturschwache Regionen bewilligt. Vorrangig, weil Klüver zufolge rund 30 Vollzeitarbeitsplätze entstehen sollen.
Ein klares Bekenntnis zu Bensersiel
Das laut Karin Emken (SPD) „Sahnegrundstück“ zwischen Deich und Schwimmbad Nordseetherme hat die Stadt Esens, zu der der Ortsteil Bensersiel gehört, abgegeben. Weil sie von dem Projekt absolut überzeugt ist, betonte die Bürgermeisterin der Stadt Esens. Damit werde man bei der inklusiven Erholung zum Vorreiter an der Küste. Doch noch ein anderes wichtiges Signal ist mit der Investition verbunden: „Das ist ein klares Bekenntnis zum Standort“, sagte Stadtdirektor Harald Hinrichs (parteilos) auf Nachfrage. Es zeige, dass Bensersiel für Investoren (wieder) attraktiv ist. Dazu muss man wissen: Das Dorf ist seit Jahren wie in Schockstarre.
Erst machte Bensersiel mit ausufernden Kosten bei der Sanierung der Nordseetherme regional Schlagzeilen. Dann wegen der gesperrten Ortsumgehung sogar national: Der „Schwarzbau“ rückte die Stadt und ihr touristisches Zugpferd immer wieder ungewollt negativ in den Fokus von Medien und Bund der Steuerzahler. Unterdessen rollte der Verkehr weiterhin durch den Ort und lähmte dessen Entwicklungspotenzial. Erst vor einem Jahr wurde der Rechtsstreit um die kommunale Entlastungsstraße beigelegt, die Straße wieder freigegeben. Jetzt ist ein Prozess angelaufen, eine Art Ideenschmiede. Die soll kleine wie große Visionen für die Zukunft des Ortes hervorbringen. Das Hotel ist ein erstes sichtbares Zeichen, dass es vorangeht.
Investition muss weitere nach sich ziehen
Hinrichs sagt, ihm sei klar, dass solch ein Hotel nur der Auftakt in einer ganzen Reihe von Investitionen sein kann. Denn was nutzt eine komplett barrierefreie Unterkunft, wenn der Gast sich dann nicht problemlos im Ort bewegen oder an den Strand kommen kann? Das habe man auf der Rechnung, versichern beide Vertreter der Stadtspitze übereinstimmend. Die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt Bensersiel steht an. Barrierefreiheit werde auch dort ein zentrales Thema sein. Sie soll Kreise ziehen. Als touristische Ausrichtung will man sie jedoch nicht sehen. Eher als Generationenaufgabe, der man sich stellen müsse.
Zurück zum geplanten Hotel: Tanja Roosmann-Feier skizzierte die Eckpfeiler des Projektes. Von ihr und ihrem Vater Paul Roosmann und ihrem Büro IPS Architekten und Stadtplaner aus Lingen stammt der Entwurf zum Hotel. Auf dem rund 3830 Quadratmeter großen Grundstück wird zwölf Meter hoch gebaut. Auch ein Restaurant mit 100 Plätzen ist vorgesehen. Von den geplanten 62 barrierefreien Doppelzimmern sind überdies 17 rollstuhlgerecht. Doch nicht nur Rollstuhlfahrer sollen hier gute Voraussetzungen für einen erholsamen Urlaub vorfinden, unterstrich Roosmann-Feier. Auch kognitiv Eingeschränkte, Sehbehinderte oder Blinde habe man bei der Planung ebenso berücksichtigt wie Familien oder Senioren.
Ferienunterkünfte dieser Art sind rar. Bei einem Blick in eine spezielle Datenbank zeigt sich, wie stark die Zahl nach Art der Einschränkung variiert. Dabei leben in Deutschland etwa zehn Millionen Menschen mit einer Behinderung. „Sie reisen deutlich weniger als der Durchschnitt der Bevölkerung“, weiß man beim Deutschen Seminar für Tourismus in Berlin. Das ist Projektträger von „Reisen für Alle“, einer bundesweit gültigen Kennzeichnung im Bereich Barrierefreiheit, die in ihrer Spezialdatenbank Betriebe aller Art – Attraktionen und Herbergen gleichermaßen – führt. Aber warum? „Es fehlt an barrierefreien Angeboten sowie an detaillierten, verlässlichen Informationen über deren Nutz- und Erlebbarkeit.“ Das Zertifikat soll das ändern, Verlässlichkeit schaffen. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, unterstützt durch zahlreiche Tourismusorganisationen und Verbände, die Menschen mit Einschränkungen vertreten.