Osnabrück
„Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“
Seit Kriegsbeginn in der Ukraine beginnen Konzerte auf der ganzen Welt mit dem gleichen Stück: mit der ukrainischen Nationalhymne. Und das ist mehr als ein Zeichen der Solidarität.
Igor Levit hat es getan, der Münchner Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski, und zahlreiche weitere Musiker und Dirigenten werden folgen: Sie beginnen ihre Konzerte in diesen Tagen mit der ukrainischen Nationalhymne. Eine Solidaritätsbekundung? Mehr als das. Diese Hymne ist wie ein Blick in die ukrainische Seele. Für die unverstellte Perspektive ist es allerdings nötig, die Hymne vom Pomp und Hymnen-Glanz zu befreien.
Vielleicht konnte nur ein Priester diese innige Melodie erfinden, jemand jedenfalls, der sein Ohr am Herzen der Leute hat. Mychajlo Werbyzkyj heißt der sensible Geistliche, der zudem auch noch komponierte und in diesem Fall in schön in schlichter Terzenseligkeit schwelgt. Gut möglich, dass vor rund 150 Jahren – so alt ist das Lied – ein paar Männer und Frauen nach getaner Arbeit beisammen sitzen und dieses wehmütige Liedchen über die Ukraine singen; Spotify gab’s ja noch nicht, wer Musik hören wollte, musste etwas dafür tun.
Nun können wir uns Nationalhymnen ohne pompöses Rum-Ta-Ta mit Pauken und Trompeten kaum vorstellen. Klar, Joseph Haydn hat sein Kaiserquartett nicht für Militärkapelle geschrieben, sondern für Streichquartett, aber hat sich Deutschland eine Melodie daraus geliehen und zur Nationalhymne umfunktioniert, und damit die in jeder Situation wirkt, wird der Musik die schillernde Uniform übergestülpt. Davor ist Haydn so wenig gefeit wie Werbyzkyjs Volksliedchen. Nun gut.
Und die ukrainische Seele? Das Lied sinkt immer wieder ins Moll, lächelt leise und ein bisschen melancholisch, und ist es nicht verrückt, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj manchmal genauso lächelt, wenn er sich über seine Handykamera an seine Ukrainer wendet, übrigens in dem Bewusstsein, dass ihm Terroristen nach dem Leben trachten? Und wie passend es im zweiten Vers der Hymne heißt? „Noch wird uns lächeln, junge Ukrainer, das Schicksal.“
Nach jeder Textzeile erlaubt sich dieses Lied einen Moment des Innehaltens, und dazu passt der Text von Pablo Tschubinskyj, auf den Pater Werbyzkj sein Lied komponiert hat. Zum Schluss der Hymne erinnert das Lied an die Geschichte der Ukraine, nämlich „dass unsere Herkunft die Kosakenbrüderschaft ist.“ Auf die Kosaken des 17. Jahrhunderts gründet sich die Vorstellung einer unabhängigen Ukraine, aber so fragil dieser Staat immer war – und so bedroht: so nachdenklich endet die Hymne. Natürlich in Moll.
Geradezu prophetisch aber klingen vor dem Hintergrund des Krieges die anderen Verse der Hymne. „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“ – das sind Worte der Zuversicht, die um die Bedrohung wissen, der eben diese Freiheit ausgesetzt ist. Aber Feinde lösen nicht Hass und Blutdurst aus, sondern ihnen begegnet das Lied mit naturnaher Poesie: „Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne“. Und dann schwingt sich die Hymne doch auf: „Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit“ – das ist gerade die bittere Realität der Ukraine. Und dann endet das Lied in seiner Moll-Melancholie.
Nun wird ja uns Deutschen nach wie vor mulmig, wenn wir unserer Hymne jenseits von Fußballspielen und Staatsempfängen ausgesetzt werden. Wenn das nächste Konzert mit der ukrainischen Nationalhymne beginnt, dürfen wir aber getrost und guten Gewissens zuhören. Nutzen wir den Moment, um in die ukrainische Seele zu blicken, zeigen wir diesen Moment lang Solidarität, versuchen wir mitzufühlen.