Kiew/Moskau
Ukraine-Konflikt und das Gas: So abhängig ist Deutschland von Russland
Deutschland ist abhängig vom Gas aus Russland. In der Ukraine-Krise könnte sich das nun rächen. Auf Verbraucher kommen weitere Preissteigerungen zu – die umstrittene Pipeline „Nordstream 2“ hin oder her. Russland beherrscht die Infrastruktur in Norddeutschland.
Wie wichtig ist Russland für die deutsche Gasversorgung? Rund 50 Prozent der Gaslieferungen nach Deutschland stammte in den zurückliegenden Jahren aus Russland. Der Anteil schwankte leicht nach oben oder unten, war aber immer der größte Anteil im Gasmix. Alleine das weltweit größte Förderunternehmen Gazprom, an dem der russische Staat die Mehrheit der Aktien hält, lieferte 2020 45,84 Milliarden Kubikmeter Gas nach Deutschland – der Jahresverbrauch der Bundesrepublik lag in dem Jahr bei 86,5 Milliarden Kubikmetern. Auf Russland verzichten? „Das mag sich keiner vorstellen“, sagt ein Marktkenner. „Das hätte noch nie gesehene Auswirkungen auf den Gaspreis.“
Eine Statista-Grafik zeigt, aus welchen Ländern Deutschland Gas über Pipelines bezieht:
Welche Rolle spielt die Ostseepipeline „Nordstream 2“? Der Gas-Import aus Russland hat eine lange Tradition. Selbst im Kalten Krieg floss das Gas. Entsprechende Pipelines gibt es – Nordstream 2 hin oder her. „Ohne Nordstream 2 würden wir mit der aktuellen Infrastruktur weiterarbeiten, ihre Kapazität steht zur Verfügung“, sagt Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie.
Der umstrittene und nun von der Bundesregierung zunächst auf Eis gelegte Neubau durch die Ostsee hätte für Russland den Vorteil wegfallender Durchleitungsgebühren beispielsweise an die Ukraine mit sich gebracht.
Wie hoch ist der russische Einfluss im Bereich Infrastruktur? Russische Unternehmen oder deren Tochterfirmen liefern längst nicht mehr nur den Rohstoff Gas nach Deutschland, sie betreiben auch große Teile der hiesigen Speicherinfrastruktur. In insgesamt 47 unterirdischen Speichern kann in Deutschland Erdgas gelagert werden. Die größten ihrer Art befinden sich in Niedersachsen. Und der größte wiederum in Rehden im Landkreis Diepholz. Er ist in russischer Hand.
Der Speicher wird von der Gazprom-Tochter Astora betrieben. In der Lagerstätte kann der Gas-Jahresbedarf von zwei Millionen Haushalten gespeichert werden. Das entspricht etwa 20 Prozent der gesamtdeutschen Speicherkapazität. Weitere große Speicher in russischer Hand befinden sich in Jemgum, Landkreis Leer, sowie in Sachsen-Anhalt nahe Bernburg.
Wie voll sind die Gasspeicher aktuell? Marktbeobachter nehmen bereits seit vergangenem Herbst mit Sorge zur Kenntnis, dass die Speicher nicht nachgefüllt wurden. Rehden beispielsweise soll mittlerweile weitgehend leer sein. „Aus Marktsicht ist das ein irrationales Verhalten. Im Winter ist der Preis hoch, es ließe sich gutes Geld verdienen. Das lässt sich nur mit Politik erklären“, sagt ein Insider. Eine Machtdemonstration russischer Gaslieferanten? Möglich. Sie verraten jedenfalls nicht, wer die nicht genutzten Kapazitäten gebucht hat.
Bei langfristig abgeschlossenen Lieferverträgen halten sich die russischen Lieferanten allerdings an die Vereinbarungen. Mehr aber auch nicht. Weil die gestiegene Nachfrage nicht bedient wurde, ist der Gaspreis bereits jetzt deutlich gestiegen. Auf einer von einer Gazprom-Tochter betriebenen Gas-Handelsplattform hat der russische Marktführer Beobachtern zu folge seit Herbst kein Gas mehr angeboten.
Muss Deutschland das alles so hinnehmen? Neben dem zunächst wenig wirkungsvollen Stopp für „Nordstream 2“ gibt es auf deutscher Seite weitere Überlegungen, wie dem Verhalten der russischen Seite entgegengetreten werden kann. Anders als Beispielsweise beim Öl hat Deutschland keine nationale Gas-Reserve. Bundesenergieminister Robert Habeck (Grüne) ließ zuletzt durchklingen, dass dies einer von mehreren energiepolitischen Fehlern sei, zumal das Gas Hauptenergielieferant ist. Möglicherweise könnte Deutschland aus der Erfahrung dieses Winters heraus analog zum Öl eigene Gas-Reserven in Speichern anlegen.
Zudem gibt es Forderungen aus der Energiebranche, den Betreibern der großen Gasspeicher Vorgaben für Mindestfüllstände zu machen. Die Politik hat diese Idee bereits aufgegriffen und diskutiert. Das Motto lautet: „Use it or lose it“. So könnte beispielsweise der Betreiber des Speichers Rehden in die Pflicht genommen werden, eine gewisse Menge Gas im Untergrund vorzuhalten. Wird dieser Mindeststand nicht erreicht, könnte er gezwungen werden, die Kapazitäten für anderweitige Einlagerungen freizugeben. Leerstände wie jetzt wären dann nicht mehr möglich.
Gibt es Alternativen zu Gas aus Russland? Neben Russland sind auch Norwegen und die Niederlande große Gaslieferanten für Deutschland. Norwegen stand zuletzt für gut 30 Prozent der deutschen Importe. Drittgrößer Lieferant waren die Niederlande mit einem Anteil von gut 12 Prozent. Der europäische Nachbar hat sich jedoch – auch, wenn er die Förderung nicht grundsätzlich aufgibt - aufgrund immer wiederkehrender Erdbeben in der Förderregion rund um Groningen entschieden, dort die Förderung zu beenden. Es ist das größte Erdgasfeld Europas und eines der größten der Welt.
Könnten Norwegen oder die Niederlande mehr Gas liefern? Mit Blick auf Norwegen sind sich Marktkenner einig: Mehr ist nicht drin. Dort werde schon am Limit gefördert. In den Niederlanden ist das anders. Auch aufgrund einer deutlich höheren Nachfrage aus Deutschland muss der Gashahn in Groningen noch einmal deutlich weiter aufgedreht werden als gedacht, bevor die Förderung endet. Von 1,1 Milliarden Kubikmeter extra ist die Rede. So formulierten es niederländische Medien.
Die Regierung in Den Haag wandte sich um den Jahreswechsel herum an die Bundesregierung mit der Mahnung, alles zu unternehmen, dass doch noch weniger Gas angefragt wird, als angekündigt. Für Irritationen sorgte vor diesem Hintergrund zuletzt der Protest aus Deutschland, als Förderpläne der Niederlande in der Nordsee bekannt wurden.
Welche Rolle spielt die Erdgasförderung in Deutschland? Im Gesamtbild betrachtet, spielen die Fördermengen aus Deutschland eine untergeordnete Rolle. Sie decken rund 5 Prozent des Bedarfs ab.
Speziell Niedersachsen kommt hier eine große Bedeutung zu. Von dort kommen mit knapp fünf Milliarden Kubikmetern rund 96 Prozent des in Deutschland geförderten Erdgases. In Schleswig-Holstein, wo in der Nordsee auch die einzige Offshore-Gasförderplattform Deutschlands betrieben wird, wurden 2020 gut 32 Millionen Kubikmeter gefördert, in Mecklenburg-Vorpommern waren es 2,3 Millionen.
Könnte Deutschland selbst mehr fördern? Etwas mehr sei vielleicht möglich, aber nicht viel, sagt BVEG-Hauptgeschäftsführer Möhring. „Wir halten keine Mengen zurück.“ Trotz der vergleichsweise geringen Menge, ist die deutsche Förderung für ihn jedoch essentiell. „Sie sorgt für Versorgungssicherheit. So lange in Deutschland Erdgas genutzt wird, sind wir gut beraten, die in Niedersachsen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu nutzen.“
Keine Rolle spielt indes wohl auch weiterhin das sogenannte unkonventionelle Fracking aus Schiefer- oder Tongestein. Hier schlummern auch unter Deutschland weitere Reserven. Aufgrund von Umweltbedenken findet aber keine entsprechende Förderung statt. Die rechtlichen Vorgaben sind enorm.
Was ist mit LNG? Trotz jahrelanger Diskussionen gibt es noch kein LNG-Terminal in Deutschland, lediglich Pläne für einen Bau in Stade. Hier könnte entsprechendes Flüssiggas per Schiff aus den USA oder Katar angeliefert werden. Eine Inbetriebnahme wird allerdings noch Jahre in Anspruch nehmen. In Europa gibt es mehrere entsprechende Terminals.
So haben Terminals in Großbritannien, Belgien und den Niederlanden zusammengenommen eine Jahreskapazität von rund 75 Milliarden Kubikmetern. Hinzu kommt der Standort Dünkirchen in Nordfrankreich (13 Milliarden Kubikmeter). Zusammengenommen haben sie etwa die Kapazität, um den Jahresverbrauch Deutschlands zu decken. Branchenexperten zufolge schwankt die Auslastung jedoch stark je nach globalen Preis- und Mengenentwicklungen.
Kann LNG Gas aus Russland ersetzen? Für Ludwig Möhring vom BVEG liegt der Schlüssel der Flexibilität der deutschen Gasversorgung und der Diversifizierung der Importströme im LNG. Allerdings: Noch fehlt die Infrastruktur. Marktkenner sehen darin kurzfristig nicht das einzige Problem.
Auch das Angebot am Markt würde nicht ausreichen, um die Gaslieferungen aus Russland von heute auf morgen zu ersetzen. Die potenziell stark steigende Nachfrage würde in dem Fall ebenfalls einhergehen mit stark steigenden Preisen. (Mit Jona Löneke)