Ihlow
Ihlower Hilfskonvoi: Hektik vor der Abfahrt
Am Mittwochmorgen ging es für den Hilfskonvoi aus Ihlow los zur polnisch-ukrainischen Grenze. Doch davor war noch einiges zu erledigen.
Ihlow - Ständig klingeln Telefone, Bargeldspenden werden entgegengenommen und am laufenden Band werden Säcke und Kartons mit Hilfsgütern verladen. Die Stimmung vor dem Ihlower Rathaus ist am Mittwochmorgen hektisch, aber geordnet. Ab 9 Uhr versammelte sich dort das Team um den 24-jährigen Hendrik de Vries aus Ihlow, der eine Hilfsaktion für ukrainische Flüchtlinge ins Leben rief. Um 10.30 Uhr rollte der aus acht Fahrzeugen bestehende Hilfskonvoi schließlich vom Parkplatz und brach in Richtung der polnisch-ukrainischen Grenze auf. Doch wohin genau die Reise geht, weiß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal der Mann, der die Hilfsaktion organisiert hat.
Begonnen hatte alles erst drei Tage vorher. Am vergangenen Sonntag wendete der Ihlower sich über das Internet mit einem Hilfeaufruf bei Facebook an die Öffentlichkeit. Vor allem war er auf der Suche nach Transportern und Fahrern, die bereit wären, sich dem Konvoi anzuschließen. Das Ziel der Aktion: So vielen ukrainischen Flüchtlingen wie möglich nach Deutschland verhelfen. Am Mittwoch fuhren die mit Sachspenden bepackten Fahrzeuge in Richtung des Kriegsgebietes los. Am Sonntag, 6. März, sollen die Helfer mit mehr als 50 ukrainischen Flüchtlingen wieder in Deutschland ankommen. Doch damit, dass die Aktion solche Wellen schlagen würde, hat zu diesem Zeitpunkt keiner der Beteiligten gerechnet. Unzählige Menschen, die helfen wollen, meldeten sich bei dem Ihlower.
Von der Hilfsbereitschaft überwältigt
Einer von ihnen war Alwin Thesinga aus Südbrookmerland. Am Mittwochmorgen ist er überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. Thesinga wurde auf den Facebookbeitrag des 24-Jährigen aufmerksam. Sofort setzte er alle Hebel in Bewegung. Er kontaktierte die Feuerwehr in Südbrookmerland und sorgte dafür, dass ein Mannschaftswagen zur Verfügung gestellt wurde. Als er bei Kindergärten anfragte, ob es Kleidung gebe, die liegengeblieben sei und gespendet werden könnte, riefen diese über Elterngruppen eigene Sammelaktionen ins Leben.
So zum Beispiel die Kindertagesstätte „Zwergennest“ aus Riepe. Petra Saathoff und Rena Rieken sind Teil des Leitungsteams der Einrichtung und waren am Mittwochmorgen vor Ort, um Spenden abzugeben und zu helfen. Selbst unter den Kindern, die das Ausmaß des Krieges noch nicht greifen könnten, habe es eine enorme Spendenbereitschaft gegeben, sagt Saathoff. Insgesamt 50 mit Spielsachen und Kleidung gefüllte Kartons seien zusammengekommen. Unter den Mitarbeitern der Kita wurden zudem rund 200 Euro gesammelt.
Auch an Verpflegung der Helfer wurde gedacht
Auch Vera Paller-Kersten, stellvertretende Leitung der integrativen Kinderkrippe „Lüttje Fillaper“ in Extum, war am Mittwoch vor dem Ihlower Rathaus. Nachdem die Krippe fleißig Spenden gesammelt hatte, war ihr vor allem Eines wichtig: Den freiwilligen Helfern „ein bisschen Energie zum Überleben der weiten Tour“, zu bringen. Sie überreichte einen mit Süßigkeiten gefüllten Karton. Für die Verpflegung der Fahrer sorgten auch Auricher Bäckerei-Filialen. Die Bäckereien Rector und Lorenz spendeten jede Menge belegte Brötchen und Brote.
Marina Pawlowski ist gebürtige Ukrainerin und lebt seit 19 Jahren in Uthwerdum. Sie hat sich mit ihrem Ehemann dem Hilfskonvoi angeschlossen. „Meine Mutter sitzt schon seit sechs Tagen im Keller. Ohne Wasser und ohne Essen“, sagt Pawlowski. Im Kriegsgebiet werden Lebensmittel, Babynahrung und Windeln derzeit am dringendsten benötigt, sagt sie.
Ihlow: Vorbereitungen auf Geflüchtete laufen
Das weiß auch der Ihlower Bürgermeister Arno Ulrichs. Es habe Priorität, dass ausreichend Baby- und Hygieneartikel mit an die Grenze genommen werden könnten, sagt er. Er ist beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. Es sei überwältigend, welche Ausmaße die Aktion angenommen habe, sagt Ulrichs. Da so viel Kleidung gespendet worden sei, dass nicht alles von den freiwilligen Helfern mitgenommen werden könne, werde in der nächsten Zeit im Ihlower Rathaus alles nach Größen sortiert und aufbereitet werden. Man wolle sich schon darauf vorbereiten, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in der Gemeinde aufnehmen zu können. In den vergangenen Tagen haben sich schon mehrere Ihlower bei ihm gemeldet, die bereit seien, einzelne Personen oder gar eine ganze Familie aufzunehmen, sagt Ulrichs. „Das ist wirklich rührend, was hier passiert“, sagt der Bürgermeister. Er stehe im Kontakt mit der Landesaufnahme Behörde Niedersachsen und hoffe, dass einige Geflüchtete den Wunsch hätten, nach Ihlow zu kommen. „Das wird mit Sicherheit nicht die letzte Aktion gewesen sein“, sagt Ulrichs.
Dass das alles innerhalb von drei Tagen auf die Beine gestellt wurde, scheint noch keiner der freiwilligen Helfer glauben zu können. „Mit 24 Jahren so etwas zu organisieren ist enorm, Hut ab“, sagt Heinz Auts vom Taxiunternehmen Else Wulf. Der Ihlower Betrieb hatte einen Kleinbus, der Platz für 19 Personen bietet, zur Verfügung gestellt. Auch das Taxiunternehmen Mull aus Südbrookmerland steuerte zwei Fahrzeuge bei.
Geldspenden mehr als verdoppelt
Hendrik de Vries selbst sagt am Mittwochmorgen, alles sei sehr chaotisch und hektisch. Ständig klingele sein Telefon oder ihn tippe jemand an, der etwas wissen wolle. Trotzdem ist er froh, dass es endlich losgeht. Und das, obwohl er noch nicht genau weiß, wohin genau die Reise geht. Ziel des Konvois ist erst einmal das Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine. Schon vor der Abfahrt stand de Vries mit der deutschen Botschaft in Warschau in Kontakt. Erst vor Ort werde dann koordiniert, wo genau die Hilfe der Ihlower benötigt wird, sagt de Vries. Egal von wo aus genau, Ziel ist es, möglichst vielen hilfsbedürftigen Ukrainern nach Deutschland zu verhelfen. In den acht Fahrzeugen des Konvois finden 50 bis 60 Geflüchtete Platz.
Laut Angaben der Gemeinde Ihlow sind auf dem Spendenkonto bis Mittwochvormittag bereits rund 7500 Euro eingegangen. Die Summe hat sich demzufolge binnen weniger als 24 Stunden mehr als verdoppelt. Im Rathaus werden weiterhin Sachspenden entgegengenommen, um die Aufnahme der Geflüchteten vorzubereiten.