Hamburg
Seid Ihr gute Eltern? An diesen fünf Signalen könnt Ihr es erkennen
Patentrezepten für gute Erziehung solltet ihr misstrauen. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass ihr als Eltern einen guten Job macht.
In diesem Artikel erfährst Du:
Hast Du Dich auch schon mal gefragt, ob Du ein guter Vater oder eine gute Mutter bist? Und ob Du Dein Kind gut genug auf die Zukunft vorbereitest? Damit bist Du in guter Gesellschaft. Die heutige Elterngeneration gilt als besonders verunsichert. Kein Wunder: Kinder krempeln das Leben sowieso kräftig um. Nebenbei wollen Freundschaften und die Karriere gepflegt werden.
In einer Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse und Forsa (2019) gaben 40 Prozent der Mütter und Väter an, dauerhaft gestresst zu sein. 21 Prozent der Befragten führten das auf gesellschaftlichen Druck zurück, 50 Prozent auf die eigenen Ansprüche. Die Anstrengungen der Corona-Pandemie dürfte das Stressempfinden noch gesteigert haben. So wächst auch die Angst, etwas falsch zu machen.
Wichtige Erkenntnis: Ideale Eltern gibt es nicht
Zahlreiche Erziehungsratgeber versprechen verunsicherten Eltern endgültige Antworten und einfache Rezepte – doch die sind mit Vorsicht zu genießen. In vielen Punkten widersprechen sich die Konzepte und führen im Zweifelsfall zu noch mehr Verwirrung, warnen Psychologen. Von pauschalen Erziehungstipps raten sie eher ab. Aber was ist die Alternative, einfach alles laufen lassen?
Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert rät im Gespräch mit "Geo kompakt", sich zuerst von der Vorstellung zu verabschieden, eine ideale Mutter oder ein idealer Vater sein zu können. Ahnert ist Expertin für frühkindliche Bindung. Gerade frischgebackene Eltern könnten sich im ersten halben tatsächlich Jahr auf ein "quasi intuitives Elternprogramm" verlassen, sagt sie. Was bedeutet: Vertraue ruhig deinem Bauchgefühl.
Damit hast du natürlich keinen Freifahrtschein für völlige Sorglosigkeit – zumal sich dir mit steigendem Alter der Kinder komplexere Fragen stellen. Der beste Weg laut Psychologin Ahnert: Wissen über zentrale Entwicklungsschritte des Kindes aneignen und das Konzept der Bindung zwischen Kindern und ihren Eltern und Bezugspersonen berücksichtigen. Der Gedanke dahinter: Wer die Bedürfnisse seiner Kinder erkennt, kann angemessen reagieren.
Sich dauerhaft mit anderen Eltern zu vergleichen oder aktuelle Ratgebertrends gegeneinander abzuwägen, sei nicht zielführend. Die US-amerikanische, klinische Psychologin Nadene van der Linden spricht von einer Vergleichsfalle, in die viele Eltern tappen. Sie hat für das Magazin "Motherly" Merkmale für gute Elternschaft aufgeschrieben – mit engem Bezug zur Bindungstheorie.
Daraus abgeleitet sind diese fünf Anzeichen, mit denen Du ein Gefühl dafür kriegen kannst, ob Du Deinen Job richtig machst:
1. Dein Kind zeigt Emotionen und hat Gefühlausbrüche
Als gutes Zeichen gilt, wenn dein Kind dir seine ganze Bandbreite von Emotionen zeigt. Wenn es vor Freude lacht, vor Wut schreit oder traurig ist und heult. Das kann deine Nerven mächtig beanspruchen, zeigt aber, dass zwischen euch eine enge Bindung herrscht und die Kinder sich sicher und geborgen fühlen.
Wichtig zu wissen ist auch, dass Wutausbrüche eine völlig normale Form der Emotionsregulation bei Kindern sind. Das Wissen darüber kann helfen, sie zu ertragen, wie Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert sagt.
Verbergen Deine Kinder ihre Gefühle vor Dir, könnten "große Probleme in der Eltern-Kind-Beziehung" vorliegen. Gefühle des Kinders zu überspielen oder schnell abzulenken, hält sie für falsch. Stattdessen gilt: Gefühle ernst nehmen und zuhören. Das ist auch die Voraussetzung für den nächsten Punkt.
2. Dein Kind wendet sich mit Problemen zuerst an Dich
Wenn Dein Kind mit Problemen zuerst zu Dir kommt – egal ob große oder kleine Sorgen – steht die Beziehung auf einem soliden Grundgerüst. Es hat keine Angst vor Deiner Reaktion, Du bist der sichere Hafen.
Das erreichst Du laut Nadene van der Linden auch, indem Du Dich mit Wertungen und Kritik zurückhältst. Sie meint damit Zuschreibungen wie "böse", "gierig" oder "faul". Ihr konkretes Beispiel: Isst Dein Kind anderen alle Schokokekse weg, solltest Du Dein Kind nicht als "gierig" tadeln. Besser sei, es auf das Fehlverhalten hinzuweisen und es dazu anzuregen, den Fehler selbst wieder gut zu machen.
3. Du berücksichtigst Wünsche und Talente Deines Kindes
Feinfühlige Eltern erkennen die Bedürfnisse ihrer Kinder und unterstützen sie dabei, etwas aus eigener Kraft zu schaffen. Achte darauf, ob Du Erwartungen in Dein Kind projizierst – auch wenn es um Hobbys und Interessen geht. Lieselotte Ahnert warnt: In solchen Fälle erlebe sich das Kind "als ständig unvermögend und fremdbestimmt, statt sich auszuprobieren und eigene Ziele zu verfolgen". Loslassen ist ein wichtiger Teil der Bindung.
4. Du setzt aber Grenzen und überlässt Dein Kind nicht sich selbst
Nadene van der Linden hält es für ein gutes Zeichen, wenn Du Deinem Kind wohlüberlegte Grenzen setzt. Diese würden Dein Kind anleiten und verhindern, dass es sich verloren fühlt. Einfach alles laufen zu lassen und Dein Kind sich selbst zu überlassen, ist aus bedürfnisorientierter Sicht keine gute Idee. Denn erste die intensive Beschäftigung mit Deinem Kind gibt Aufschluss über seine Bedürfnisse – daraus lassen sich die richtigen Grenzen ableiten.
5. Du gestehst Fehler ein und versuchst, aus ihnen zu lernen
Auch gute Eltern machen Fehler – aber sie erkennen sie und geben sie gegenüber den Kindern zu. Es ist nicht schlimm, wenn Du mal die Geduld verlierst und dein Kind anschreist – wenn Du ihm hinterher erklärst, was los war. "Alle Eltern irren sich in gewissen Punkten, und wir können unsere Elternkompetenz nur dann steigern, wenn wir aus unseren Fehlern lernen", schreibt der Familientherapeut Jesper Juul dazu in einem Gastbeitrag für den "Focus".