Hamburg

Die Klitschkos in den Kriegswirren zwischen Hamburg und Kiew

Jakob Drechsler
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Von Jakob Drechsler
| 25.02.2022 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vitali und Natalia Klitschko Ende September in Kiew bei einem Gedenktag für die mehr als 33.000 jüdischen Opfer des Nazi-Massakers von Babyn Jar. Foto: Imago/ITAR-TASS
Vitali und Natalia Klitschko Ende September in Kiew bei einem Gedenktag für die mehr als 33.000 jüdischen Opfer des Nazi-Massakers von Babyn Jar. Foto: Imago/ITAR-TASS
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Vitali Klitschko erhält in Kiew Unterstützung von Bruder Wladimir, während Ehefrau Natalia in Hamburg den Geburtstag ohne ihren Liebsten begehen muss.

Als Boxer schlugen sie sich von Hamburg aus gemeinsam durch, nun kämpfen sie Seite an Seite für die Ukraine. Wladimir und Vitali Klitschko sind zwei der prägenden Gesichter im russischen Krieg gegen ihr Heimatland.

Vitali als Bürgermeister von Kiew und möglicher kommender Staatspräsident. Und Wladimir, der seinem älteren Bruder zur Unterstützung längst in die umkämpfte Hauptstadt gefolgt ist, als Botschafter seines Volks und Mittelsmann nach Deutschland.

Mit Beginn der russischen Invasion hat der 45-Jährige seine selbst auferlegte öffentliche Zurückhaltung aufgegeben. „Dies ist ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht“ sagt Wladimir Klitschko nun. „Und, wenn Sie genau hinhören, spricht dieser Krieg auch von Europa und damit auch von Deutschland.“

Deshalb appelliert er an die Menschen in seiner Wahlheimat, den Protest auf die Straße zu tragen: „Verschaffen Sie sich Gehör! Verschaffen Sie der Stimme der Demokratie Gehör!“

Seine privaten Geschäfte und Projekte, die von einer eigenen GmbH mit Sitz im Hamburger Stadtteil Ottensen gesteuert werden, stellt Wladimir Klitschko bis auf Weiteres hintan.

„Wir müssen uns zusammenschließen, um die Aggression zu stoppen, um einen Krieg zu beenden, in dem es keine Sieger geben wird“, betont er in einer gemeinsamen Stellungnahme mit seinem Bruder. Der wiederum ist unter anderem auch darum bemüht, seinen Bürgern Zuversicht zu vermitteln.

„Die wichtigsten städtischen Dienstleistungen funktionieren reibungslos“, versichert Kiews Stadtoberhaupt. Um Strom, warmes Wasser und Heizung müsse sich keiner der 2,8 Millionen Einwohner sorgen. In pausenlosem Einsatz macht sich Vitali Klitschko ein Bild der Lage, die er in Wort und Bild umgehend weitervermittelt.

In seinen Ansprachen wirkt der 50-Jährige zwar weiter entschlossen wie zu erfolgreichen Zeiten im Ring. Aber auch deutlich vernehmbare Schnaufer scheut der 13-fache Schwergewichts-Weltmeister nicht.

Während der Familienmensch durch die Anwesenheit seines Bruders neue Kraft schöpfen kann, wird er auf seine Ehefrau wohl auf unbestimmte Zeit verzichten müssen.

Ihren 48. Geburtstag begeht Natalia am Sonnabend rund 1600 Kilometer weiter westwärts im gemeinsamen Haus im noblen Hamburger Vorort Othmarschen ohne ihren Liebsten.

Eine Beziehung auf Distanz ist das seit 26 Jahren verheiratete Paar spätestens seit Vitalis Bürgermeisterwahl im Mai 2014 gewohnt. 2011 wurde das Paar in Hamburg zum „Couple of the Year“ gekürt. Umhauen kann die beiden auch bis heute kaum etwas.

Im Gegenteil: Während der Maidan-Revolution unterstützte Natalia Klitschko ihren Mann 2013 mit einem spontan vorgetragenen ukrainischen Volkslied.

Ein Jahr später folgte ihr Debütalbum als Sängerin, auf dem sie mit russischen und ukrainischen Songs einen Beitrag zur Verständigung leisten wollte. „Wir sind doch eigentlich ein Volk“, sagte Natalia Klitschko damals.

Im Krieg gelten die Gedanken des ehemaligen Models nun aber in erster Linie den Streitkräften ihres Heimatlandes. In den sozialen Netzwerken teilt Natalia Klitschko einen Spendenaufruf für die ukrainische Armee.

Noch wichtiger ist der dreifachen Mutter – alle Kinder gingen in Hamburg zur Schule – am Ende aber doch wieder eine pazifistische Botschaft. „Bitte beten Sie mit mir für den Frieden in meinem Land und in der ganzen Welt!“, schreibt sie von Hamburg aus auf Instagram.

„Wir müssen durchhalten!“, erklärt ihr Ehemann parallel in Kiew. Und Schwager Wladimir beschwört den Schulterschluss der Weltgemeinschaft: „Gemeinsam sind wir am stärksten! Bitte unterstützen Sie die Ukraine!“

Auf den familiären Zusammenhalt werden die Klitschkos in jedem Fall weiter zählen können. Mitunter ermutigt Natalia Klitschko ihren Vitali mit einem ukrainischen Volkslied. „Er mag meine Stimme sehr gerne, auch wenn es nur am Telefon ist“, sagte sie einmal.

Möglich, dass sich Vitali Klitschko am Wochenende zwischen den Kriegswirren mit einem Geburtstagsständchen revanchiert.

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