Osnabrück

Jens Peters im Ledenhof: Neue Formate für die Literatur in Osnabrück

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 25.02.2022 11:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Jens Peters ist neuer Leiter des Literaturbüros Westniedersachsen und hat sein Büro im Ledenhof. Foto: Michael Gründel Foto: Michael Gründel
Jens Peters ist neuer Leiter des Literaturbüros Westniedersachsen und hat sein Büro im Ledenhof. Foto: Michael Gründel Foto: Michael Gründel
Artikel teilen:

„Ich möchte weg von einem nur elitär besetzten Kulturbegriff“: Jens Peters hat gerade die Leitung des Literaturbüros Westniedersachsen in Osnabrück übernommen. Im Interview sagt er, wie er Literatur an neue Publikumsschichten bringen will - und für welches literarische Genre sein Herz besonders schlägt.

Frage: Sie sind der neue Leiter des Literaturbüros Westniedersachsen. Sind Sie schon angekommen an Ihrem neuen Dienstsitz, dem Ledenhof?

Frage: Ich bin gut angekommen. Meine Vorgängerin, Beatrice le Coutre-Bick hat mich intensiv eingearbeitet und mir alles wohlgeordnet übergeben. Wir kennen und schätzen uns sehr. Auf diesem Hintergrund kann ich sehr gut überlegen, wie ich diese Aufgabe fortführen und wo ich neue Akzente setzen möchte. Ich fühle mich schon ganz zu Hause. Die Stadt kenne ich ohnehin aus meinen Jahren am Theater Osnabrück sehr gut.

Frage: Am Theater Osnabrück waren Sie leitender Dramaturg, jetzt leiten Sie das Literaturbüro. Was verbindet diese beiden Tätigkeiten?

Frage: Die Literatur. Und der Umgang mit Formaten der Vermittlung. Es geht darum, wie Literatur inszeniert und vermittelt wird. Das Theater bietet eine dieser Formen für die dramatische Literatur. Wir haben ja auch immer wieder Romane für die Bühne adaptiert, zum Beispiel „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq. Das kommt mir jetzt zu Gute, weil es darum geht, aus der aktuellen Literatur eine Auswahl zu treffen und sie hier zu präsentieren. Die Formen der Präsentation sind immer auch theatral.

Frage: Welche Kontakte hatten Sie in Ihrer Zeit als Dramaturg mit der Osnabrücker Literaturszene?

Frage: Ja, durchaus. Ich habe das Schaffen von Autoren verfolgt, die nach Osnabrück gekommen sind. Zu ihnen gehört John von Düffel, ein Grenzgänger der Medien. Jetzt lerne ich vor allem die Autorinnen und Autoren aus Osnabrück selbst besser kennen. Es gibt unter ihnen erstaunlich viele Krimi-Autoren.

Frage: Wie nehmen Sie die Osnabrücker Literaturszene wahr?

Frage: Es ist auf jeden Fall eine sehr rege Szene. Da gibt es zum Beispiel das Schaufenster in einem Laden in der Dielinger Straße, das Osnabrücker Autoren gestaltet haben. Das ist eine gute Aktion. Es gibt Kooperationen mit der Volkshochschule, die ich sehr gelungen finde. Das würde ich gern fortsetzen. Ich habe mir jetzt vorgenommen, zu der Lesung von Cornelia Achenbach in der Buchhandlung Wenner zu gehen. Ich arbeite mich aber auch noch mehr ein. Ich bin gespannt auf die Menschen, die ich dabei kennenlernen werde, aber auch auf die Genres und Themen ihrer Literatur.

Frage: Hat die Osnabrücker Literaturszene aus Ihrer Sicht auch Defizite?

Frage: Mir fehlt bislang ein wenig die Lyrik. Ich möchte mich für dieses Genre der Literatur besonders einsetzen. Lyrik erlebt aktuell ja gerade eine Renaissance, gerade im englischen und amerikanischen Bereich.

Frage: Aber nicht nur wegen Amanda Gorman…

Frage: Nein, nicht nur. Sie ist eher Ergebnis als Impuls dieser Bewegung. Ich finde es gut, dass wieder mehr über Lyrik gesprochen wird, auch in Deutschland. Nehmen Sie Jan Wagner, der den Leipziger Buchpreis gewonnen hat. Gedichte sind wieder populär. In dieser Richtung habe ich in Osnabrück noch nicht so viele Aktivitäten wahrgenommen.

Frage: Sie sollen Literatur in Stadt und Region fördern. Wie verstehen Sie ihre Rolle?

Frage: Ich möchte drei Aspekte herausstellen. Ich möchte erstens Literatur in der Region herausstellen und präsent halten. Das Engagement für LiteraTour Nord ist da schon ein gutes Beispiel, auch in der Kooperation mit der Universität Osnabrück und der Buchhandlung Zur Heide. Ich möchte bekannte Autoren nach Osnabrück bringen und sie mit dem Publikum in Kontakt bringen. Ich möchte auch neue Formate der Literaturvermittlung anbieten. Ich freue mich in diesem Zusammenhang über die tollen Angebote der Osnabrücker Buchhandlungen oder über die lokale Initiative der Leserampe im Unikeller. All dem möchte ich keine Konkurrenz machen.

Frage: Und die anderen Punkte?

Frage: Ich verstehe das Literaturbüro auch als Anlaufstelle. Wir können Osnabrücker Autorinnen und Autoren beraten, ihnen Anlaufstellen benennen oder sie auf Förderprogramme hinweisen. Ich lese auch gern Texte und gebe Rückmeldungen. Es geht mir um eine Orientierungshilfe für regionale Autoren. Schließlich möchte ich mit Veranstaltungen auch in die Stadt und den Landkreis hinausgehen und dabei unterschiedliche Orte bespielen. Ich denke performativ und glaube, dass das der Literatur guttut. Ich möchte den richtigen Ort für die richtige Literatur und das richtige Format finden.

Frage: Und für richtige Publikum, nicht?

Frage: Genau. Publikum kann auch über neue Orte gewonnen werden. Es geht mir um jene Leute, die vielleicht nicht in den Ledenhof kommen. Es wäre gut, wenn es gelingen könnte, über neue Orte auch ein neues Publikum anzusprechen, das dann beim nächsten Mal auch in den Ledenhof kommt.

Frage: Was ist für Sie Literatur – nur das, was zwischen zwei Buchdeckel passt?

Frage: Nein, nehmen Sie nur die digitale Literatur, die gerade sehr viel Aufmerksamkeit hat. Ich habe einen weiten Begriff von Literatur. Ich möchte weg von einem nur elitär besetzten Kulturbegriff. Es geht nicht nur um Goethe und Schiller. Das will ich aufmischen. Das heißt nicht, dass man anspruchsvolle Literatur nicht anbietet, aber ich möchte Formate finden, die auch andere Positionen vermitteln. Ich schaue auch auf digitale Formate.

Frage: Denken Sie bereits an neue Formate, die Sie einführen möchten?

Frage: Auf jeden Fall. Was die Digitalität des Literaturbüros angeht, ist einiges zu tun. Da möchte ich viel verändern. Ich möchte eine eigene Homepage haben, um das Literaturbüro besser darstellen zu können. Auch die Präsenz in den sozialen Netzwerken soll sichtbarer werden. Mir liegt viel an der Insta-Poetry, also an Lyrik auf Instagram. Dabei geht es um kurze Texte. Dieses Format möchte ich mit bespielen. Ein anderer Bereich, den Beatrice le Coutre-Bick und ich mit den Voices of Wales bereits begonnen habe, ist der Blick auf internationale Literatur. Digitale Formate schaffen da besondere Möglichkeiten. Ich denke zum Beispiel an Lesungen mit Autoren aus Mozambique, die nicht nach Deutschland kommen müssten, um dem Publikum zu begegnen.

Frage: Mit welchen Institutionen und Akteuren möchten Sie in Osnabrück vor allem kooperieren?

Frage: Ich habe gleich meine Kontakte mit dem Theater wiederaufgenommen. Ich bin auch mit der neuen Leitung der Kunsthalle im Gespräch, weil sie performative Formate nach vorn bringen will. Das Gleiche gilt für die Volkshochschule und die Buchhandlungen. So habe ich gerade ein Gespräch mit der neuen Inhaberin der Altstädter Bücherstuben geführt. Ich bin immer gut damit gefahren, Akteure in der Stadt auch ausgehend von Projekten anzusprechen.

Frage: Denken Sie auch daran, im Hinblick auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, sich für Autoren aus der Ukraine zu öffnen?

Frage: Ja, unbedingt. Literatur kann auch ein zeitgenössischer politischer Kommentar sein. Bei mir zu Hause habe ich einen ganzen Stapel aktueller Bücher aus der Ukraine. Ich spreche jetzt mit einer Übersetzerin, die aus dem Ukrainischen übersetzt.

Frage: Wir haben über Akteure und Institutionen gesprochen. Wie sieht es mit dem Publikum aus? Welches Publikum möchten Sie ansprechen?

Frage: Ich erlebe das Publikum in Osnabrück als sehr aufgeschlossen und interessiert. Deshalb fühle ich mich hier auch sehr wohl. Die Leute diskutieren gern und kommen zur nächsten Veranstaltung wieder. Die traditionelle Lesung hat ihre volle Berechtigung, weil sie die Möglichkeit bietet, Autoren zu begegnen. Ich möchte aber auch andere Menschen über andere Vermittlungsformen ansprechen. Die klassische Lesung kann auch sehr abgeschlossen wirken. Andere Orte und Vermittlungsformen können daran einiges ändern. Warum nicht einmal mit Schauspielern zusammenarbeiten? Ich denke auch an interaktive Formate, zum Beispiel Spielelemente. Der ganze Kulturbereich ist herausgefordert, sein Publikum zurückzugewinnen. Manche Leute haben sich in der Pandemie auch zu Hause eingerichtet und kommen nicht mehr. Ich möchte neues Publikum ansprechen und auch die nächste Generation für Literatur gewinnen. Das soll auch über aktuelle Themen gehen.

Frage: Auch Studierende?

Frage: Ja, unbedingt, die kommen viel zu selten zu unseren Veranstaltungen. Studierende haben sich über die digitale Lehre daran gewöhnt, eher daheim bei den Eltern zu bleiben. LiteraTour Nord kann da weiterhelfen, auch durch Kooperationen mit der Universität. Warum sollten wir da nicht auch Orte für Veranstaltungen finden? Ich möchte die Studierenden auf jeden Fall besser erreichen.

Ähnliche Artikel