Hamburg

Was Eltern über den Penis ihrer Babys und Kinder wissen sollten

Marian Schäfer
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Von Marian Schäfer
| 25.02.2022 10:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Penis, das unbekannte Wesen Foto: dpa / Felix Kästle
Der Penis, das unbekannte Wesen Foto: dpa / Felix Kästle
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Die Entwicklung der Genitalien gehört zu den wohl spannendsten Aspekten in der Natur. Viele Eltern von neugeborenen Jungen verunsichert die verklebte Vorhaut des Penis allerdings. Und selbst unter Ärzten herrscht viel Unwissen - mit Folgen.

Das Aussehen und die Pflege des Penis von Jungen ist ein großes Thema. Vor allem scheint die Vorhautverklebung viele Mütter und Väter zu beschäftigen. Wer auf der Internet-Plattform „Reddit“ einmal nach „Verklebung“ und „Vorhaut“ sucht, stößt zum Beispiel auf diesen Beitrag eines Vaters:

Der Post zeigt beispielhaft, in welcher Situation sich viele Eltern von kleinen Jungen wiederfinden: Der Arzt stellt dem Vater eine Frage, die eigentlich nur er selbst beantworten kann – und nie stellen dürfte. Denn das scheinbar grundlose Zurückstreifen der Vorhaut in diesem Alter verstößt gegen die medizinische Leitlinie zum Umgang mit Verengungen und Verklebungen der Vorhaut. Es ist, wie man so schön sagt, gegen die Regeln der Kunst.

Nun scheint der Vater dem nicht zugestimmt zu haben. Aber nur, weil er „über Ecken“ gehört hat, dass man das nicht mehr macht. Sicher scheint er sich offensichtlich nicht.

Für Mediziner, die sich für die Gesundheit von Jungen einsetzen, steht die Szene für ein großes Problem: Eltern mit ungesichertem Wissen treffen auf Ärzte, die es selbst nicht gut genug wissen oder einer Meinung anhängen, die nicht dem wissenschaftlichen Stand entspricht. Der Penis, das unbekannte Wesen.

Dabei kann die Penis-Gesundheit enorme Folgen für die Jungen- und spätere Männergesundheit haben. Doch warum ist das so? Und wieso ist die Vorhautverklebung ein so großes Thema?

Gehen wir bis zu dem Punkt zurück, an dem ein Kind entsteht: Dringt nach dem Geschlechtsverkehr ein Spermium des Mannes in die Eizelle der Frau ein, spricht man von Befruchtung. Die befruchtete Eizelle nistet sich dann in der Gebärmutter ein und entwickelt sich dort zum sogenannten Embryo. Mit der Zeit entstehen in ihm verschiedene Zellschichten, die als Keimblätter bezeichnet werden. Daraus entwickeln sich anschließend unterschiedliche Strukturen: Aus dem einen Keimblatt bilden sich zum Beispiel die Haut und das Nervensystem, aus dem anderen beispielsweise der Darm und andere innenliegende Organe.

Die Vorhaut gehört zu den Körperregionen oder Körperteilen, die sich aus gleich zwei Keimblättern formt. Sie ist eine Art Zwitter, irgendetwas zwischen Schleimhaut und Haut - ähnlich den kleinen Schamlippen bei Mädchen und Frauen. Und sie besteht selbst wieder aus einer Vielzahl unterschiedlicher Strukturen: aus Schleimhaut, Nervenfasern, Sinnes- und Muskelzellen, Bindegewebe und natürlich auch aus normaler, haarloser Haut.

Die Vorhaut ist sehr gut durchblutet und extrem sensibel, viel sensibler als die Eichel. Beim Geschlechtsverkehr liefert die Eichel deshalb die eher dumpfen Grundtöne, während die Vorhaut für die Lustspitzen sorgt. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn es gleich um die Folgen falscher Handhabung geht.

Vor allem aber: In der embryonalen Entwicklung sind die Schleimhaut der Vorhaut und das Gewebe der Eichel eins. Das ist der Grund dafür, dass bei nahezu allen neugeborenen Jungen beides fest miteinander verbunden ist.

Wann sich Vorhautverklebungen lösen

Wann sich daran etwas ändert, ist höchst unterschiedlich. „Im Alter von sieben Jahren kann die Vorhaut bei etwa der Hälfte der Jungen wenigstens weitgehend zurückgestreift werden“, erklärt der Urologe Wolfgang Bühmann. Auch bei Zehnjährigen sei dies noch bei etwa einem Drittel nicht möglich und bei 13-Jährigen sei noch bei rund zehn Prozent der Jungen mit einer entwicklungsbedingten Vorhautenge zu rechnen. Für Bühmann ist das kein Problem: „Wichtig ist, dass es bis zum ersten Geschlechtsverkehr klappt.“

Den hat die Mehrheit der Jungen mit ungefähr fünfzehn Jahren. Bis dahin greifen Ärzte dann in aller Regel zu einer speziellen Cortisonsalbe, wodurch sich die Verklebung in den meisten Fällen auflöst. Dass sie bestehen bleibt und damit wirklich „krankhaft“ ist, ist höchst selten: Eine echte „Phimose“, wie die Vorhautverengung genannt wird, haben nur zwischen 0,6 und 1,5 Prozent der Jungen.

Warum aber scheint es dennoch Ärzte zu geben, die schon bei Kleinkindern anfangen, an der Vorhaut herumzuzuppeln und zu ziehen?

Das liegt vermutlich daran, wie lange manchmal altes Wissen in der Medizin fortlebt: Die Ansicht, die entwicklungsbedingte Vorhautverklebung müsse sich bis zum zweiten, dritten Lebensjahr lösen, geht letztlich wohl auf Untersuchungen von Douglas Gairdner zurück. In einer Studie, die 1949 erschien („The fate of the foreskine“), untersuchte Gairdner 100 Neugeborene und 200 Jungen bis fünf Jahre. Er stellte fest, dass nur bei rund zehn Prozent der Dreijährigen die Vorhaut nicht zurückstreifbar sei - und empfahl, sie ab diesem Alter zu lösen.

Obwohl einige andere, davon abweichende Untersuchungen folgten, fanden sich Gairdners Ansichten noch jahrzehntelang in den Standardwerken der Medizin. „Die Meinung, die Vorhaut müsse sich bis zum dritten Geburtstag lösen, herrscht noch bei vielen Ärzten vor“, sagt Wolfgang Bühmann.

Mütter und Väter irritiert mitunter, wenn zwischen Eichel und Vorhaut eine gelblich-weiße Masse austritt. Nicht wenige halten dies für ein Zeichen mangelnder Hygiene. Dabei handelt es sich um sogenanntes Smegma, das aus Talgdrüsensekret und Abbauprodukten der Schleimhautzellen in der Vorhaut besteht. Es ist vollkommen normal, ungefährlich und dem Prozess der Ablösung wahrscheinlich sogar dienlich. Denn es finden sich Stoffe im Smegma, die auch in den Salben eingesetzt werden, mit denen Ärzte probieren, Verklebungen bei Jugendlichen zu lösen.

Eltern aber verunsichert das mitunter, weil sie meinen, dass sich unter der Vorhaut Keime sammeln, an die sie bei der Reinigung nicht gelangen. Urologe Bühmann kann beruhigen: „Die Vorhaut schützt sogar.“ Auch wegen des Smegmas aber ist natürlich eine gute Penishygiene wichtig, damit die Vorhaut nicht verklebt oder sich entzündet. Mehr als lauwarmes Wasser braucht es dafür aber nicht: Einmal täglich reinigen Eltern damit das Genital und ziehen die Vorhaut dabei nur so weit zurück, wie es geht. Vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte gibt es dazu auch eine Broschüre.

Eine unzureichende Hygiene kann genauso wie übertriebene Hygiene zu Entzündungen an Eichel und Vorhaut führen. Dadurch kann die Vorhaut vernarben und eine bleibende Verengung die Folge sein. Besonders gilt das für Versuche, die Vorhaut zurückzustreifen.

Die Folgen können immens sein. „Für die Kinder ist das gewaltsame Zurückstreifen sehr schmerzhaft“, sagt Wolfgang Bühmann. Zudem führen die Risse oft zu Entzündungen und es kommt zu Vernarbungen. Bleibt die Vorhaut verengt, muss sie schlimmstenfalls sogar in Teilen oder gänzlich entfernt werden. Mit der Beschneidung verlieren die Jungen dann eine ihrer sensibelsten und erogensten Stellen.

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