Osnabrück

Putins Sicht auf die Geschichte – und was Historiker dazu sagen

Stella Bluemke
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Von Stella Bluemke
| 24.02.2022 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Putin spielt sich seit drei Jahren zunehmend als Geschichts- und Weltdeuter auf und verbreitet wirre historische Erklärungen“, der Osteuropa-Historiker Klaus Gestwa findet klare Worte für Putins Aussagen. Foto: dpa/Sputnik/Aleksey Nikolskyi
„Putin spielt sich seit drei Jahren zunehmend als Geschichts- und Weltdeuter auf und verbreitet wirre historische Erklärungen“, der Osteuropa-Historiker Klaus Gestwa findet klare Worte für Putins Aussagen. Foto: dpa/Sputnik/Aleksey Nikolskyi
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Russlands Präsident Waldimir Putin hat den Krieg in der Ukraine auch mit verschiedenen historischen Aussagen begründet. Was sagen Historiker dazu?

Die Ukraine existiere nur dank Russland, führte Putin in einer Fernsehansprache an. Er weist dabei daraufhin, dass der kommunistischen Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin vor mehr als 100 Jahren die Grenzen gezogen habe. Lenin sei Architekt der Ukraine. Zudem erkennt er in einer fast einstündigen Rede die „Volksrepubliken Luhansk und Donezk“ als unabhängige Staaten an. Der Ukraine-Konflikt geht damit in die nächste Runde.

„Putin spielt sich seit drei Jahren zunehmend als Geschichts- und Weltdeuter auf und verbreitet wirre historische Erklärungen“, so Klaus Gestwa, Professor für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen. Seiner Meinung nach will Putin damit seine Kriegsambitionen kaschieren. Dem stimmt der Historiker Karl Schlögel zu. Er sagte dem Deutschlandfunk: „Er will die Russen darauf einstimmen, dass das, was im Donbass geschieht, mit rechten Dingen und guten Gründen betrieben wird.“ Putin erzähle ein einseitiges Geschichtsbild und stelle die Darstellung der Wirklichkeit auf den Kopf.

Schlögel beschreibt Putins Rede im Deutschlandfunk als oberlehrerhaft, aber auch als leidenschaftlich und intensiv. Man könne glauben, dass er selbst von seinen Geschichten überzeugt sei, sagt er. Er empfiehlt, sich die Rede anzuhören, aber nicht aufgrund des Inhalts, sondern Putins Vortragsweise.

Laut Tanja Penter, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg, handelt es sich bei Putins Aussagen um Halbwahrheiten, die er schon in der Vergangenheit angeführt habe. „Es ist richtig, dass die junge Sowjetregierung unter Lenin die Existenz einer ukrainischen Nation anerkannte, die Grenzen der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik festlegte und in der sogenannten korenisacija-Politik der 1920er Jahre die ukrainische Sprache und Kultur förderte.“

Dabei verschweige Putin aber, dass Lenin mit seiner Politik lediglich auf die Entwicklungen in der Ukraine reagiert habe. Seit der frühen Neuzeit habe die Ukraine die Unabhängigkeit angestrebt. „In der ukrainischen Erinnerung stehen das Revolutionsjahr 1917 und der folgende Bürgerkrieg vor allem für eine nationale Revolution und den Versuch einer ukrainischen Staatsgründung“, so Penter. Mehrfache Versuche seien gescheitert. Darauf habe sich Lenin in seiner Politik bezogen, um die Ukrainer für das sowjetische Projekt zu gewinnen.

Entstanden ist die heutige Ukraine 1991 aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die ein Bestandteil der Sowjetunion war, so Penter. Über die Unabhängigkeit der Ukraine entschied 1991 ein Referendum, dabei sprachen sich 90 Prozent der Abstimmenden für die Unabhängigkeit aus. Kurz darauf löste sich die Sowjetunion auf.

Zuvor waren die Grenzen nach der Gründung der Sowjetunion 1922 bereits zwei Mal verändert worden. Unter Stalin wurden die heutigen westukrainischen Gebiete an die Ukraine angeschlossen. Zudem seien „1954 die Halbinsel Krim unter Nikita Chruschtschow in die Ukrainische Sowjetunion eingegliedert“ worden. Das „Geschenk“ zielte laut Penter darauf ab, die Ukrainer stärker an Russland zu binden.

Putin bezeichnete Russen und Ukrainer immer wieder als ein Volk, zum Ärger Kiews. „Zweifellos existierte zwischen Ukrainern und Russen über Jahrhunderte eine gewisse Nähe in Sprache, Kultur und Religion“, äußert sich Penter. Bis 2013 seien die interethnischen Beziehungen weitgehend konfliktfrei verlaufen. Ein gewisses Ungleichgewicht habe jedoch bestanden, da im Selbstverständnis vieler Russen, die Ukrainer den Part des unmündigen „kleinen Bruders“ zu spielen hatten. In einem Punkt sind sich die befragten Historiker einig: Putins Äußerungen machen deutlich, dass er die Eigenständigkeit der Ukraine nicht akzeptieren will. Dass seine Äußerungen nicht neu sind, zeigt der im vergangenen Sommer veröffentlichte Aufsatz „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“.

„Putin zeigte sich in seiner Rede emotional bewegt über die Zunahme von russophoben Tendenzen in der Ukraine, die er auf eine anti-russische Verschwörung des Westens zurückführt“, so Penter. Er scheine dabei zu vergesse, dass diese erst aufgrund seiner aggressiven Politik gegenüber der Ukraine seit 2013 und 2014 stark zugenommen haben, führt sie an. Er habe selbst die Abgrenzung der Ukrainer von Russland gefördert.

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