Hamburg
Tausende Kinder werden in Deutschland grundlos beschnitten
Es wird noch immer bei Tausenden Jungen pro Jahr die Vorhaut entfernt – in den meisten Fällen erfolgt die Beschneidung ohne medizinischen Grund. Die Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit können fatal sein.
28.810. So viele Beschneidungen führten Ärzte im Jahr 2020 bei Jungen im Alter bis 15 Jahre durch und trennten ihnen ambulant die Vorhaut ab. Hinzu kamen noch einmal 3412 Jungen bis 15 Jahre, die dafür im Krankenhaus behandelt worden sind. Die meisten Beschneidungen fanden bis zum Grundschulalter statt. Das geht aus Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie aus Daten des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus hervor. Zusammengefasst wurden also etwas mehr als 32.000 Jungen und Jugendliche im Jahr 2020 ambulant oder stationär beschnitten.
Ärzte sehen die Zahlen kritisch: „Als medizinisch gerechtfertigt dürften die wenigsten der im Jahr 2020 vorgenommenen Eingriffe gelten“, sagt zum Beispiel der Kindermediziner Christoph Kupferschmid, der seit Jahren für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Empfehlungen dafür erarbeitet, wann Jungen beschnitten werden sollten und wann nicht. Was der Kinderarzt meint: Eingriffe, die gegenüber Krankenkassen abgerechnet werden, müssen medizinisch notwendig sein.
Laut einer aktuellen medizinischen Leitlinie ist dies bei einer krankhaften Vorhautverengung der Fall. Eine sogenannte „Primäre Phimose“ aber tritt nur bei 0,6 bis 1,5 Prozent der Jungen auf. Hinzu kommen noch Fälle mit „Sekundärer Phimose“, die vor allem durch die Hauterkrankung „Lichen sclerosus“ entstehen. Diese seltene Autoimmunerkrankung betrifft zwischen 0,3 und 0,6 Prozent der Jungen. „Bei angenommen 360.000 Jungen, die pro Jahr auf die Welt kommen, würde man etwa 7000 medizinisch indizierte Beschneidungen erwarten - und das wäre großzügig gerechnet“, so Kupferschmid.
Was also steckt hinter den Zahlen? Wer sich mit dieser Frage beschäftigt, betritt ein Minenfeld. Denn hinter einem Teil der Beschneidungen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, stehen mutmaßlich religiös motivierte Eingriffe und damit Tausende Fälle von Abrechnungsbetrug. „Für mich steht außer Frage, dass es sich bei vielen der Phimose-Diagnosen um Schein-Diagnosen handelt“, sagt Kupferschmid. „Aber wer das einem Arzt unterstellt, riskiert, verklagt zu werden.“
Tatsächlich ist die Situation paradox: Im Jahr 2012 wertete das Landgericht Köln medizinisch nicht notwendige Beschneidungen als Körperverletzung. Hintergrund war eine religiös motivierte Beschneidung, die zu Komplikationen führte. Den damals vierjährigen Jungen führten schwere Nachblutungen in eine Klinik. Die Ärzte dort schalteten die Staatsanwaltschaft ein.
Vor allem auf Drängen der muslimischen und jüdischen Gemeinden, erweiterte die damalige Bundesregierung das Bürgerliche Gesetzbuch um den Paragraphen zur „Beschneidung des männlichen Kindes“. Seit ziemlich genau zehn Jahren haben Eltern nun also ganz offiziell das Recht, diesen Eingriff bei ihren Kindern vornehmen zu lassen, selbst wenn er medizinisch nicht gerechtfertigt ist.
Laut Gesetz braucht es dafür nicht einmal einen Arzt, wenngleich die Beschneidung nach „den Regeln der ärztlichen Kunst“ erfolgen soll. Das ist ein Widerspruch, denn die „ärztliche Kunst“ gebietet es zum Beispiel, dass eine Vollnarkose gemacht wird. Und die kann nur ein Arzt setzen.
Eltern bleiben damit nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie lassen den Eingriff auf private Rechnung machen oder sie finden Ärzte, die eine Gefälligkeitsdiagnose stellen und sich damit rechtswidrig verhalten. Das gilt natürlich für religiös genauso wie für anderweitig motivierte Beschneidungen, von denen es ebenfalls einige geben wird.
Die offiziellen Statistiken verraten darüber nichts. Jedoch schätzen Experten wie Christoph Kupferschmid, dass gut 70 Prozent der Menschen mit muslimischem Hintergrund hierzulande beschnitten werden. Denn auch unter Muslimen gibt es Jungen, die nicht beschnitten werden, zudem erfolgen manche Beschneidungen nicht in Deutschland. Da Muslime einen Anteil von rund sieben Prozent an der Bevölkerung ausmachen, blieben von den 32.000 Fällen im Jahr 2020 rein rechnerisch gut 14.000 Eingriffe übrig. Zwar werden auch jüdische Kinder beschnitten, deren Zahl fällt im Vergleich aber wohl kaum ins Gewicht.
Dementsprechend bliebe eine große Zahl von Eingriffen, die nicht religiös motiviert sind, sondern gemacht werden, weil Eltern (oder deren Ärzte) dies zum Beispiel für hygienisch und als einen Schutz vor Infektionskrankheiten oder sogar Krebs halten.
Dabei scheint - Beispiel Peniskrebs - das Vorhandensein einer gesunden Vorhaut das Risiko sogar zu senken. Oder das Thema Aids, das von Befürwortern oft angeführt wird: Tatsächlich scheint die Schleimhaut der Vorhaut Zellen zu enthalten, die das HI-Virus befallen kann. Einen Effekt zeigen Beschneidungen aber nur dort, wo die Durchseuchungsrate extrem hoch ist. Deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation Beschneidungen zwar – aber nicht generell, sondern nur bei Erwachsenen in bestimmten afrikanischen Gebieten. Und immer mit Verweis auf die Verwendung von Kondomen als die wohl beste präventive Maßnahme - weit vor der Beschneidung.
Für Kritiker wie Christoph Kupferschmid sind Beschneidungen ohne medizinische Indikation grundsätzlich ein Problem: „Wir Ärzte sind verpflichtet, zuallererst Schaden vom Patienten abzuwenden“, sagt er. Grundlos eine intakte Vorhaut zu entfernen, widerspräche diesem Gebot. Schließlich könnten mit einer Beschneidung eine Vielzahl von Nebenwirkungen verknüpft sein.
In der Tat ist schon die Liste möglicher körperlicher Folgen lang. Selbst in einem qualifizierten chirurgischen Zentrum liegt die Komplikationsrate laut aktueller Studienlage bei mehr als fünf Prozent. Probleme bereiten besonders Nachblutungen, Wundinfektionen sowie Penisverkrümmungen, wenn übrigbleibende Hautschichten falsch zusammengenäht werden. In zehn Prozent der Fälle (im Neugeborenenalter sind es sogar bis zu 20 Prozent) kommt es zudem zu einer Verengung der äußeren Harnröhrenöffnung. Schmerzen beim Wasserlassen und häufige Infektionen können eine Folge davon sein.
Aber auch psychosozial können Beschneidungen Jungen und Männern zu schaffen machen. Allein schon deshalb, weil ihnen mit der Vorhaut eine der erogensten Körperzonen fehlt: „Beschnittene Männer – übrigens auch ihre Partnerinnen - berichten in epidemiologischen Untersuchungen davon, dass der Geschlechtsverkehr mühsamer und es schwieriger wird, sexuelle Befriedigung zu erlangen“, sagt der Psychoanalytiker Matthias Franz von der Universitätsklinik Düsseldorf. „Das kann auch Auswirkungen auf die Paarintimität und damit auf das Bindungs- und Beziehungsverhalten haben und könnte die in einigen Untersuchungen beschriebene Tendenz beschnittener Männer zu häufigerem Partnerwechsel vielleicht zum Teil erklären.“
Matthias Franz gehört wie Kupferschmid zu den Kritikern der medizinisch nicht indizierten Jungenbeschneidung: „Es gibt aus ärztlicher Sicht keinen Grund, einem gesunden Jungen seine gesunde Vorhaut abzuschneiden“, sagt er. Besonders kritisch sei es, wenn dies im Alter von vier, fünf Jahren passiere: „In dieser Phase wenden sich Jungs ihrem Genital intensiver zu, sie entdecken Geschlechterunterschiede und es festigt sich ihre psychosexuelle Identität.“ Wenn in dieser Entwicklungsphase das Genital verletzt würde, könne diese Entwicklung schwer irritiert werden. „Kindertherapeuten beschreiben in diesem Zusammenhang kindliche Verhaltensauffälligkeiten wie Einnässen, sozialen Rückzug, Ängste oder Vertrauensverluste“, so Franz.
Wie traumatisierend der Eingriff sein kann, untersuchte der Psychoanalytiker zuletzt in einer Experimentalstudie, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht worden sind. In der Untersuchung, an der eine Gruppe mit 64 in der Kindheit beschnittene sowie 79 nicht beschnittene Männer teilnahmen, wurden den Teilnehmern Bilder gezeigt. Einmal waren es Landschaftsaufnahmen, einmal Tierbilder und einmal Gewaltbilder aus drei Kategorien: Opfer krimineller Gewalt, Operationen (etwa am offenen Körper) sowie Beschneidungsszenen.
Die Wissenschaftler maßen zum Beispiel die Herzrate und den Angstschweiß. „Wir konnten feststellen, dass in der Kindheit beschnittene Männer speziell auf die Beschneidungsszenen ähnliche Reaktionsmuster zeigten wie traumatisierte Menschen“, erklärt Matthias Franz. Würde man sie fragen, ob sie ein Problem mit Beschneidung hätten, dann könnten sie das zwar verneinen. „Aber unbewusst“, so Franz, „reagieren sie mit starkem Stress, wenn sie an die Schmerzen und Ängste ihrer Beschneidung erinnert werden.“