Osnabrück

Russland-Ukraine-Konflikt: Kultur wird zur Frage nationaler Identität

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 23.02.2022 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ukrainian demonstrators rally in Kiev, Ukraine on Saturday, February 12, 2022, held to show unity amid US warnings of an Foto: www.imago-images.de
Ukrainian demonstrators rally in Kiev, Ukraine on Saturday, February 12, 2022, held to show unity amid US warnings of an Foto: www.imago-images.de
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Im Russland-Ukraine-Konflikt spielt die Frage nach nationaler Identität der Ukraine eine zentrale Rolle. Das spiegelt sich im Schaffen der Kulturakteure.

Als Marc Raymond Wilkins am Montag die Putin-Rede gehört hatte, packte er zusammen mit seiner ukrainischen Frau die Koffer. Die beiden wollten Kiew verlassen und zumindest in ihr Landhaus fahren. Maryana Golovchenko erzählt eine ähnliche Geschichte von ihrer Familie in Kiew: Die haben ebenfalls Koffer und Erste-Hilfe-Set gepackt und sich umgeschaut, wo sie im Falle eines Falles hingehen könnten. Im Falle, dass Putin Bomben und Truppen nach Kiew schickt. Denn, auch das erzählen Wilkins und Golovchenko übereinstimmend, Kiew liegt nur 150 Kilometer südlich der belarussischen Grenze. Ein Katzensprung für die russischen Bataillone, die Putin dort hat hinverlegen lassen.

Wilkins und Golovchenko kennen sich nicht. Wilkins stammt aus der Schweiz, ist in Freiburg aufgewachsen und hat als Filmregisseur alle möglichen Winkel der Welt kennengelernt. Dass er seit ein paar Jahren in Kiew lebt, darf man daher getrost als Statement für die Stadt und die Ukraine werten. Golovchenko ist Sängerin, Musikerin, und in Kiew geboren, „noch zu Sowjetzeiten“, wie sie sagt. Seit 2011 ist Rotterdam ihr Zuhause, aber der Kontakt zur Familie in Kiew ist eng. Gerade jetzt, wo die Familie auf gepackten Koffern sitzt, bereit zu Flucht. Oder?

Am Tag nach Putins Rede sitzt Wilkins in seiner Galerie „The Naked Room“. Er spricht über mögliche Bombenhagel auf Kiew: „Ich habe Angst, ja“, sagt er. Aber er wohnt nahe bei der Sophienkathedrale in der Altstadt von Kiew. „Das ist ein heiliger Ort für die orthodoxe Kirche“, sagt Wilkins. Den wird Putin nicht der Zerstörung durch russische Bomben preisgeben, hofft Wilkins. Das genügt ihm und seiner Frau als Sicherheit; sie bleiben. Wie Maryanas Familie. „Wir wohnen im siebten Stock“, sagt sie. „Wie soll meine Großmutter das Haus verlassen?“ Die Tochter der Großmutter, Maryanas Mutter, scheint eine resolute Frau zu sein. Übrigens: Die Großmutter ist Russin.

Beide Reaktionen scheinen typisch zu sein für den Umgang der Ukrainer mit der Gefahr eines Krieges: Die Menschen arrangieren sich damit. Und Kunst und Kultur werden zum Ausdruck dieses Umgangs.

Maryana Golovchenko zum Beispiel hält in ihrer neuen Heimat die Verbindung zur alten: Sie singt im Trio mit einem türkischen Cellisten und einem katalanischen Tonkünstler einen Jahreszeiten-Zyklus mit Liedern aus der Ukraine, stellt Folklore ihrer Heimat in einen internationalen, experimentellen Kontext.

In der bildenden Kunst macht Marc Wilkins zwei Trends aus: Einerseits thematisieren Künstler bewusst das Thema einer nationalen, ukrainischen Identität, andererseits gebe es einen Teil der Künstler, die das ausdrücklich ablehnen, weil sie sich in ihrer Kunst nicht von einem Thema okkupieren lassen wollen, das von außen auf das Land einwirkt.

Von außen: Das ist Russland. Mit seiner Rede habe Putin es offziell gemacht, dass er der Ukraine keine eigene Identität zugesteht, sagt Golovchenko. Sie stellt das in eine lange unheilvolle Tradition: „In den 1930er Jahren sind Künstler verhaftet und ermordet worden, die sich auf ihre eigen ukrainische Kultur berufen haben“, sagt sie. Wilkins erkennt ebenfalls die Absicht Putins, die ukrainische kulturelle Identität „ausrotten“ zu wollen.

Das mag drastisch klingen; Fakt ist, dass Putin der Ukraine ihre eigene Identität abgesprochen hat. Sollte das der Versuch sein, die Ukraine zu spalten, geht das aber genauso daneben wie sein Versuch, auf größerer Ebene die westliche Welt zu spalten.

Ein wichtiges Merkmal kultureller Identität ist dabei die ukrainische Sprache. Ein Zeichen dafür sind Facebook-Profile: Bevor Russland die Krim annektierte und im Donbass einen Krieg inszenierte, stellten ukrainische Nutzer des sozialen Netzwerks oft die russische Sprache ein. Danach wurden die Facebook-Profile ukrainisch. „Die Sprache steht für Unabhängigkeit“, sagt Wilkins.

Ähnliches konstatiert der Filmemacher und Galerist für die Kunstszene. „Es gibt die Sehnsucht, das Figürliche loszulassen“, sagt er, „konzeptionell und experimentell zu arbeiten.“ Gleichzeitig wird die Ukraine selbst und ihre Geschichte zum Thema. Bezeichnend dafür steht Nikita Kadan, der für eine Schau in Lviv, ehemals Lemberg, Fotografien vom Pogrom in Lviv 1941 mit dem „Götzenbuch“ des jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz konfrontiert und so das Opfer-Täter-Verhältnis hinterfragt. Gleichzeitig sucht die Kunstszene den internationalen Austausch, und ein schöner Erfolg auf internationaler Bühne ist der ukrainische Pavillion bei der Biennale in Venedig, den die Galerie und namentlich der Künstler Pavlo Makov gestalten wird.

Nahezu komplett zum Erliegen gekommen ist jedoch der Austausch mit den russischen Nachbarn. „In Russland ist die Kunst stark kontrolliert“, sagt Wilkins – und das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Gesellschaft in der Ukraine anstrebt. Mit den Protesten von 2013/14 auf dem Maidan in Kiew hat sich eine Sehnsucht nach einer demokratischen, modernen Gesellschaft manifestiert.

Dafür ist man bereit, Opfer zu bringen. „Es gibt kaum noch eine Familie, die nicht direkt vom Krieg im Osten betroffen ist“, sagt Golovchenko. Männer melden sich als Freiwillige zur Armee, etliche sterben im Kampf um die Freiheit oder kehren als Invaliden zurück. Das hat Sängerin und Regisseurin Uliana Horbachevska letztes Jahr in der Musiktheaterproduktion „Ukraine – Terra incognita“ thematisiert – was belegt, welche zentrale Rolle das Nationalgefühl im kulturellen Leben der Ukraine einnimmt.

Aus der speziellen deutschen Perspektive wirkt das befremdlich. In der Ukraine aber ist Nationalgefühl gleichbedeutend mit kultureller Identität und Freiheit. Deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn ein Afro-Ukrainer mit Dreadlocks am Maidan steht, um seine Sammlung mit Reggae-Platten zu verkaufen – und den Erlös der Armee spendet. Und es ist eben auch kein Widerspruch, die Flucht vor russischer Aggression vorzubereiten, um zu bleiben.

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